VERKEHR: Tempo 30 auf Hauptstrasse: Köniz machts vor

Die Versuche mit Tempo 30 in den Ortszentren von Rothenburg und Adligenswil sind umstritten. In der Berner Gemeinde Köniz klappt dies bestens. Doch der Erfolg hatte seinen Preis.

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Damit Tempo 30 seine volle Wirkung entfalten kann, muss das Strassenbild vollständig umgestaltet werden, wie hier in Köniz BE. (Bild: PD)

Damit Tempo 30 seine volle Wirkung entfalten kann, muss das Strassenbild vollständig umgestaltet werden, wie hier in Köniz BE. (Bild: PD)

Simon Bordier

Ein Gutachten des Touring Clubs (TCS) zu Tempo-30-Zonen kam kürzlich zu einem vernichtenden Schluss: Die Einführung von Tempo 30 auf Hauptverkehrsachsen wie in Adligenswil und Rothenburg mache «keinen Sinn» (Ausgabe vom 27. März). Lediglich die Signalisation zu ändern, wie dies in den Pilotversuchen in Adligenswil und Rothenburg gemacht wurde, genüge aber nicht. Es bräuchte auch umfassende flankierende Massnahmen, damit die gewünschte Temporeduktion von den Autofahrern akzeptiert wird. Würde man diese Massnahmen aber umsetzen, würde der Verkehr auf diesen stark befahrenen Hauptstrassen zusammenbrechen, so die Befürchtung des TCS. Denn flankierende Massnahmen zu Tempo 30 bestehen meist aus baulichen Hindernissen und Strassenverengungen. So haben etwa in Adligenswil allein schon zwei Poller, welche die Strasse an einer Stelle verengten, zeitweise für ein Verkehrschaos gesorgt.

Schneller trotz Temporeduktion

Wie man Tempo 30 auf einer stark befahrenen Hauptstrasse erfolgreich umsetzen kann, zeigt die Berner Vorortsgemeinde Köniz. Im dortigen Zentrum wurde schon vor zehn Jahren das Tempo von 50 auf 30 km/h reduziert. Seither hat die Zahl der Unfälle mit Fussgängern um einen Drittel abgenommen, obwohl sich rund fünfmal mehr Passanten im Zentrum bewegen. Und erstaunlicherweise kommen die Autofahrer sogar schneller vorwärts als vorher, da der Verkehr flüssiger geworden ist. Die Fahrt durchs Zentrum dauert trotz Temporeduktion im Schnitt nur noch vier statt sechs Minuten.

Dies scheint zu funktionieren, obwohl die Strasse nach wie vor sehr stark befahren ist: 18 000 Autos fahren täglich durch das Könizer Zentrum. Zum Vergleich: In Adligenswil sind es lediglich 7000 Autos pro Tag. Entsprechend gilt Köniz als eine Art Modellgemeinde. «Der Fall zeigt beispielhaft, dass eine 30er-Zone auch auf verkehrsorientierten Strassen funktioniert», meint Markus Sigrist, Gemeinderat in Adligenswil.

Der Erfolg in Köniz hatte allerdings seinen Preis: 18 Millionen Franken nahm die Gemeinde in die Hand, um das Zentrum völlig umzugestalten. Ampeln und Fussgängerstreifen wurden aufgehoben – Fussgänger und Autofahrer sollen sich mit Blicken und Gesten verständigen. Stefan Studer, Oberingenieur des Kantons Bern, erinnert sich, dass die Bevölkerung in Köniz der Abschaffung der Fussgängerstreifen zunächst «sehr skeptisch» gegenüberstand. «Aber alle Verkehrsteilnehmer haben sich erstaunlich schnell daran gewöhnt. Heute wünscht sich in Köniz kaum jemand das alte Verkehrsregime zurück», ist Studer überzeugt.

Genug Platz für alle

Eine wichtige Voraussetzung für die Koexistenz von Fussgängern und Autos sei der Einbezug des gesamten Strassenraums inklusive der Vorplätze: «Erst die Neuaufteilung der Flächen hat es ermöglicht, dass sich Autofahrer, Velofahrer und Fussgänger den Raum sicher teilen können», erklärt Studer. Der Grundsatz lautet, dass alle Verkehrsteilnehmer genügend Platz haben sollen – was aber nur dank einer völligen Umgestaltung des Strassenraums gelang. Mit der «Light-Variante» in Adligenswil wurde genau das Gegenteil erreicht – wegen der Poller haben die Fahrzeuge nun weniger Platz, und die Busse haben Mühe beim Kreuzen. Dazu meint Markus Sigrist: «Das Verkehrsaufkommen ist deutlich geringer als in Köniz.» Mit Tempo 30 kämen Autos immer noch «problemlos» aneinander vorbei, sagt er. Ohnehin befinde man sich noch mitten in der einjährigen Versuchs­phase.

Auf bauliche Massnahmen verzichtet

Ähnlich klingt es bei Andreas Heller, Abteilungsleiter Verkehrstechnik des Kantons Luzern. Er ist für die 30er-Zone in Rothenburg zuständig, einem Pilotprojekt, das im März zu Ende gegangen ist. «Ein zwölfmonatiger Pilotversuch kann nicht eins zu eins mit einer definitiven Lösung wie Köniz verglichen werden.» In Rothenburg wurde ganz auf bauliche Massnahmen verzichtet. «Für einen zwölfmonatigen Versuch ist es nicht verhältnismässig, kostenintensive Anpassungen an der Strasseninfrastruktur vorzunehmen», sagt Heller. Die täglich 11 000 Autos könnten im Rothenburger Zentrum ohnehin nicht viel schneller als 30 fahren. «In Rothenburg fanden wir relativ gute Voraussetzungen vor, um eine 30er-Zone ohne grössere flankierende Massnahmen einzu­führen.»

So sah das Dorfzentrum von Köniz bis vor 10 Jahren aus. (Bild: PD)

So sah das Dorfzentrum von Köniz bis vor 10 Jahren aus. (Bild: PD)