VERKEHR: Tempo 30: Das sind die Regeln

In der Region gibt es immer mehr 30er-Zonen. Diese sorgen bei Anwohnern und Verkehrsteilnehmern oft für Verwirrung. Wir zeigen Ihnen, welche Vorschriften dort gelten.

Raphael Gutzwiller
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Das sagen die Verordnungen. (Bild: Neue LZ (Archiv))

Das sagen die Verordnungen. (Bild: Neue LZ (Archiv))

Es gibt immer mehr Tempo-30-Zonen im Raum Luzern. Die entsprechenden Massnahmen werden oft kritisiert. So wurde in Gisikon ein Fussgängerstreifen nahe einer Schule aufgehoben, und in Adligenswil wurde die Strasse mit Pollern verengt. In Horw sorgten die Parkierungsregeln in den neu geplanten 30er-Zonen für Verwirrung (wir berichteten).

Überqueren überall erlaubt

Welche Regeln in den inzwischen auch auf Durchgangsstrassen verbreiteten 30er-Zonen wirklich gelten, wissen nur wenige. So darf es in 30er-Zonen beispielsweise keine Fussgängerstreifen geben. Einzig in der Nähe von Schulen und Heimen sind diese möglich. Aber nur, wenn «besondere Vortrittsbedürfnisse» dies erfordern, wie es in der entsprechenden Verordnung zum Strassenverkehrsgesetz heisst. «Das Ziel ist es, flächiges Queren zu ermöglichen», erklärt Andreas Heller, Abteilungsleiter Verkehrstechnik der Dienststelle Verkehr und Infrastruktur (VIF) des Kantons Luzern. Die Dienststelle ist für die Umsetzung der Bundesverordnung zuständig. «Flächiges Queren» bedeutet: Die Fussgänger sollen überall kreuzen können – ganz ohne Fussgängerstreifen. Doch Vortritt haben in der 30er-Zone grundsätzlich die Autofahrer und nicht die Fussgänger. Eine Ausnahme kann es bei Kindern geben: «Die Autofahrer sollen halten, wenn Kinder die Strasse überqueren wollen», so Heller. «Die Kinder sollen mit den Autofahrern Sichtkontakt herstellen und so verdeutlichen, dass sie die Strasse queren wollen.» Das steht auch in der Verkehrsregelverordnung: Dabei muss der Autolenker die Geschwindigkeit mässigen und nötigenfalls halten, wenn Kinder offensichtlich nicht auf den Verkehr achten. Ein eigentliches Vortrittsrecht gibt es aber auch für Kinder nicht.

Des Weiteren haben Fahrzeuge auf Strassen ohne Fussgängerstreifen im Kolonnenverkehr zu halten, wenn Fussgänger darauf warten, die Fahrbahn zu überqueren. Andreas Heller appelliert bei allen Verkehrsteilnehmern an die Toleranz. «Es wird zu sehr auf den Vortritt gepocht.» Durch das Herstellen des Sichtkontakts seien Strassen ohne Fussgängerstreifen so sicher wie solche mit. «Die Fussgängerstreifen vermitteln eine falsche Sicherheit. Die Kinder schauen ohne Fussgängerstreifen genauer.»

«Warte, luege, lose» gilt weiter

Wie bringt man Kindern bei, ohne Fussgängerstreifen die Strasse zu überqueren? Erwin Gräni, Chef Verkehrsinstruktion der Luzerner Polizei, ist zuständig für die Schulung. «Das Verhalten zum Überqueren der Strasse ist für die Kinder in der 30er-Zone ähnlich wie auf einem Fussgängerstreifen. Der Hauptunterschied ist, dass die Kinder keinen Vortritt haben», so Gräni. «Warte, luege, lose, laufe» zähle aber weiterhin. «Kinder dürfen erst gehen, wenn kein Fahrzeug herannaht oder ein Fahrzeug stillsteht. Sie müssen dazu einen Sichtkontakt herstellen», so Gräni weiter.

An einigen Stellen werden die Fussgänger mittels gelber «Füsschen» am Strassenrand auf geeignete Querungsstellen hingewiesen. «Für Kinder kann es schwierig sein, abzuschätzen, wo die Strasse am sichersten überquert werden kann. Eltern sollen den Kindern daher auf ihren Schulwegen zeigen, wo sich eine Überquerung eignet», sagt Gräni.

In der neuen Tempo-30-Zone in Adligenswil wurde die Strassenverengung mit Pollern stark kritisiert. Anwohner sehen darin eine reine Schikane, zudem kann das Postauto nicht mehr kreuzen. Die Gemeinde argumentiert, dass der Kanton solche Massnahmen beim Erstellen einer Tempo-30-Zone fordere.

Dies bestätigt Andreas Heller teilweise: «Die gefahrene Geschwindigkeit richtet sich nach der Gestaltung der Strasse und nicht nach den Verkehrsschildern.» So soll der Beginn der Zone durch bauliche Massnahmen klar ersichtlich sein. Auch innerhalb der Zone sollen Verengungen und Hindernisse zur Temporeduktion eingesetzt werden.

Es darf überall parkiert werden

In der Gemeinde Horw sorgte sich der Quartierverein Ennethorw um die Parkplätze. Den Anwohnern wurde mitgeteilt, dass in 30er-Zonen Autos nicht am Strassenrand, sondern nur noch auf markierten Parkfeldern abgestellt werden dürfen. Das stimmt so nicht, sagt Heller. Diese Regelung gilt einzig in der Begegnungszone (Tempo 20). In 30er-Zonen kann weiterhin am Strassenrand parkiert werden – mit oder ohne Parkplatzmarkierung. Wobei gerade Parkplätze oft zur Verengung der Strasse eingesetzt werden. «Das ist eine beliebte Massnahme», so Heller.

Die Gemeinden müssen die Massnahmen ein Jahr nach Einführung einer 30er-Zone auf ihre Wirkung prüfen. Das bedeutet: Die Anzahl der Fahrzeuge sowie deren Tempo wird gemessen. Ziel ist es, dass in 30er-Zonen niemand mehr als 35 bis 38 Kilometer in der Stunde fahren kann. «Der Anhalteweg ist somit halb so lang wie bei Tempo 50», sagt Andreas Heller.