VERKEHR: Werden ältere Autofahrer schikaniert?

Wer älter als 70 ist, muss alle zwei Jahre seine Gesundheit prüfen lassen – damit der Führerausweis verlängert wird. Eine sinnvolle Massnahme. Doch viele ältere Autofahrer fühlen sich gegängelt.

Wolfgang Holz
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So mancher Autofahrer mit über 70 sitzt noch sehr sicher hinterm Steuer. (Archivbild Guido Röösli)

So mancher Autofahrer mit über 70 sitzt noch sehr sicher hinterm Steuer. (Archivbild Guido Röösli)

Schon seit Jahren schnarcht der 76-jährige Zuger des Nachts. Schlafapnoe nennt sich dieses Übel – was Atemaussetzer zur Folge hat. Und was Schläfrigkeit am nächsten Tag verursachen kann. Auch hinterm Steuer. Doch besagter Automobilist ist deswegen schon seit Jahren in Behandlung. Er trägt während des Schlafs eine sauerstoffsättigende Maske. Sein Hausarzt weiss seit Jahren Bescheid und behandelt ihn. Deshalb ist es bis jetzt auch für den Senior noch nie ein Problem gewesen, dass er seinen Fahrausweis um zwei weitere Jahre verlängert bekam.

Doch seit letztem Mal ist plötzlich alles anders. Da flattert dem rüstigen Rentner ein Schreiben ins Haus mit der gnadenbrothaft wirkenden Überschrift: «Belassen des Führerausweises unter Auflagen» mit dem einleitenden Satz: «Sehr geehrter Herr Soundso (Name der Redaktion bekannt), wir sehen vor, Ihnen den Führerausweis unter Auflagen zu belassen.»

Verfügung kostet 100 Franken

Als Grund wird just besagte Schlafapnoe angegeben. Dazu könne Herr Soundso innert 10 Tagen Akteneinsicht nehmen oder zum rechtlichen Gehör erscheinen. Falls dies nicht geschehe, werde aufgrund der Akten entschieden. Will heissen: Es wird ihm am Ende eine Verfügung zugestellt, an deren Anordnungen er sich halten muss – sprich: regelmässige ärztliche Kontrollen, vorzugsweise bei einem Pneumologen am Kantonsspital, regelmässige Einnahmen verordneter Medikamente und Kontrolle der Schlafapnoe. Das bürokratische Sahnehäubchen obendrauf: Die «Dauerverfügung» des Kantons ist nicht gratis, sondern kostet 100 Franken.

Was ist da passiert? Seit Ende letzten Jahres hat das Strassenverkehrsamt Zug im Auftrag der Sicherheitsdirektion die Untersuchungen von über 70-jährigen Autofahrern offenbar verschärft. Ab sofort figurieren nämlich im Vergleich zum früheren Formular der «Anamnese und Befunde», die der Hausarzt auszufüllen hat, im neuen solche Indikationen wie Schlafapnoe und Diabetes auf der Liste als anzukreuzende Hinweise für die ärztliche Begutachtung über die Fahreignung. Eigentlich keine schlechte Sache. Doch der Ton macht die Musik. «Denn eine ganze Gruppe von Personen, auch in meinem Freundeskreis, hat nun so einen Brief bekommen, der einer gelben Karte im Fussball entspricht», ärgert sich besagter 76-Jähriger. Dieser hat übrigens seit 1957 den Führerausweis und seiner eigenen Aussage nach mit dem Auto noch nie aktenkundige Sachschäden verursacht, geschweige denn einen Personenschaden.

«Entwürdigende Tauglichkeitstests»

Was den älteren Automobilisten am meisten stört: «Jetzt entscheiden offenbar Juristen auf dem Strassenverkehrsamt über meinen Gesundheitszustand.» Ein Unterägerer Senior hat die «entwürdigenden Tauglichkeitstests» für ältere Automobilisten in einem Leserbrief in unserer Zeitung jüngst angeprangert: «Ich habe gerade den beschämenden Test beim Arzt hinter mir. Kein anderes Land in Europa verlangt solche Tests. Da werden offenbar die Einwohner, welche für das Land viel getan haben, noch geschätzt.»

Wobei diese zusätzliche Bürokratie System hat. Denn schon im Rahmen eines Aussprachepapiers von 2009 stellte der Regierungsrat fest, «dass die befassten Arztpersonen», die den Gesundheitszustand der Automobilisten bisher überprüfen, «über keine reglementierte verkehrsmedizinische Aus- und Weiterbildung verfügen oder dass Arztpersonen aufgrund der langjährigen Betreuung von Patienten in Interessenkonflikte geraten können.» Die Idee der dem Kantonsarzt unterstellten Fachstelle «Verkehrsmedizinische Begutachtungen plus» war geboren. Doch die Zuger Ärzteschaft liess sich nicht ausbooten, sondern verpflichtete sich eben auf weiterbildende Massnahmen – gerade bei den periodischen Kontrolluntersuchungen für über 70-Jährige. Alles zum Wohl der Verkehrssicherheit.

Dabei stehen die «Alten» in der Unfallstatistik der Zuger Polizei von 2014 gar nicht schlecht da. Hauptunfallverursacher sind andere – mit riesigem Vorsprung die Junglenker, vor allem die 20- bis 24-Jährigen. Konkret bauten Personen zwischen 20 und 34 Jahren 2014 84 Unfälle, solche zwischen 70 und 84 Jahren gut dreimal weniger: 26. Ganz zu schweigen vom viel unfallträchtigeren «Mittelalter».

Beim Strassenverkehrsamt in Zug sieht man die Sachlage ganz anders. «Die verkehrsmedizinischen Untersuchungen haben sich in den letzten Jahren nicht verschärft», versichert Patrik Brunner, Bereichsleiter Recht. Da das Strassenverkehrsamt seit dem 1. August 2013 im Kanton Zug ein Weiterbildungsobligatorium für Ärzte kenne, welche verkehrsmedizinische Untersuchungen durchführen, werde die Qualität der Untersuchungen sichergestellt. Das Formular zur Übermittlung der Ergebnisse der verkehrsmedizinischen Untersuchungen sei im Oktober 2014 eben an das elektronische Übermittlungsformular («emedko») angepasst worden. Brunner: «Eine Ausweitung der Indikationen ist nicht geschehen. Wir halten uns vollumfänglich an die Vorgaben der Verkehrsmediziner beziehungsweise der Schweizerischen Gesellschaft für Rechtsmedizin (SGRM).»

Kognitive Defizite und Demenz

Der Führerausweis wird laut Strassenverkehrsamt allen Personen nur unter Auflagen erteilt oder belassen, welche nur unter Auflagen fahrgeeignet sind – unabhängig vom Alter. Die weitaus häufigste Auflage sei die Auflage, beim Führen eines Motorfahrzeugs eine Sehhilfe tragen zu müssen. «Tatsache ist, dass das Strassenverkehrsamt oft erst anlässlich der ersten Altersuntersuchung mit 70 Jahren erfährt, dass Lenker an einer gemäss den Verkehrsmedizinern medizinisch relevanten Krankheit wie etwa Diabetes leiden», so Brunner. Müssten in solchen Fällen Auflagen angeordnet werden, geschehe dies mittels einer Dauerverfügung, die einmalig 100 Franken koste. «Am häufigsten ist die Fahreignung aufgrund kognitiver Defizite und beginnender Demenz nicht mehr gegeben.»

Wolfgang Holz