VERKEHR: Widerstand gegen Streifen-Entfernung

Die Stadt Luzern will 30 Fussgängerstreifen in 30er-Zonen entfernen. Die Organisation Pro Senectute kritisiert dieses Vorgehen.

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Eine Frau im Rollstuhl überquert mit ihrem Helfer die Steinhofstrasse beim Altersheim Eichhof in der Stadt Luzern. (Bild Corinne Glanzmann)

Eine Frau im Rollstuhl überquert mit ihrem Helfer die Steinhofstrasse beim Altersheim Eichhof in der Stadt Luzern. (Bild Corinne Glanzmann)

Yves Portmann

In der Stadt Luzern weisen 246 Fussgängerstreifen Sicherheitsmängel auf. Prioritär wird die Stadt nun 133 Fussgängerstreifen auf Gemeindestrassen für 1,2 Millionen Franken sanieren. Dazu hat der Grosse Stadtrat am 6. März grünes Licht gegeben und den entsprechenden Kredit bewilligt. Die Fussgängerstreifen sollen in Zukunft sicherer, übersichtlicher und einfacher zu überqueren sein. Doch Sanierung bedeutet für rund 30 Fussgängerstreifen in Tempo-30-Zonen in Tat und Wahrheit deren Aufhebung. Auch in anderen Gemeinden in der Region Luzern kam es zu Diskussionen rund um die Entfernung von Fussgängerstreifen in 30er-Zonen. So etwa in Rothenburg oder in Gisikon (wir berichteten).

«Unnötige Verunsicherung»

Stefan Brändlin, kantonaler Geschäftsleiter der Seniorenorganisation Pro Senectute, ist gegen die Aufhebung von Fussgängerstreifen in Tempo-30-Zonen: «Wir unterstützen, was zur Sicherheit und zum Schutz der Senioren auf der Strasse beiträgt. Wir befürworten deshalb ganz klar die Beibehaltung von Fussgängerstreifen.» Denn Fussgängerstreifen würden sowohl das subjektive Sicherheitsgefühl stärken und durch die erhöhte Aufmerksamkeit der Autofahrer auch die effektive Sicherheit erhöhen. Ein beliebiges Überqueren von Strassen, wie es in Tempo-30-Zonen vorgesehen ist, könne zu unnötigen Verunsicherungen und gefährlichen Situationen führen: «Ältere Menschen sind vermehrt auf klare Orientierung angewiesen Fussgängerstreifen vermitteln dies ohne Zweifel», sagt Brändlin. Ältere Menschen seien zudem oftmals in der Gehsicherheit, der Reaktionsfähigkeit sowie in der Seh- und Hörfähigkeit beeinträchtigt.

Brändlin stellt auch die Annahme, dass die Aufmerksamkeit von Autofahrern in Tempo-30-Zonen automatisch erhöht ist, in Frage: «Ich glaube nicht unbedingt, dass Autofahrer in Tempo-30-Zonen generell aufmerksamer sind rund um Fussgängerstreifen jedoch mit Sicherheit.» Kurse zur Fussgängersicherheit bietet Pro Senectute momentan nicht an. Indirekt tragen aber Kurse für Automobilisten auch zur Sicherheit der Fussgänger bei. «Wir führen Fahrkurse für sicheres Autofahren für Senioren durch – die Mobilität ist ein starkes Bedürfnis», so Brändlin.

Müssen Strassen saniert werden?

Intensiv mit der Verkehrssicherheit von Fussgängern beschäftigt sich der Fachverband Fussverkehr Schweiz. Auch Geschäftsleiter Thomas Schweizer ist grundsätzlich für die Beibehaltung von Fussgängerstreifen: «Gerade Kinder und ältere Menschen sind auf vortrittsberechtigte Querungsstellen angewiesen.» Ein Problem ortet Schweizer bei den Strassen selbst: «Die meisten Strassen stammen aus den 1960er- bis 1990er-Jahren und wurden verkehrs- und nicht siedlungsorientiertdie Fuss gebaut. Hier macht eine Aufhebung selten Sinn.» Bei neueren Quartierstrassen könnten Fussgängerstreifen je nach Situation und Verkehrsaufkommen – aber weggelassen werden. «Ältere Strassen, bei denen Fussgängerstreifen verschwinden sollen, müssen zwingend umgebaut werden – beispielsweise durch eine punktuelle Einengung, um die Sichtverhältnisse zu verbessern und die Querungsdistanz zu verkürzen. Alternativ kann mittels Aufpflasterung eine Verkehrsverlangsamung erreicht werden», erklärt Schweizer.

Ein Augenmerk richtet Schweizer auch auf die Trottoirs: Fehlt der Fussgängerstreifen, müssten die Trottoirs an geeigneten Stellen abgesenkt und behindertentauglich gemacht werden. Ein weiteres Problem beim Wegfallen von Fussgängerstreifen ortet der Geschäftsführer von Fussverkehr Schweiz für sehbehinderte Personen. «Fussgängerstreifen sind ausgeschildert und für Sehbehinderte wie auch Blindenführhunde erkennbar. Fallen diese weg, fehlen auch Orientierungshilfen», gibt Schweizer zu bedenken.

Auf Fussgängerstreifen angewiesen

Die gemeinnützige Aktiengesellschaft Viva Luzern führt im Auftrag der Stadt zahlreiche Alters- und Pflegeheime sowie betreute Wohnungen. «Unsere Bewohner sind auf Fussgängerstreifen angewiesen», sagt Joel Früh, Leiter Unternehmensentwicklung. Die Strasse sei generell ein unsicheres Terrain für ältere Personen, weshalb auch aktiv Verhaltensregeln und Hinweise kommuniziert werden. Früh geht in Sachen Fussgängerstreifen gar noch einen Schritt weiter: «Ein Standort unseres Angebotes ‹Wohnen mit Dienstleistungen› befindet sich an der Taubenhausstrasse einer Tempo-30-Zone. Würden dort die Fussgängerstreifen entfernt, müssten Fussgänger generell Vortritt haben wie in Begegnungszonen mit Tempo 20.»

Strasse ist schwieriges Pflaster

Auf der Rigistrasse gilt ebenfalls Tempo 30. Hier befindet sich das Pflegeheim St. Raphael mit 46 Plätzen. «Für unsere Bewohner ist die Strasse generell ein schwieriges Pflaster. Wir sind deshalb froh, dass wir gleich vor der Türe einen Fussgängerstreifen haben», sagt Teamleiterin Susanne Haas. Die Platzverhältnisse seien aber eng und unübersichtlich. Auch sind auf der Strasse Fussgängerstreifen aufgehoben worden. «Zum Glück ist es aber noch nie zu einem Unfall gekommen. Die Gefahr relativiert sich insofern, als viele unserer Betagten das Haus nur begleitet verlassen.» Im Hinblick auf die entfernten Fussgängerstreifen überlege man sich, spezielle Schulungen für einzelne Bewohner zur sicheren Strassenüberquerung anzubieten.

Tipps: Hier finden Sie Tipps zur Fussgängersicherheit für Senioren: www.luzernerzeitung.ch/bonus