VERNISSAGE: «Brände haben die Stadt Luzern geprägt»

Ein neues Buch zeigt, wie sich Menschen seit 700 Jahren gegen Feuer zur Wehr setzen. Es erzählt tragische, aber auch skurrile Geschichten aus der Stadt Luzern.

Lena Berger
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Im Jahr 1919 bekämpfte die Luzerner Feuerwehr Brände noch mit Dampfspritzen, die von Pferden gezogen wurden. (Bild: PD)

Im Jahr 1919 bekämpfte die Luzerner Feuerwehr Brände noch mit Dampfspritzen, die von Pferden gezogen wurden. (Bild: PD)

Luzern wurde oft durch Feuer verwüstet. Die Narben sind teilweise heute noch zu sehen, wenn man weiss, wo man sie findet. So war etwa der Turm am stadtbekannten Zurgilgenhaus beim Schwanenplatz ursprünglich eckig. Er fiel 1495 einem Feuer zum Opfer, bei dem auch drei Männer umkamen. Erst später wurde er durch den runden Turm ersetzt. «Brände und die Bemühungen, sie zu verhindern, haben das Stadtbild geprägt», erzählt der ehemalige Feuerwehrkommandant Peter Frey-Corrodi, der unzählige Dokumente für das Buch «Luzern zur Wehr» zusammengetragen hat. Die Chronik beschreibt, wie sich die Luzerner in den letzten 700 Jahren gegen Brände geschützt haben und wie sich die Feuerwehr der Stadt Luzern entwickelt hat.

Backen und Waschen verboten

Die ersten behördlichen Erlasse zur Brandverhütung in Luzern gehen auf das Jahr 1315 zurück. Dutzende folgten in den Jahren darauf. Wenn etwa der Wind wehte, so hatte man aufzustehen und in seinem Hause über dem Feuer zu wachen. Brot durfte ab 1610 in Wohnhäusern nicht mehr gebacken werden. Ebenso war das Waschen in hölzernen Häusern verboten. Wer diese Gesetze missachtete, dem drohten saftige Bussen oder sogar die Verbannung.

Auch versuchte man mit Gebeten die Brandgefahr abzuwenden. Am 5. Februar etwa, dem Tag der heiligen Agatha, der Schutzpatronin gegen Feuer, brachte man Brote vom Kirchgang heim. Sie wurden aufbewahrt, um sie bei einem allfälligen Brand ins Feuer werfen zu können. So glaubte man, sich gegen die Flammen schützen zu können.

Übereifer an der Dampfspritze

Heute haben solche Bräuche und Vorschriften ihre Bedeutung verloren. Und auch die Einsatzmittel im Kampf gegen das Feuer haben seither einen erstaunlichen Wandel durchgemacht, wie das Buch zeigt – vom verbeulten Löscheimer zum modernen Hightech-Tanklöschfahrzeug. Letzteres wurde allerdings zu spät erfunden für den armen Wachtmeister Urech. Dieser hat 1919 im «Übereifer» ein relativ schwierig zu bedienendes Löschgerät, eine Dampfspritze, unter Dampf auf den Bramberg gefahren. Durch die «Bedienung unkundiger Mannschaft» sei die selbige unbrauchbar geworden, wie in der Chronik nachzulesen ist. Der Wachtmeister entging nach dem Malheur der geforderten sofortigen Entlassung nur knapp – und kam mit einer «scharfen Verwarnung» davon.

Erstaunlich ist auch die Entwicklung der Alarmierungssysteme. Noch 1894 war das Alarmzeichen zur Tageszeit das ununterbrochene Läuten der Glocken auf dem Rathausturm und der Franziskanerkirche sowie das Blasen der Feuerhörner. Zur Nachtzeit wurde überdies auf dem Hochwachtturm auf der Mus­egg geschossen. Sobald die Schüsse erklangen, war die Direktion der Gasfabrik verpflichtet, mit «möglichster Eile sämtliche Gaslaternen der Stadt anzünden zu lassen». Die Feuerhörner dienten noch lange Zeit zur Warnung der Bevölkerung in den Quartieren. Die sogenannten Alarmbläser waren die ersten Personen in der Region, die über einen Telefonanschluss verfügten – damit sie im Brandfall schnell informiert werden konnten. Die Feuerhörner verloren zwar ab 1936 an Bedeutung, wurden aber erst 1978 definitiv abgeschafft. Heute erfolgt die Alarmierung der Einsatzkräfte grundsätzlich über Pager, die sofort über Art und Ort eines Einsatzes informieren.

Solidarität als Konstante

Theo Honermann, der heutige Kommandant der Luzerner Feuerwehr, freut sich über die neue Chronik. «Ich finde es spannend und lehrreich, zurückzuschauen. Das Buch macht uns bewusst, in welcher Tradition wir stehen. Und wie wichtig der Fortschritt in Technik und Einsatzführung ist.»

Tatsächlich brachten in der Vergangenheit Grossbrände grosses Leid über die Stadtbevölkerung (siehe Kasten). «Gleichzeitig hat der Kampf gegen die Flammen die Luzerner zusammengeschweisst und dazu veranlasst, einander in der Not beizustehen», sagt Autor Peter Frey-Corrodi. Bereits im Mittelalter seien umliegende Gemeinden den Luzernern im Brandfall zu Hilfe geeilt. «Bei allen Veränderungen ist diese Solidarität die Konstante in der 700-jährigen Geschichte der Luzerner Brandbekämpfung.»

Hinweis

Das Buch kostet 58 Franken. Erhältlich ist es über die Website der Feuerwehr: www.fwluzern.ch

Historische Brände in der Stadt Luzern

Trotz der Bemühungen der Luzerner, sich gegen Feuer zur Wehr zu setzen, gab es kein Jahrhundert, in dem die Stadt nicht von Grossbränden heimgesucht wurde.

1340: Ein Feuer äschert das ganze Gebiet am rechten Ufer der Reuss bis zum Löwengraben ein.
1412: An der Pfistergasse, wo sich Bäckereien und Schmieden befinden, bricht am Aschermittwoch ein Feuer aus. 31 Häuser brennen nieder.
1508: Die äussere Weggisgasse wird Schauplatz eines Grossbrandes. Elf Häuser brennen nieder.
1633: Die Hofkirche wird am Ostersonntag mit Ausnahme der beiden Türme ein Raub der Flammen.
1833: In der Fronleichnamswoche fallen elf Häuser unter der Egg und an der Kornmarktgasse einem Brand zum Opfer.
1971: Der Luzerner Bahnhof wird durch ein Feuer zerstört.
1993: Die Kapellbrücke geht in Flammen auf.