VERPFLEGUNG: Zahlzwang für Hotelmitarbeiter

Seit Mai gilt im Luzerner Fünfsternehotel Palace eine neue Regelung: Jeder Mitarbeiter bezahlt 4 Franken pro Tag für Verpflegung unabhängig davon, ob er Essen konsumiert.

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Blick auf das Hotel Palace in der Stadt Luzern. (Bild Philipp Schmidli)

Blick auf das Hotel Palace in der Stadt Luzern. (Bild Philipp Schmidli)

Carole Gröflin

120 Mitarbeiter sind im Fünfsternehotel Palace Luzern tagtäglich für einen reibungslosen Betrieb besorgt. Das Hotel gehört seit rund 18 Jahren zur Victoria-Jungfrau Collection AG. Die Gruppe besitzt drei weitere Luxushotels in Interlaken, Zürich und Bern. Seit Mai gilt für die Luzerner Mitarbeiter ein neues Verpflegungsregime: Neu kann nicht mehr gewählt werden, ob für 10 Franken ein warmes Essen konsumiert oder gänzlich auf die Verpflegung verzichtet wird. Es ist obligatorisch, mindestens vier Franken pro Arbeitstag für Verpflegung zu bezahlen. Die Beiträge werden den Mitarbeitern pauschal abgezogen. Wer ein warmes Zmittag oder Znacht nehmen will, kann dies weiterhin für insgesamt 10 Franken tun. Die Idee hinter dem neuen System: eine faire Regelung für alle Mitarbeiter sowie eine Qualitätsverbesserung. So steht es im Änderungsvertrag, der Mitte Februar den Angestellten zugestellt wurde. Dieser liegt unserer Zeitung vor.

88 Franken im Monat

In den vier Franken inbegriffen ist Essen und Trinken von der sogenannten Snack-Ecke. «Der Unkostenbeitrag wird erhoben für Kaffee, Tee, Wasser, Früchte, Gipfeli, Brötchen, Amuse-Bouches», heisst es in der neuen Regelung. Der Abzug erfolgt pro Arbeitstag unabhängig davon, ob das zur Verfügung gestellte Angebot genutzt wird. So läppert sich innert eines Monats a 22 Arbeitstagen ein Beitrag von 88 Franken zusammen, der den Mitarbeitern direkt vom Lohn abgezogen wird.

Drei Mitarbeiter waren nicht einverstanden mit der neuen Regelung und verliessen den Betrieb auf Ende April. Gemäss Hoteldirektorin Catherine Hunziker stünden aber nicht alle Abgänge im Zusammenhang mit der neuen Regelung. Zwei Mitarbeiter hätten zuvor die Verpflegung von 10 Franken in Anspruch genommen, «lediglich ein Mitarbeiter verliess den Betrieb, weil er sich nicht mit dem neuen Verpflegungssystem anfreunden konnte».

Früher waren Snacks kostenlos

Bereits vor dem 1. Mai gab es im Hotel Palace einen Tisch mit Getränken, sporadisch wurden dort auch Gipfeli, Kuchen oder Früchte zur Verfügung gestellt. Diese waren für alle kostenlos. Seit Mai habe man diesen Service ausgebaut, weil er rege genutzt worden sei.

Hunziker erklärt die Änderung in Absprache mit der PR-Beauftragten der Victoria-Jungfrau Collection AG, Marika Zanoletti, wie folgt: «Da wir als Betrieb Verpflegung und Getränke anbieten, sind wir vom Gesamtarbeitsvertrag des Gastgewerbes und den Steuerbehörden gezwungen, auch etwas dafür zu verlangen. Aus unserer Erfahrung würden effektive Kosten etwa ein Kaffee- oder Getränkeautomat mit Münzeinwurf – für den Mitarbeiter höhere Kosten verursachen als der Abzug von 4 Franken pro Arbeitstag.» Der Gesamtarbeitsvertrag schreibt allerdings Folgendes vor: «Grundsätzlich sind nur die effektiv eingenommenen Mahlzeiten zu verrechnen, dies gilt auch für die Berechnung von pauschalen Abzügen.»

Abzüge durch Kanton neu geregelt

Und auch bei der Steuerbehörde klingt es anders. «Die Steuerbehörde setzt nicht fest, wie viel ein Betrieb seinen Mitarbeitern für Verpflegung in Rechnung stellen muss», sagt indes Paul Furrer, Mediensprecher der Dienststelle Steuern in Luzern. So sei es jedem Unternehmen selbst überlassen, zu welchem Tarif man die Arbeitnehmer verköstigen wolle. «Dies hat dann je nachdem unterschiedliche Folgen für den Lohnausweis und die Sozialversicherungsabgaben.» Der Gastro-Gesamtarbeitsvertrag sieht als Mindestansatz vor, dass für Mittagessen 10, für Abendessen 8 Franken berechnet werden.

Was mit dem Arbeitgeber nur indirekt zu tun hat: Vor einigen Jahren hat der Kanton Luzern die Abzüge für Verpflegung neu geregelt, dies mit dem Gedanken, den Steuerzahlern entgegenzukommen. Wenn ein Arbeitgeber ein Menü für weniger als 10 Franken anbietet, gelte die Verpflegung als vergünstigt. «Ergo kann weniger fürs Essen von den Steuern abgezogen werden.» Im Falle des Palace Luzern, wo eine Hauptmahlzeit 10 Franken kostet, kann dann ein maximaler Abzug von jährlich 3200 Franken geltend gemacht werden.

«Beigeschmack von Zwang»

Der auf Arbeitsrecht spezialisierte Anwalt Markus Götte sieht bei der neuen Verpflegungsregelung des Hotels Palace gewisse Probleme. «Eine Pauschale muss in etwa dem entsprechen, was vom Arbeitnehmer konsumiert wird.» Im Falle des «Palace» hätten die Mitarbeiter aber keine Wahl, ob sie vom Angebot überhaupt Gebrauch machen wollen. «Der Arbeitgeber darf nicht bestimmen, was der Arbeitnehmer konsumiert», führt der Luzerner Anwalt weiter aus. Ohne die genauen Details des Vertrags zu kennen, könne er aber keine differenzierte Einschätzung geben. Götte merkt allerdings an, dass es nach seinem Dafürhalten sonderbar sei, dass jemand in einem Hotel oder Restaurant arbeite, ohne sich dort zu verpflegen. «Nichtsdestotrotz hat diese neue Regelung den Beigeschmack eines Zwangs.»

Auf Anfrage beim Branchenverband Gastrosuisse und der Kontrollstelle für den Gesamtarbeitsvertrag des Gastgewerbes war keine differenzierte Meinung einzuholen. Man wolle sich nicht zu Einzelfällen äussern. Bei Hotel & Gastro Union, der grössten Berufsorganisation in der Hotellerie- und der Gastro-Branche mit Sitz in Luzern, war wegen Ferienabwesenheit niemand für eine Stellungnahme zu erreichen.