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«Meine Mama hat zwei Gesichter» –Luzernerin verprügelt Tochter

Eine Frau hat fünf Kinder und ist alleinerziehend. Als die älteste Tochter in die Pubertät kommt, versucht die Mutter mehrfach, ihr mit einer Holzkelle Vernunft beizubringen. So brutal sie daheim ist, so besonnen gibt sie sich vor Gericht.
Lena Berger

Haben Sie gegenüber Ihren Kindern je Gewalt angewendet? «Nein», antwortet die Frau ruhig auf die Frage des Richters. «Ich habe ein gutes Verhältnis zu meinen Kindern. Ich bin für sie da, sie können immer zu mir kommen. Seit wir nicht mehr mit dem Vater zusammenleben, haben wir es sehr gut.» Das Bild, das die Mutter an jenem Nachmittag vor dem Bezirksgericht von ihrer sechsköpfigen Familie zeichnet, ist ein geradezu idyllisches. Doch es widerspricht diametral dem, was ihre älteste Tochter darüber erzählt.

«Meine Mama hat zwei Gesichter und kann sich gut verstellen», sagte das Mädchen gegenüber den Polizisten, die sie im November vor drei Jahren vom Dach des Familienwohnhauses geholt haben. Dorthin war die damals 13-Jährige nach eigenen Angaben geflohen, weil ihr ihre Mutter erneut eine Ohrfeige verpasst hatte.

Die Frau lebt am Existenz­minimum – was belastend ist, erst recht bei fünf Kindern. Dennoch kann man sich kaum vorstellen, dass die Frau, die hier auf der Anklagebank sitzt und freundlich alle Fragen beantwortet, ihre Tochter jahrelang geschlagen haben soll – mit der flachen Hand, mit der Faust, teils gar mit einer Holzkelle. Zweimal musste die Tochter notfallmässig zum Arzt, weil ein Teil des Zahns abgebrochen war. Von einer «Lappalie, verursacht durch gemeinsames ‹Rutzen›», spricht die Mutter. Die Anwältin der Tochter sieht es anders.

«Die Beschuldigte bagatellisiert ihr Tun und stellt sich als fürsorgliche Mutter dar», sagt sie. In Wahrheit sei die Kindheit ihrer Tochter von Angst geprägt gewesen. Die Grossmutter habe mehrfach blaue Flecken an ihr festgestellt, und auch ein Bruder gab an, dass die Mutter zugeschlagen habe. «Trotzdem weist sie jede Schuld von sich und bestreitet, je gewalttätig gewesen zu sein.»

Vielmehr stelle sie sich als Opfer einer Verschwörung dar. Die Tochter sei es gewesen, die gewalttätig und aufmüpfig war. «Aus ihrer Sicht sind die Schläge gegenüber der Tochter dadurch gerechtfertigt. Das zeigt doch, dass sie Gewalt als Erziehungsmethode in Ordnung findet», so die Anwältin der Tochter. Die Schilderungen des Opfers seien stringent und würden sowohl durch die Aussage eines Bruders wie auch durch die Zahnunterlagen bestätigt.

Der Verteidiger der Mutter hingegen tut die ganze Sache als «Märchengeschichte» ab. Sein Plädoyer stellt er provokativ unter den Titel: «Wie ein pubertierendes Mädchen eine ganze Familie crashte.» Die Tochter stellt er als impulsiv, ja gar vulgär und aggressiv dar – und macht damit aus dem mutmasslichen Opfer die Täterin.

Dass die Tochter nicht glaubwürdig sei, zeige sich ja auch daran, dass sie erst kürzlich aus dem Heim abgehauen sei, in welchem sie heute lebe. Zudem habe sie kleinere Diebstähle begangen. Sie sei von der Grossmutter durch Geschenke bestochen worden, die erwähnten Aussagen zu machen. Die Grossmutter habe die Mutter so nötigen wollen, ihren Ex-Mann wieder zurückzunehmen. Die Mutter sei von allen Vorwürfen freizusprechen.

Es ist die Kernaufgabe eines Verteidigers, seiner Mandantin eine Verurteilung zu ersparen oder zumindest für eine milde Strafe zu plädieren. Ob man dabei ein mutmassliches Opfer in Misskredit bringt oder primär eine juristische Linie fährt, ist eine Frage des Stils. Vorliegend stritt der Verteidiger nicht nur ab, dass seine Mandantin der Tochter zweimal absichtlich eine Zahnverletzung zufügen wollte. Er argumentierte auch, dass der grösste Teil der Tätlichkeiten – sollten sie denn stattgefunden haben – ohnehin verjährt wäre. Zudem könne nicht mehr festgestellt werden, wer mit dem Schlagen angefangen habe.

Das Gericht stellt das Verfahren wegen der Tätlichkeiten ein, die vor April 2015 stattgefunden haben sollen – weil diese Taten verjährt sind. Für die Zeit danach jedoch wird die Mutter der mehrfachen einfachen Körperverletzung sowie mehr­facher Tätlichkeiten für schuldig befunden. Sie muss eine Busse von 1500 Franken und zudem 7200 Franken Verfahrens- und Gerichtskosten bezahlen. Sollte sie innerhalb von zwei Jahren rückfällig werden, würde zudem eine Geldstrafe von 4800 Franken fällig. Das Urteil ist allerdings noch nicht rechtskräftig, die Mutter ging in Berufung.

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