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Zwangsheirat: Verreist, verlobt, verheiratet

Seit genau fünf Jahren sind Zwangsheiraten in der Schweiz offiziell ein Verbrechen. Für junge Menschen steigt dennoch grade in den Sommermonaten das Risiko, in eine ungewollte Ehe gedrängt zu werden.
Ismail Osman
Während der Sommerferien häufen sich die Zwangsheiraten. (KEYSTONE/Gaetan Bally)

Während der Sommerferien häufen sich die Zwangsheiraten. (KEYSTONE/Gaetan Bally)

Zwangsheiraten und Zwangsehen gehören zu den besonders schwer greifbaren gesellschaftlichen Phänomenen: Dass sie existieren, bezweifelt kaum jemand, empirische Daten dazu gibt es jedoch so gut wie keine. Die Folge: Die Öffentlichkeit empört sich zwar ob den Einzelschicksalen der meist jungen Migrantinnen, jedoch bleibt schleierhaft, wie man dem Problem konkret entgegentreten soll. Und so gerät das Thema, trotz aller Empörung, jeweils schnell wieder in Vergessenheit.

Mit den anstehenden Ferienwochen steigt für junge Menschen die Gefahr, gegen ihren Willen verheiratet zu werden. Sie müssen befürchten, während der Ferien im Herkunftsland verlobt oder verheiratet zu werden. Auch in der Zentralschweiz kennt man das Problem der Zwangsheiraten in den Sommerferien. So versandte die Fachstelle Koordination Gewaltprävention des Kantons Luzern in den vergangenen Tagen eine Informationsbroschüre mit dem Titel «Wer entscheidet, wen du heiratest?» an Schulen der Oberstufe, Berufsschulen, die Schulsozialarbeit, Jugendtreffs und diverse Beratungsstellen.

Es droht der Bruch mit der Familie

Die Informationsbroschüre, welche in Deutsch und zehn Fremdsprachen verfasst ist, rät, seiner Familie frühzeitig mitzuteilen, dass man nicht heiraten möchte – was natürlich leichter gesagt als getan ist, wie auch Renate Gisler von der Fachstelle Koordination Gewaltprävention weiss. «Jeder dieser Fälle ist einzigartig und komplex. Die Betroffenen selbst kämpfen mit ambivalenten Gefühlen», erklärt Gisler. «Man liebt seine Familie, will diese glücklich und auch stolz machen. Gerade Menschen, die in der zweiten Generation hier leben und in unserer Kultur aufgewachsen sind, gewichten ihre eigenen Wünsche und Bedürfnisse anders.»

Die Informationsbroschüre rät dazu, sich bewusst auf die Ferien im Herkunftsland vorzubereiten. Dies etwa, indem man eine Beratungsstelle oder Vertrauensperson über die Befürchtung informiert, Kopien des Ausweises an einem sicheren Ort deponiert oder genug Geld zum Telefonieren mitnimmt. «Das wichtigste Anliegen der Broschüre ist es, Betroffene wissen zu lassen, dass es Anlaufstellen gibt, die genau wissen, wie komplex die Situation ist, und helfen können», sagt Gisler.

Tatsache ist aber, dass es für Betroffene meist keine einfache Lösung gibt. Meist bedeutet der einzige Ausweg einen Bruch mit der Familie, der mit einem Identitätswechsel verbunden sein kann.

Die rechtliche Lage ist hingegen glasklar. Heute vor fünf Jahren trat auf Bundesebene ein Gesetz in Kraft, welches Zwangsheiraten als Verbrechen einstuft. Diese können mit einer Freiheitsstrafe von bis zu fünf Jahren oder einer Geldstrafe geahndet werden. Die Bilanz ist allerdings ernüchternd. Zwar geht eine Erhebung des Bundes zwischen 2015 und 2017 von rund 900 Fällen von Zwangsheiraten aus. Die Zahl der gerichtlichen Verurteilungen lässt sich aber an einer Hand abzählen. Renate Gisler bestätigt, dass es im Kanton Luzern zwar schon zu mehreren Untersuchungen wegen vermuteter Zwangsheiraten gekommen ist, vor Gericht kam aber bis heute noch kein einziger Fall. «Dass ein Elternteil ins Gefängnis kommen könnte, ist meist das absolut Letzte, was eine betroffene Person will», weiss Gisler. Zeugenaussagen zu generieren, wird so aber zu einem Ding der Unmöglichkeit.

Klare Gesetzeslage hat präventive Wirkung

Die national tätige Fachstelle Zwangsheirat und Kompetenzzentrum des Bundes begrüsst das Engagement Luzerns mittels der Informationsbroschüren: «Es ist der ideale Zeitpunkt dafür und richtig, die Broschüre im Schulkontext zu verbreiten», sagt Geschäftsleiterin Bettina Frei. «Aus diesem Umfeld, sprich von Lehrpersonen, Schulleitungen, Schulsozialarbeitern und Schulpsychologinnen, erhalten wir die meisten Meldungen.» Diese haben in den letzten Wochen deutlich zugenommen. «Im Durchschnitt erhalten wir etwa fünf Meldungen pro Woche, derzeit sind es eher gegen zehn.» Unter anderem bietet die Fachstelle eine Vorlage für eine «eidesstattliche Erklärung gegen Verschleppung und Zwangsheiraten im Ausland» an. Diese kann vor der Abreise aus der Schweiz beglaubigt werden und hält die Wünsche einer potenziell betroffenen Person fest.

Grundsätzlich begrüsst Frei das Gesetzespaket von 2013 – auch wenn dieses bisher gerade mal zwei Verurteilungen bewirkt hat. «Es trug wesentlich zur Sensibilisierung bei und wirkt so sicherlich präventiv. Zudem ist es wichtig, dass man die Illegalität einer Zwangsheirat so schwarz auf weiss hat und das Gesetz auch im Ausland verbindlich ist.»

Hinweis: Mehr Informationen finden Sie auf www.gewaltpraevention.lu.ch, www.zwangsheirat.ch (Gratis-Help­line: 0800 800 007)

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