«Verschwinde»: Senioren bringen Stück übers Alter auf die Bühne

Vierzehn Schauspielerinnen und Schauspieler im Alter 60plus zaubern ein Feuerwerk an Emotionen auf die Bühne. Das Stück «Verschwinde» beleuchtet die Angst, im Alter unsichtbar zu werden.

Yvonne Imbach
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Die Spielerinnen und Spieler reihen sich an der Hauptprobe zu einer traurigen Polonaise ein. (Bild: Georgette Baumgartner-Krieg, Luzern, 19. März 2019)

Die Spielerinnen und Spieler reihen sich an der Hauptprobe zu einer traurigen Polonaise ein. (Bild: Georgette Baumgartner-Krieg, Luzern, 19. März 2019)

Die Zuschauer begreifen es erst nach einigen Spielsequenzen: Sie sind Gäste an einer Beisetzung, sitzen quasi in der Kirchenbank und hören zu, was über den Verstorbenen erzählt wird. Beerdigt wird Willy Habermacher, geboren 1948 in Schötz, das mittlere von fünf Kindern. Er verlor früh die Mutter, auch seine Frau ist ihm vorausgegangen. Von Beruf war er Posthalter in Pfaffnau. «Wäre er einer, der sich hätte tätowieren lassen, würde wohl ‹6264 Pfaffnau› auf seinem Hintern stehen», sagt einer seiner Weggefährten. Willys grosse Liebe gehörte der klassischen Musik und seinem Vokalensemble.

Fesselnd und voller feinster Pointen

Auch der Verstorbene erhält Gesicht und Stimme. Seine grösste Enttäuschung sei, dass die vorromantische Musik heute um hundert Prozent zu schnell vorgetragen werde. Das habe er beim Chefdirigenten des Luzerner Sinfonieorchesters reklamiert. Sein Brief blieb jedoch unbeantwortet. Willy prophezeit dem Dirigenten in einem zweiten Brief: «Sie sind jung, aber spätestens in dreissig Jahren werden auch Sie erfahren, wie es ist, wenn einem die Welt zum schwarzen Loch erwächst, zum echofreien Raum.»

Erwin Koch, Schriftsteller und Journalist, hat «Verschwinde» extra für das neu gegründete Ensemble «Greyhounds» des Luzerner Voralpentheaters geschrieben. Reto Ambauen hat es fesselnd und voller feinster Pointen inszeniert. Es ist Ambauens bereits 80. Produktion. Musiker Christov Rolla ist für die Dramaturgie, die musikalischen Arrangements und die Chorleitung zuständig. Die Lieder berühren und amüsieren.

Älteren Menschen eine Stimme geben

«Greyhounds» ist das jüngste Projekt des Voralpentheaters. Das Ensemble will sich mit Altersthemen auseinandersetzen und älteren Menschen eine Stimme geben. Gemäss Reto Ambauen wurden dafür Menschen im Alter 60plus gesucht, die entweder Gesangs- oder Spielerfahrung haben. Die vierzehn Spielerinnen und Spieler treten zwar als «Greyhounds» auf, zaubern aber einen Regenbogen an Emotionen auf die Bühne. Das Premierenpublikum zeigte sich an der Premiere am Mittwochabend zu recht hingerissen von der wortwörtlich reifen Leistung.

Hinweis: Theater Pavillon Luzern, Spelteriniweg 6. Weitere Aufführungen: 22., 23., 27., 29. März, 20 Uhr. 24., 30. März, 10 Uhr. Tickets unter www.voralpentheater.ch