Vertrag gekündigt: Stadtluzerner Hausärzte setzen das Kantonsspital unter Druck

Jährlich passieren 25'000 Patienten die Notfallpraxis am Spital in Luzern. Deren Zukunft ist ungewiss: Die Einsatz leistende Ärztegesellschaft hat den Rahmenvertrag per Ende Juli gekündigt.

Evelyne Fischer
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Luzerner Hausärzte leisten heute Dienste in der Notfallpraxis beim Kantonsspital.

Luzerner Hausärzte leisten heute Dienste in der Notfallpraxis beim Kantonsspital.

Bild: Boris Bürgisser

Ein Damoklesschwert schwebt über den Verantwortlichen des Luzerner Kantonsspitals (Luks): Die Hausärzte der Stadt Luzern sind unter den jetzigen Bedingungen nicht länger bereit, in der Notfallpraxis beim Luks Einsatz zu leisten. Der entsprechende Rahmenvertrag wurde per Ende Juli gekündigt. Ueli Zihlmann, Geschäftsführer der Ärztegesellschaft, bestätigt die Recherchen unserer Zeitung.

Zur Erinnerung: Seit August 2008 arbeitet ein Teil der rund 130 Hausärztinnen und -ärzte aus der Stadt Luzern und Umgebung im Auftrag des Luks in besagter Praxis (siehe Kasten am Ende des Textes). Die Hausärzte ergänzen die vom Spital angestellten Assistenzärzte, springen abends oder am Wochenende ein. Ein Teil erscheint in der Notfallpraxis in Luzern zum Dienst, ein anderer ist auf Pikett für Hausbesuche.

Geöffnet ist die sogenannte «24notfallpraxis» von Sonntag bis Freitag zwischen 8 und 23 Uhr, samstags gar bis 1 Uhr nachts. Geschaffen wurde sie für Patienten, die umgehend eine Erstversorgung benötigen. Und zur Entlastung des regulären Notfallzentrums, das primär bei lebensbedrohlichen Situationen zuständig ist.

Hausärzte sind ressourcenmässig am Limit

Betreuten die Ärzte anfänglich rund 10'000 Patienten jährlich, stellen sie heute die Erstversorgung von über 25'000 Personen sicher. Und exakt diese Patientenlast ist das Problem: Die Hausärzte sind ressourcenmässig am Limit. «Um die Versorgung sicherzustellen und auch in Zukunft alle Einsätze abdecken zu können, braucht es ein neues Konzept», sagt Ueli Zihlmann, Geschäftsführer der Ärztegesellschaft.

«Unter Berücksichtigung aktueller Entwicklungen im Gesundheitswesen muss die Form der Kooperation angepasst werden.»

Einen gewissen Handlungsbedarf ortet Zihlmann in der Triage: «Längst nicht alle 25'000 Patienten kommen wegen eines Notfalls in die Praxis.» Oft handle es sich um sogenannte «Walk-ins». Patienten also, die wegen Schnupfen oder Kopfweh in der Praxis erscheinen – einfach, weil diese offen ist. «Damit dient die Einrichtung aber nicht mehr ihrem ursprünglichen Zweck.» Walk-in-Patienten werden statistisch nicht erhoben. Zihlmann will aktuell keine Schätzung abgeben. Ende 2016 sprach er von «ungefähr 10 Prozent».

Damit hat sich eine Befürchtung bewahrheitet, die man bereits zu Beginn der Kooperation hörte: Die niederschwellige Praxis mit Direktanschluss ans Spital kurbelt den Konsum medizinischer Leistungen weiter an. Zu den Kosten sagt Zihlmann: «Der Besuch der Notfallpraxis zum ambulanten Spitaltarif ist etwas teurer als ein Termin beim Hausarzt.» Die Differenz betrage meist zwischen 30 und 40 Franken, schätzt er. Das sei aber immer noch viel günstiger als eine Hospitalisation.

Gefordert wird seitens der Ärztegesellschaft nebst einer besseren Triage unter anderem auch mehr Mitspracherecht. Der Lohn sei ebenfalls immer wieder ein Thema, «wenn auch nicht das drängendste», so Zihlmann, der sich zur Höhe des Stundenansatzes nicht äussert.

Gespräche laufen – Spital übt sich in Zurückhaltung

Mit der Kündigung des Vertrags setzt die Ärztegesellschaft das Kantonsspital unter Druck. Zihlmann sagt aber: «Ich glaube, wir finden eine einvernehmliche Lösung.» Zuversichtlich stimme ihn diesbezüglich auch ein Treffen, das am Dienstagabend stattgefunden hat.

Was mögliche neue Konzepte anbelangt, will man sich noch nicht in die Karten blicken lassen. Denkbar wäre eine Variante, wie sie heute in Sursee praktiziert wird: Die Notfallpraxis wird dort in den Räumlichkeiten des Spitals privat von Hausärzten aus der Region geführt.

Das Kantonsspital bestätigt auf Anfrage: «Momentan laufen Gespräche über die künftige Zusammenarbeit mit dem Ziel, für Patientinnen und Patienten in der Stadt und Agglomeration Luzern auch weiterhin eine optimale medizinische Versorgung sicherzustellen.» Über die weitere Entwicklung werde zur gegebenen Zeit informiert, teilt Philipp Berger, Leiter der Unternehmenskommunikation, mit und ergänzt: In den übrigen Regionen ändere sich nichts an der Zusammenarbeit zwischen den Hausärzten und dem Luks bei der Notfalldienstorganisation.

Der umfassende Fragenkatalog, den unsere Zeitung dem Spital Anfang Woche zugestellt hat, bleibt unbeantwortet.

«Telemedizin-Modelle verschärfen Triage-Problem»

Die «24notfallpraxis», die das Luzerner Kantonsspital in Kooperation mit der Ärztegesellschaft des Kantons betreibt, existiert seit 2008. In den Anfängen habe diese Notfallpraxis gut funktioniert, sagt Ueli Zihlmann, Geschäftsführer der Ärztegesellschaft. «Nach der Erstkonsultation konnten viele Patienten an ihren Hausarzt verwiesen werden.» Doch schon damals hatte jeder Dritte keinen solchen mehr – darunter viele Ausländer, sie sich von ihrer Heimat her gewohnt sind, bei akuten Krankheiten direkt das Spital aufzusuchen. «Auch viele Städter besitzen heute keinen Hausarzt mehr.»

Das Problem verschärft habe das Telemedizin-Modell vieler Krankenkassen, bei dem Versicherte zuerst eine Beratungsstelle anrufen. Zihlmann: «Im Zweifelsfall schicken jene Callcenter-Mitarbeiter einen Patienten direkt in den Notfall, und dies lieber einmal zu viel als zu wenig.»

Anrufe auf Notfallnummer der Ärzte konkurrenziert

Solche Telmed-Angebote würden zudem die kostenpflichtige Notfallnummer 0900 11 14 14 der Luzerner Ärzte konkurrenzieren, sagt Zihlmann. Aufgrund der Triage durch Fachleute liessen sich von jährlich gut 23'000 Anrufen deren 3500 Fälle klären, ohne dass eine Zuweisung an ein Spital oder Arzt erfolgt.
Wenig hält Zihlmann von der national diskutierten Notfallpauschale, bei der Patienten bei Bagatellen 50 Franken zahlen müssen. «Finanzielle Bestrafung löst das Problem nicht.»

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