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Kolumne

Video Assistant: mal da, mal dort!

Romano Cuonz äussert sich in seinem «Ich meinti» zur streitbaren Praxis des Videobeweises.
Romano Cuonz
Romano Cuonz

Romano Cuonz

Als der Kleinbasler PTT-Telefonist Gottfried Dienst 1966 am WM-Final das legendäre Wembley-Tor pfeift und damit die Engländer zum bisher einzigen Mal zu Weltmeistern macht, herrscht in der Fussballwelt helle Empörung. War der Ball, der von der Latte runter auf den Boden prallte, hinter der Linie oder nicht? Erst 30 Jahre später beweist eine Studie der Universität Oxford, dass der Ball zu keinem Zeitpunkt hinter der Linie gewesen sein kann und Deutschland gelackmeiert worden ist. Und das «Wembley-Tor», das keins war? Es ist längst zum Inbegriff dafür geworden, dass ein Schiedsrichter – im Gegensatz zum Papst – niemals unfehlbar sein kann.

Seither haben im Fussball noch unzählige weitere, sogenannte «Wembley-Tore» hitzige Debatten ausgelöst. Doch nun sollte mit all diesem Gezänk – sogar in unserer Super League – endgültig Schluss sein. Das Zauberwort heisst VAR und bietet dem Schiedsrichter Bilder aus mehreren und verschiedenen Kameraperspektiven an. Und das sogar in Zeitlupe. Gerechtigkeit überall und immer! Könnte man meinen. Doch nach dem umstrittenen Penalty, mit dem der VAR am letzten Samstag den Luzernern einen unverdienten Sieg schenkte, gingen die Diskussionen erneut los. Ja, sogar noch heftiger als vor der Einführung des neuen Kamerabeweises.

Ein St. Galler Fan wettert im Internet: «Schweizer Schiedsrichter genügen noch knapp für ein Grümpelturnier.» Und Luigi Ponte, Schiedsrichter-Experte unseres Boulevard-Blatts, entscheidet eigenmächtig: «Dieser Fall war nicht schwarz oder weiss, da hätte der VAR gar nicht eingreifen dürfen!» Doch mit oder ohne Kamerabeweis: Fussball bleibt ein Spiel. Und dieses wäre nicht halb so spannend, wenn keine Diskussionen über Schiri-Entscheide mehr stattfinden würden. Schon wesentlich mehr ins Grübeln bringen mich andere Kamerabilder, die die Boulevardzeitung praktisch zum gleichen Zeitpunkt veröffentlicht hat. Einem sogenannten Leserreporter gelang es – mittels Armaturenbrett-KameraRecorder in seinem Auto – das mehr als lebensgefährliche Überholmanöver eines Rasers bei durchzogener Sicherheitslinie zu dokumentieren. Anhand dieser Bilder kann nun jeder Leser und jede Leserin über den Rowdy selber zu Gericht sitzen. «Gut so!» denke ich beim ersten Anschauen. Endlich tut einer was! Wo doch die Polizei dem immer wilderen Treiben auf den Strassen die meiste Zeit tatenlos zuschaut. Zwar fasst die Berner Oberländer Polizei den Rowdy: dank Bildmaterial, das ihr das Boulevardblatt zugespielt hat! Punkto Angaben über den Fahrer und seine Motive aber hüllt sie sich in Schweigen. Geht denn das? Das Volk hat doch ein Recht auf genaue Information!

Doch halt! Da ist etwas an der ganzen Sache, das mich stutzig macht. Warum, so frage ich mich, schickt der wackere Augenzeuge seine Bilder der Polizei nicht gleich selber? Aha, da steht’s doch im Boulevardblatt. Schwarz auf Weiss: «Leserreporter werden für ihre Beiträge honoriert, und am Ende des Jahres haben sie sogar die Chance, Leserreporter des Jahres zu werden und 1500 Franken zusätzlich zu verdienen.» Um Himmels Willen: Steuern wir da nicht darauf zu, dass Kreti und Pleti im Auto eigene Radarfallen mitführen und fällige Bussen – in Form von Leserreporter Honoraren – erst noch selber kassieren? Zu einer solchen Autofahrer-Lynchjustiz sage ich «tytsch und tyytlich» nein: Wenn scho VAR-Entschäid uf yyse Strasse, de doch liäber vo der Schrooteryy!»

Romano Cuonz, Journalist und Schriftsteller aus Sarnen, äussert sich an dieser Stelle abwechselnd mit anderen Autoren zu einem selbst gewählten Thema.

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