Kolumne

«Schnee von gestern»: Vielleicht sollten wir mal was anderes wünschen

Autor Hans Graber sinniert über neue Begrüssungsformeln und darüber, wie wir dieses Jahr Weihnachten feiern werden.

Hans Graber
Drucken
Teilen
Hans Graber

Hans Graber

Selbst wenn ich mir tagelang vornehme, nichts in Zusammenhang mit dem Seuchenwesen zu schreiben – ich schaffe es nicht. Allzu sehr nimmt auch mich dieses Virus in Beschlag, Tendenz weiterhin steigend. Immerhin, auch die neusten Erlasse tangieren Leute wie mich kaum mehr, mental bin ich längst im harten Lockdown. Ein Wort, dessen ich ebenso überdrüssig bin wie dieser Grussformel, welche sich zu allem Übel grossflächig durchgesetzt hat: «Bleiben Sie gesund.» «Bliib gsund.» Wahrscheinlich ist das schon fürsorglich gemeint, aber ich empfinde es primär als kaschierte Drohung, ähnlich wie das bereits länger geläufige «heb Sorg». Ich deute das immer so, dass mein Lebenswandel Anlass für diese Floskel ist, wie wenn man mir sagen möchte: Wenn du so weitermachst, sehe ich schwarz für dich. Was leider möglicherweise nicht mal ganz falsch ist.

Ich bin kein Unmensch, ich verschliesse nicht die Augen vor der Tatsache, dass viele unter uns schwer zu tragen haben, trotzdem wäre mir anstelle dieses doppelbödigen «bleiben Sie gesund» etwas in der Art von «Hals- und Beinbruch» lieber. Hartgesottene Spiritisten schliessen ja nicht aus, dass Schicksalsmächte gute Wünsche mitunter perfide ins Gegenteil drehen. Bringen demnach schlechte Wünsche eher Glück? «Hals- und Beinbruch» würde zum Virus nur bedingt passen, aber wie wär’s zum Beispiel mit einem kecken «gut Geschmacksverlust»? Was freilich voraussetzen würde, dass jemand mal Geschmack gehabt hat, aber allzu unnachgiebig sollte man das gerade jetzt nicht beurteilen. Die Weihnachtszeit ist die Zeit der Nächstenliebe.

Die bevorstehende Feier stellt aber wegen der Personenbeschränkung viele vor knifflige Aufgaben. In einer Diskussion zum Thema im ARD-Fernsehen war eine Schauspielerin und Kabarettistin vertreten. Weil die «95-jährige Oma gesetzt ist», muss sie bei den Söhnen eine Triage machen. Nur zwei dürfen an die Feier kommen, aber auch die nur unter eisernen mütterlichen Auflagen. Zunächst müssen die Auserkorenen eine Woche in Quarantäne und am Nachmittag des 24. noch einen Schnelltest machen. Das negative Ergebnis ist vor dem Betreten des Elternhauses vorzulegen. Die Kabarettistin meinte es ernst, und vermutlich handelt sie völlig korrekt, aber ehrlich: Wenn ich unter den auserwählten Söhnen wäre, hätte ich mir ein Alibi beschafft und anderen den Vortritt gelassen. Beziehungsweise die Vorquarantäne.

Im Verbringen recht einsamer Heiliger Abende habe ich mir übrigens schon in jungen Jahren einige Routine zulegen können, da meine elterliche Familie immer erst am 25. zum Bäumchen schritt. Während alle Welt feierte, war bei uns nix. Nur stille Nacht. Ich habe nicht die schlechtesten Erinnerungen daran. Trotzdem ist es in trauter Gemeinschaft natürlich sehr viel angenehmer. Was bei uns heuer gemacht wird, wenn überhaupt, ist noch offen. Aber Maske aufsetzen zwischen den Chinoise-Häppchen – muss nicht sein. Singen ist sowieso verboten, kein «Jesulein süss», kein «Jesulein zart», und weil meine alte Blockflöte gemäss Studien ein Superspreader-Instrument («Speuzknebel») ist, könnte ich sie diesmal keinesfalls aus der untersten Schublade hervorholen und «Oh, Tannenbaum» oder «Was soll das bedeuten?» virtuos begleiten. Dass im Familienkreis breites Bedauern darüber herrscht, glaube ich allerdings nicht. Eher wird man das als weiteren Beleg dafür sehen, dass jede Krise auch ihre positiven Aspekte hat.

In diesem Sinne: möglichst freudvolle Festtage sowie unter anderem Hals- und Bein-, mindestens aber Blockflötenbruch im 2021.