VIERWALDSTÄTTERSEE: So hält die jüngste Kapitänin die «Weggis» auf Kurs

Petra Stutz (29) hat sich einen Kindheitstraum erfüllt und ist heute die jüngste Kapitänin auf dem See. Den grössten Respekt hat sie dabei nicht vor dem 200-Tonnen-Koloss, sondern vor dem Wetter.

Yasmin Kunz
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Petra Stutz an ihrem Arbeitsplatz auf der Kommandobrücke des MS «Weggis». (Bild Nadia Schärli)

Petra Stutz an ihrem Arbeitsplatz auf der Kommandobrücke des MS «Weggis». (Bild Nadia Schärli)

Petra Stutz (29) legt um 11.47 Uhr am Landungssteg 2 in Luzern mit dem Motorschiff «Weggis» an. Ihr Arbeitstag ist jetzt fertig. «Heute hatte ich Frühschicht und musste um 5.10 Uhr in Luzern los, da mein Schiff in Brunnen stationiert war», sagt Stutz, die in Ermensee aufgewachsen ist. Trotz des frühen Arbeitsbeginns wirkt sie nicht müde. «Wir hatten heute regen Betrieb, es ist ein derart schöner Herbsttag», sagt Stutz. Sie hat 90 Schiffsgäste von Brunnen nach Luzern gesteuert. Doch eigentlich könnte das fast 200 Tonnen schwere MS «Weggis» bis zu 400 Personen fassen. Egal, wie viele Gäste an Bord sind, die 29-jährige Kapitänin trägt eine grosse Verantwortung. Insbesondere an Tagen wie letzten Donnerstag: Die Föhnlage brachte starken Wind und demnach auch einige Wellen. «Wenn ich bei solchen Wetterbedingungen nicht reagiere, ist das Schiff im Nu weggetrieben», sagt sie.

Die Idee, Schiffsführerin zu werden, schlummerte schon lange bei Petra Stutz. Doch zuerst absolvierte sie eine Lehre als Detailhandelsfachfrau und entschied 2006, zu einem neuen Ufer aufzubrechen. «Schiffe faszinierten mich schon als Kind bei den Familienausflügen», erinnert sie sich. Im Jahr 2009 bestand sie die Prüfung für die kleinste Kategorie der Motorschiffe auf dem Vierwaldstättersee. Vorher absolvierte sie drei Saisons als Matrosin und Kassiererin auf verschiedenen Motorschiffen und erhielt so Einblick in die Arbeit an Bord.

Tricks mit dem Seil

Die Prüfung zur Schiffsführerin war anspruchsvoll: Neben einem theoretischen Test musste sie Gewässerkenntnisse, verschiedene Manöver mit dem 22 Meter langen Schiff und technische Fertigkeiten vorweisen. «Es ist learning by doing», sagt die 29-Jährige. Auch das Werfen der Seile an den Pfahl sei reine Übungssache, versichert Petra Stutz. Zur Erhöhung der Treffsicherheit gebe es aber auch Tricks mit der Schlinge: «Das Auge des Seils muss offen sein, damit es gut fliegt.» Ausserdem müsse genügend Seil zum Nachwerfen gelassen werden, erklärt sie weiter. «Das macht man immer und immer wieder. Klappt es nicht auf Anhieb, wirft man ein zweites oder drittes Mal.»

Nachhilfe in Technik

Bei den technischen Dingen hingegen musste Petra Stutz ziemlich hinter die Bücher, wie sie gesteht. «Mit Motoren hatte ich vorher wenig zu tun», so die gelernte Verkäuferin. Letztlich müsse sie aber keine Motoren flicken, sondern lediglich erkennen, wo der Haken sei. «Ich muss wissen, ob das Problem beispielsweise bei der Kühlwasser- oder der Treibstoffleitung liegt.» Anschliessend meldet sie das Problem den Schiffsmechanikern in der Werft, die das kaputte Teil dann reparieren. Kleinigkeiten kann Petra Stutz ohne Hilfe selber wieder in Stand bringen. «Also Schrauben anziehen kann ich schon selber», lacht sie.

Fernziel Dampfschiff-Kapitänin?

Unter den sechs Absolventen der Schiffsführerprüfung im Jahr 2009 waren drei Frauen. Zum Klischee, dass Kapitän ein Männerberuf ist, sagt sie: «Nein, der Beruf hat bei den Frauen an Beliebtheit gewonnen.» In Luzern stehen für die fünf Dampfschiffe und 15 Motorschiffe aktuell 57 Schiffsführer im Einsatz. Fünf davon sind Frauen. Eine einzige Frau darf sogar ein Dampfschiff – die grösste Schiffskategorie – steuern. Ist das auch das Ziel von Petra Stutz? «Das wäre schon schön», sagt sie bescheiden. Aber der Weg dorthin kann zeitintensiv sein. «Manchmal dauert der Ausbildungsweg zur Dampfschiffskapitänin 20 Jahre», weiss Stutz. Es komme eben auf das Angebot und die Nachfrage an. «Wenn es keine Schiffsführer braucht, dann finden auch keine Ausbildungen statt.» Schon heute darf Stutz jedoch als Co-Kapitänin die zweitgrösste Kategorie mitsteuern, die doppelt so viele Personen fasst wie die «Weggis». Die Arbeit sei überall dieselbe, sagt Stutz. Gesteuert wird überall gleich, und zwar nicht mit dem Steuerruder, wie Gäste vermuten könnten, sondern mit einem Joystick. «Das Steuerruder ist nur für den Notfall», erklärt sie. Die schwierigste Aufgabe sei das Wetter. «Es ist unberechenbar. Schaue ich zum Anlegesteg und stelle fest, dass es windet, kann es bei der Ankunft bereits wieder windstill sein.»

Der Schiffs-Herbstfahrplan wird am 19. Oktober durch den Winterfahrplan ersetzt. Nach dem arbeitsintensiven Sommer, mit bis zu zehn Arbeitstagen am Stück, rückt für die Kapitäne nun eine ruhigere Zeit an. Im Winter werden drei Viertel weniger Kurse geführt. «Es kam auch schon vor, dass ich im Winter zwei Monate Ferien machen konnte», sagt Petra Stutz. Ihre Freunde freuen sich, wenn sie wieder häufiger an Land bleibt, da Petra Stutz für sie während der Sommersaison nur wenig Zeit hat. Gibt es in den Ferien auch einen Schiffsausflug? «Wenn, dann auf anderen Seen – den Vierwaldstättersee kenne ich auswendig.»