VIKINGER: Die Wilden sind brav geworden

Die Vikinger aus Luzern feiern dieses Jahr den 50. Geburtstag. Die rockige Fasnachtsgruppe war in der Szene nicht immer so beliebt wie heute.

Drucken
Teilen
Ein Vikinger unterwegs in der Stadt Luzern. (Bild Pius Amrein/Neue LZ)

Ein Vikinger unterwegs in der Stadt Luzern. (Bild Pius Amrein/Neue LZ)

«Sag das nie wieder!» Bedrohlich hebt Heinz Meier seinen Zeigefinger. Mit den langen, zu einem Pferdeschwanz gebundenen Haaren, der runden Brille auf der Nase und der rauen Stimme erinnert der 59-Jährige ein wenig an alt Rocker Ozzy Osbourne. Meier sitzt auf einer Festbank im Wirtshaus Ente, vor ihm der weiss gedeckte Tisch, eine Suppe und ein «Einerli» Rotwein, Primitivo. «Nie wieder», wiederholt er. Doch ehe Vikinger-Neumitglied Thomas Keller weiss, wie ihm geschieht, erlöst ihn Meier mit seinem Lachen. Würden die beiden nicht mehrere Plätze voneinander entfernt sitzen, hätte Heinz (Mitglied seit 44 Jahren) dem verdutzten Frischling nun kumpelhaft auf die Schultern geklopft. Schliesslich sagt er mit versöhnlicher Stimme: «Nein, wir sind keine Guuggenmusig, merk dir das!» – Herzlich willkommen bei den Vikingern.

Hausverbot im «Stadtkeller»
Es ist Schmutziger Donnerstag, 19.30 Uhr, bitterkalt. Zeit für einen Boxenstopp in der «Ente». Maske weg, Kostüm weg, sich hinsetzen, Hände wärmen, Hunger und Durst stillen. Zeit auch, um langjährigen Fasnächtlern zuzuhören. Als die Vikinger vor 50 Jahren gegründet wurden, gab es in Luzern nur eine Handvoll anderer Gruppen. Etwa die Chatzemusig, den Tambourenverein oder die Bohème Musig, die dieses Jahr ihren sechzigsten Geburtstag feiert. «Damals herrschte unter den Gruppen noch eine gewisse Rivalität», erinnert sich Heinz Meier, der seit gut 20 Jahren sämtliche Vikinger-Grende bastelt. Handfeste Konflikte in den Gassen oder den Lokalen der Altstadt waren keine Seltenheit. «Wir Vikinger waren berüchtigt!» So berüchtigt, dass es Zeiten gab, in denen kein Vikinger auch nur einen Fuss in den «Stadtkeller» oder ins Restaurant Schwanen setzen durfte.

Aussergewöhnliche Musik
Heute ist alles anders. «Wir sind brav geworden», lächelt Magi Ochsenbein. Die ehemalige Vikinger-Präsidentin, die seit 40 Jahren dabei ist, gilt auch als Mutter der Gruppe. Ein echtes Urgestein. Heute ist die Truppe viel mehr für ihre Musik denn für fliegende Fäuste bekannt. 46 Songs gehören zum Repertoire der Fasnachtsmusig, und jedes Jahr kommen neue dazu. Das Spezielle an der Vikinger-Musik: Sie vereint klassische Guuggenklänge mit den Vorzügen elektronischer Musik. Dumpfe Paukenschläge mit mitreissenden Gitarrenriffs. Trompetentöne mit Keyboard-Akustik. Immer dabei sind auch Sänger – ebenfalls eine Einzelerscheinung in der Fasnachtsszene. Vikinger-Musik ist mal jazzig, mal funkig, und dann dominiert wieder Samba oder Rap.

«Es ist einfach cool, dabei sein zu dürfen», sagt Neumitglied und Hobbygitarrist Thomas Keller (40). «Die Leute sind super, die Mischung zwischen Jung und Alt stimmt, und die Musik ist auf einem wirklich hohen Niveau.»

Elektronisch verstärkt
Viele Fasnächtler folgen dem Tourplan, der auf der Internetseite der Gruppe zu finden ist. So ist es auch an diesem Donnerstag. Frisch gestärkt machen sich die Musiker zwischen 4 und 65 Jahren auf den Weg Richtung Hirschengraben. Nächstes Ziel: Tschuppi?s Wonderbar, ein traditionelles Vikinger-Ziel. Vor Ort gehts chaotisch zu und her. «E chline Souhuufe», bemerkt Magi schmunzelnd. Mikrofonständer werden in Position gebracht, das Stromkabel in die Bar gezogen, und am Vikinger-Wagen wird gehebelt und geriegelt. Mischpult, Bass- und Verstärkeranlage machen den Wagen zu einem wahren Hightech-Gefährt. Ein Fasnächtler mit angeklebter Nase und oranger Pumukel-Perücke amüsiert sich ob der Szenerie. «Ihr Vikinger beginnt ja sowieso immer zu spät!» – «Die kleine Verspätung hat halt Tradition», erwidert Saxofonspieler Urs Bieri schmunzelnd. Doch dann, plötzlich, die ersten Töne. «Make some Noiiice!», brüllt ein junger Vikinger in sein Mikrofon, und Dutzende Fasnächtler brüllen zurück.

Hüpfen und tanzen in eisiger Kälte
Für einen Moment wähnt man sich an einem Popkonzert, doch die eisigen Temperaturen holen auch den letzten Träumer auf den kalten Boden der Tatsachen zurück. Abhilfe gegen den Frost schafft Bewegung, und diese fällt einem während des Konzertes leicht. Mit bekannten Stücken von Jan Delay, Coldplay oder Stevie Wonder bringen die Luzerner die Fasnächtler – mittlerweile sind es gegen 200 – zum Hüpfen und Tanzen. Nach einer Stunde und dem Faithless-Hit «Insomnia» schliesst die Gruppe das Konzert. «Die Kälte war hart», sagt Gitarrist Thomas Keller. Der Lohn fürs Durchhalten: tosender Applaus und eine Stärkung in Tschuppi?s Wonderbar. Wenig später gehts in Reih und Glied weiter zur letzten Konzertstätte des Abends – Franziskanerplatz. Angeführt werden die Vikinger von Fahnenträger Flavio Perego, der seit der Vikinger-Gründung 1960 dabei ist und noch lange nicht genug hat. Unterwegs sagt er auf einmal: «Solange ich laufen kann, bleibe ich bei den Vikingern.» 

Daniel Schriber