VITZNAU: Ein beliebtes Fotosujet verschwindet

Das über 100-jährige Wärterhaus auf der Bahn­strecke zum Kulm ist dem Abriss geweiht. Unter anderem, weil es zu nahe an den Schienen stehe.

Yasmin Kunz
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Bald steht es nicht mehr da: Die Rigi-Bahnen AG lässt das im 19. Jahrhundert gebaute Wärterhaus abreissen. (Bild Manuela Jans-Koch)

Bald steht es nicht mehr da: Die Rigi-Bahnen AG lässt das im 19. Jahrhundert gebaute Wärterhaus abreissen. (Bild Manuela Jans-Koch)

Wer schon einmal mit der Zahnradbahn auf der Rigi war, hat es sicher gesehen: Die Rede ist von dem gelben Haus direkt vor der Station Freibergen. Das ehemalige Wärterhaus ist bei Touristen und Einheimischen ein beliebtes Fotosujet – allerdings nicht mehr lange. Das Haus wird noch diesen Frühling abgerissen, wie Recherchen unserer Zeitung zeigen.

Haus ist über 100 Jahre alt

Besitzer dieses Hauses mit rund 35 Quadratmetern Wohnfläche ist die Rigi-Bahnen AG. Es wird geschätzt, dass das Wärterhaus der Vitznau-Rigi-Bahn zwischen 1870 und 1900 gebaut wurde.

Roger Joss, Leiter Verkauf und Marketing der Rigi-Bahnen, bestätigt den Abriss und erklärt: «Die Bausubstanz des Gebäudes ist schlecht, Blitz- und Brandschutz können nicht mehr gewähr­leistet werden. Zudem entsprechen auch die Elektro- und Sanitärinstallationen nicht mehr den heutigen Vorschriften.» Weiter begründet er den Abriss damit, dass aufgrund der neuen Vorschriften das Haus zu nahe an den Bahntrassees stehe. Allfällige Ereignisse wie Brand oder Einsturz könnten die Gleise gefährden. Darum dürfe heute nicht mehr so nah gebaut werden.

Heinrich Hutter, Bergbauer auf dem benachbarten Hof, kann die Begründung nicht nachvollziehen. Er sagt: «Der Abstand vom Haus zum Bahntrassee ist seit über 100 Jahren gleich. Weshalb das jetzt zum Problem wird, ist mir unklar.» Er bedauert, dass das ursprüngliche Wärterhäuschen weg soll. Hutter betont, dass dieses gelbe Haus bei den Rigi-Besuchern auf grosses Interesse stösst und vielen Gästen als Fotosujet dient. Deshalb will er, dass das Haus vis-à-vis seines Hofes bestehen bleibt, und hat dem Direktor der Rigi-Bahnen angeboten, es zu kaufen. Doch die Rigi-Bahnen würden nicht darauf eingehen, sagt Joss: «Wir sind für den Komfort und die Sicherheit der Bahnreisenden und der Mieter der Liegenschaften verantwortlich.»

Kommen WC-Anlagen hin?

Mehrere Personen erwähnten gegenüber unserer Zeitung, dass anstelle des Häusleins möglicherweise eine WC-Anlage gebaut wird. Joss sagt zu den Spekulationen: «Die Rigi-Bahnen als Grundstückeigentümerin haben keine entsprechenden Pläne am gleichen Standort. Dahingestellt ist auch, ob überhaupt in Zukunft gebaut werden soll.»

Der ehemaligen Mieterin Susann Boeschenstein gegenüber haben die Rigi-Bahnen WC-Anlagen als einen der Gründe für den Abriss genannt, wie sie sagt. Während der letzten rund vier Jahre hat sie dort einfach, aber gut gewohnt. Ende November wurde der Mietvertrag aufgelöst. Sie bedauert den geplanten Abriss: «Ich würde alles dafür tun, wenn dieses Häuschen stehen bleiben und sinnvoll genützt werden könnte.»

(Noch) nicht schützenswert

Mathias Steinmann, Leiter Bauinventar des Kantons Luzern, hat 2011 in Vitznau die Inventarlisten von schützens- und erhaltenswerten Objekten überarbeitet. Das Haus am Bahntrassee wurde nicht in die Liste aufgenommen, wie er sagt. Zu den Gründen kann er nicht detailliert Auskunft geben, stellt aber Vermutungen an: «Eventuell war die Bedeutung des Wärterhäuschens im Quervergleich mit anderen schützens- und erhaltenswerten Bauten nicht hoch genug.» Für ihn ist klar, dass man die Rigi-Bahnen kontaktieren wird. «Es ist möglich, auch nach der Inventarisierung Bauten in die Liste aufzunehmen, sofern man zu neuen Erkenntnissen gekommen ist.»

Abrissmeldung fehlt

Alex Waldis, Vitznauer Gemeinderat und Leiter des Bauamts, weiss nichts vom Abriss des Wärterhauses. Denn bis dato ist keine Abrissmeldung der Grundeigentümerschaft eingegangen, sagt er auf Anfrage. Grundsätzlich sieht Waldis aus rein baurechtlicher Sicht keinen Bedarf, das Haus zu erhalten. Doch: «Emotional gesehen würde ich persönlich es begrüssen, wenn das alte Wärterhäuschen bestehen bleiben könnte.»

Yasmin Kunz