VITZNAU: Ein Kassier der besonderen Art

54 Jahre lang war Klemenz Zimmermann Kassier der Seilbahngenossenschaft. Der 76-Jährige spricht über Veränderungen, Highlights und Zahlen. Nun ist er abgetreten.

Interview Stephan Santschi
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Er war immer mit Herzblut dabei. Klemenz Zimmermann war während mehr als 50 Jahren Kassier der Seilbahngenossenschaft Vitznau-Hinterbergen. (Bild Roger Grütter)

Er war immer mit Herzblut dabei. Klemenz Zimmermann war während mehr als 50 Jahren Kassier der Seilbahngenossenschaft Vitznau-Hinterbergen. (Bild Roger Grütter)

Klemenz Zimmermann, Ende 2014 zogen Sie einen Schlussstrich unter Ihre Funktion als Kassier bei der Seilbahngenossenschaft Vitznau-Hinterbergen. Kam Wehmut auf?

Klemenz Zimmermann: Zugestanden, schon ein wenig. Ich war 54 Jahre mit Herzblut dabei. Aber ich empfinde auch Erleichterung. Ich konnte das Amt in guter Verfassung weitergeben.

Wie erinnern Sie sich an die Anfänge?

Zimmermann: Ich war 22 Jahre alt, als ich dazustiess und damit im sechsköpfigen Vorstand der Jüngste. Ich war ein Allrounder – wenn es etwas zu tun gab, rief man den Klemi. So war ich anfänglich auch für den Betrieb und den Unterhalt zuständig.

Sie waren also ein Kassier der besonderen Sorte. So halfen Sie zwischen 1963 und 1965, als die Bahn neu gebaut wurde, tatkräftig mit.

Zimmermann: Ich half beim Ausholzen der Bahnlinie, beim Aushub, beim Betonieren, bei der Installation der Masten und dem Ziehen der Seile. Eine Sicherung bei der Arbeit in der Höhe kannte man damals noch nicht.

Wie haben sich die Umsatzzahlen zwischen Ihrem ersten und Ihrem letzten Geschäftsjahr entwickelt?

Zimmermann: 1961 verzeichneten wir rund 7000 Franken Einnahmen und hatten Ausgaben von 6000 Franken. 2014 waren es zum ersten Mal über 100 000 Franken Einnahmen und ebenso viele Ausgaben. Auch die Kosten für den Bau der Seilbahn sind enorm gestiegen. Als wir sie 1965 neu bauten, kostete uns dies 450 000 Franken. Die Generalrevision im Jahr 2013 belief sich bereits auf 750 000 Franken. Die Hälfte finanzierten wir mit eigenen Mitteln. Einen Neubau könnte sich die Seilbahngenossenschaft Vitznau-Hinterbergen heute nicht mehr leisten.

Hand aufs Herz: Waren jemals buchhalterische Winkelzüge nötig, um eine ausgeglichene Rechnung zu präsentieren?

Zimmermann: Nein, nie. Wir hatten immer gute Umsatzzahlen, es gab keine schwierigen Zeiten. Wir haben nie Geld ausgegeben, das wir nicht hatten. Wir wurden nie betrieben und mussten niemals jemanden betreiben. Die Rechnung präsentierte sich stets mehr oder weniger ausgeglichen, Subventionen haben wir keine erhalten. Ab dem Jahr 1989 ging es uns dann richtig gut, als man mit dem Jeton-Automaten die Bahn auch in der Nacht bedienen konnte.

Was hat sich sonst noch verändert?

Zimmermann: Die Vorschriften. Als ich anfing, gab es ein kleines Büchlein mit zwei, drei Seiten zum Unterhalt. Heute füllen die Vorschriften mehrere Ordner. In all der Zeit hatten wir aber nicht einen Unfall zu beklagen.

Wie hat sich die Auslastung seit dem ersten Transportbähnchen aus dem Jahr 1913 entwickelt?

Zimmermann: Anfänglich diente es den Bauern in den Hinterbergen als Transportbahn für Milch und Material. Ich selber bin mit der Seilbahn von der Schule nach Hause gefahren. Runter ins Tal gingen wir jeweils zu Fuss. Ich erinnere mich an einen Tag, da kam uns der Schnee bis zu den Hosensäcken hoch. Wir waren erst um 9 Uhr in der Schule und kassierten noch eine Schelte (lacht). Heute befördert die Bahn vermehrt auch Touristen.

Welche Rolle spielt der Tourismus?

Zimmermann: Seit dem Bau des Restaurants Hinterbergen im Jahr 1968 hat der Tourismus stark an Bedeutung zugenommen. In dieser Zeit stieg die Auslastung von 7000 bis 8000 Fahrten pro Jahr auf 15 000 bis 18 000. Die Leute fahren zum Wandern und Schneeschuhlaufen in unser Gebiet. Wir werden aber vom Tourismus nicht überlaufen.

Genossenschaftspräsident Marcel Küttel schätzt, dass man Sie rund 6000 Mal an der Bergstation hätte antreffen können. Spürten Sie nie das Bedürfnis nach einer Luftveränderung?

Zimmermann: Ich hatte einige Jobangebote, weil ich ein vielseitiger Arbeiter war. Aber ich wollte nie weggehen, weil mir die Selbstständigkeit als Bauer in den Hinterbergen gefiel, weil ich die Aussicht geniesse, weil ich hier zu Hause bin und eine gute Frau gefunden habe, die auf dem Hof mit den Milchkühen mithalf. Mit ihr werde ich im Frühjahr 50 Jahre verheiratet sein. Ein deutscher Tourist sagte einmal, hier oben hätten wir das Paradies. Ich entgegnete ihm, dass die Sonne auch bei uns Schatten werfe. Am Ende des Tages bin ich aber zufrieden. Und ich glaube nicht, dass ich mit einem höheren Lohn zufriedener wäre.

Sie tätigten die Geldtransfers bis zum Schluss mittels Barüberweisungen. Diese Besuche auf der Kantonalbank fallen nun weg. Was machen Sie mit der frei werdenden Zeit?

Zimmermann: Ich fahre mit meiner Frau einmal in der Woche zum Einkaufen. Wir besuchen Verwandte. Und wir machen auch gerne Carreisen nach Tirol oder Südtirol. Im Winter versorge ich für meinen Sohn Klemens weiterhin das Vieh, während er an der Rigi am Skilift arbeitet.