VÖGELIGÄRTLI: ZHB: Der Streit ums Volumen

Ein Neubau würde den Park «zerstören», sagen die Befürworter der ZHB-Initiative. Das Gegen­komitee wehrt sich – mit einem umstrittenen Flyer.

Hugo Bischof
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Der Abstimmungsflyer des Komitees «Nein zum ZHB-Denkverbot». Kritiker bemängeln, er zeige nicht die wahre Grösse eines möglichen Neubaus. (Bild: Visualisierung PD)

Der Abstimmungsflyer des Komitees «Nein zum ZHB-Denkverbot». Kritiker bemängeln, er zeige nicht die wahre Grösse eines möglichen Neubaus. (Bild: Visualisierung PD)

Das 2012 vom Kanton präsentierte Modell zeigt, was es bedeuten würde, wenn am Standort der heutigen ZHB für einen Neubau die Baulinien und die Bauhöhe bis zum Maximum ausgereizt würden. (Bild: Bearbeitung Janina Noser)

Das 2012 vom Kanton präsentierte Modell zeigt, was es bedeuten würde, wenn am Standort der heutigen ZHB für einen Neubau die Baulinien und die Bauhöhe bis zum Maximum ausgereizt würden. (Bild: Bearbeitung Janina Noser)

«Eben sah ich im Vögeligärtlipark direkt vor der ZHB elf härzige Tauben», schrieb uns am Wochenende die Leserin Helena Noser. «Mit dem Neubau wird auch ihr Lebensraum, dieser wunderbare Lebensraum Vögeligärtli, für uns alle noch kleiner.» Gefährdet sei auch der «pädagogisch so wertvolle Kinderspielplatz», wo Kinder «oft mit kleinen und grossen Jauchzern ihre helle Lebensfreude ausdrücken». Besorgt fragt die Leserin: «Wo bleibt all das Lebenswerte nach einem Neubau?»

Lebensraum für viele

Die Sorge um das Vögeligärtli als Lebensraum für viele spielt eine zentrale, weil emotionale Rolle in der Debatte um die Zentral- und Hochschulbibliothek (ZHB). Für die Grünen, welche die Initiative zur Erhaltung der ZHB eingereicht haben, ist klar: «Ein Neubau mit integriertem Kantonsgericht würde die Qualität der bestehenden Parkan- lage und des Grünraumes Vögeligärtli zerstören.» So stehts auf ihrer Website.

Die andere Seite, das Gegenkomitee, das sich unter dem Motto «Nein zum ZHB-Denkverbot» für einen Neubau einsetzt, sieht dies völlig anders. Die angebliche Zerstörung des Vögeligärtlis sei ein Missverständnis, betonten dessen Vertreter an einer Medienkonferenz (Ausgabe vom Freitag). Das Vögeligärtli werde mit dem Neubau nicht zerstört, sagte SVP-Stadt-Luzern-Fraktionschef Marcel Lingg. «Der Park wird in der jetzigen Dimension erhalten bleiben.»

Wer hat Recht? Wem soll man glauben?

Das aus CVP- und FDP-Politikern von Stadt und Kanton sowie namhaften Wirtschaftsvertretern zusammengesetzte Gegenkomitee trat erst vor gut einer Woche an die Öffentlichkeit. Umso aktiver wirbt es aber nun gegen die ZHB-Initiative. Gezielt als Werbemittel eingesetzt wird dabei ein auffälliger Flyer. Unter der satten Nein-Parole ist darauf schematisch ein möglicher ZHB-Neubau im Vögeligärtli zu erkennen. Davor flanieren friedlich einige Passanten im intakten Vögeligärtli-Park.

«Lediglich ein grafisches Element»

Das Gegenkomitee stellt unserer Zeitung auf Anfrage den Flyer ohne Schriftzug zur Verfügung. Wir bilden ihn auf dieser Seite ab (rechts, unten). «Beim blau eingefärbten Gebäude handelt es sich lediglich um ein grafisches Element, keineswegs um eine architektonische Zeichnung», sagt dazu Kampagnenleiter Alex Piazza. Man wolle damit ansatzweise aufzeigen, wie viel Raum ein neues Gebäude einnehmen könnte.

Egal, was auf der Skizze genau zu sehen ist – bei genauerer Betrachtung glaubt man darin kurioserweise eine Parkhaus-Fassade (!) zu erkennen – die Absicht der Neubau-Verfechter ist klar: Sie wollen zeigen, dass eine neue Bibliothek mit integriertem Kantonsgericht den Park selber kaum antasten würde.

«Populistisch, beschönigend»

Das stösst bei der Gegenseite, den Initianten für die Erhaltung des heutigen ZHB-Gebäudes, auf vehementen Widerstand. «Der Flyer ist populistisch und beschönigend», sagt Marco Müller, Präsident der Stadtluzerner Grünen. Er verweist auf die Antwort des Luzerner Regierungsrats Ende 2011 auf einen Vorstoss im Kantonsparlament. Gemäss dieser müsste das heutige Volumen der ZHB verdoppelt werden, damit dort eine neue Zentral- und Hochschulbibliothek inklusive Kantonsgericht Platz hätte.

«Das ist mit dem auf dem Flyer angedeuteten Volumen nicht möglich», sagt Müller. Was ein Neubau raummässig bedeutet, dafür müsse man den 2012 vom Regierungsrat präsentierten Volumenvergleich zwischen heutiger ZHB und einem möglichen Neubau zu Rate ziehen, sagt Müller. Auch dieser Volumenvergleich ist auf dieser Seite abgebildet (siehe die beiden Grafiken oben).

«Die vom Gegnerkomitee realisierte Grafik zeigt nie und nimmer dieses doppelte Volumen, nur mehr Höhe», kritisiert Müller. «Auch müssten auf jeden Fall Bäume gefällt werden, anders ginge das gar nicht, eine doppelte Fläche zu überbauen.»

Unsere Zeitung bat auch Stadtarchitekt Jürg Rehsteiner um eine Stellungnahme. Für ihn ist klar, dass die Befürworter eines ZHB-Neubaus die Folgen für den Park herunterspielen. «Natürlich kann auf dem Kinderspielplatz weiter gespielt werden», sagt Rehsteiner. «Aber wenn hier plötzlich ein doppelt so hohes und viel breiteres Gebäude steht, beeinträchtigt das die räumliche Qualität des Vögeligärtlis massiv – abgesehen davon, dass es dadurch weniger Sonnenschein erhält.»

«Absurd und schlicht falsch»

Für einen Neubau mit Kantonsgericht und Bibliothek sei es «zwingend notwendig, die Baulinien anzupassen respektive massiv auszuweiten», sagt Rehsteiner. Das bedeute neues Volumen in der Dimension einer «vollen Blockrandbebauung gegen die drei angrenzenden Strassen». Auch gegen den Park hin müsste die Baulinie auf Höhe Gebäudeflucht «The Hotel» nach vorne versetzt werden. «Davon zu sprechen, dass das keine Beeinträchtigung für das Vögeligärtli darstellt, ist absurd und schlicht falsch», sagt Rehsteiner.

Was sagt Andrea Gmür-Schönenberger, CVP-Kantonsrätin, Präsidentin der städtischen CVP und Co-Präsidentin des Gegenkomitees, zur Kritik am Flyer? «Natürlich würden wir statt einer Grafik lieber ein richtiges Projekt zeigen, und zwar einen tollen architektonischen Entwurf. Dann könnte die Stadtbevölkerung zwischen diesem und der heutigen ZHB entscheiden.» Aber leider sei das wegen des Boykotts des Neubau-Wettbewerbs durch die Architektenverbände derzeit nicht möglich.