Vom «Stapi» zum Super-Rentner

Auch heute kommt es noch vor, dass Urs W. Studer als «Stapi» bezeichnet wird. Aber eigentlich ist der 63-Jährige inzwischen Rentner.

Daniel Schriber
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Geniesst das Rentnerleben: Urs W. Studer in einem Waldstück im Gebiet Unterlöchli. Im Altersheim ganz in der Nähe hat Studer noch ein Büro.

Geniesst das Rentnerleben: Urs W. Studer in einem Waldstück im Gebiet Unterlöchli. Im Altersheim ganz in der Nähe hat Studer noch ein Büro.

Ganz genau sieben Monate sind vergangen, seit Urs W. Studer an einem regnerischen Nachmittag im Stadthauspark bei Bier, Wurst und Beinschinken aus dem Luzerner Stadtrat verabschiedet wurde. Und doch kommt es auch heute noch immer wieder vor, dass der 63-Jährige auf der Strasse als Stadtpräsident bezeichnet wird. «Grüezi, Stapi Studer!», heisst es dann jeweils. Die Macht der Gewohnheit.

Wer wills den freundlichen Passanten auch verübeln: 16 Jahre lang war Studer Stadtpräsident. Das sind 5840 Tage, 140 160 Stunden. Oder einfach: eine sehr, sehr lange Zeit. Eine Zeit, die nun zu Ende ist. Seit dem 31. August 2012 ist Urs W. Studer nicht mehr der Stapi, sondern Rentner.

Gewöhnungsbedürftige Freiheiten

Wir treffen ihn am Dienstagmorgen in einem Kaffee in der Tribschenstadt. Als der Journalist kurz nach 10 Uhr mit einigen Minuten Verspätung eintrifft, sitzt der ehemalige Statpräsident bereits an einem Tisch in der Mitte des Lokals, vor sich eine leere Tasse Kaffee und die «Neue Zürcher Zeitung». Studer grüsst freundlich, wirkt entspannt. Hätte er früher wahrscheinlich eine maximale Interviewdauer definiert, ist die Zeit nun kein Thema. Den nächsten Termin hat Studer erst in zwei Stunden – ein gemeinsames Mittagessen mit ehemaligen Stadträten in der Luzerner «Rathausbrauerei». So sieht also das süsse Rentnerleben aus. Ein Leben, an das sich nicht nur die Leute, sondern auch Studer und sein Umfeld zuerst einmal gewöhnen mussten.

Herr Studer, wie hat sich Ihr Leben seit dem 31. August 2012 verändert?

«Dass ich so viel mehr Zeit daheim verbringe, ist für meine Frau und mich eine komplett neue Situation.» Früher klingelte Studers Wecker täglich um 6 Uhr (oder früher) und abendliche Termine gehörten genau so zum Alltag wie zahlreiche repräsentative Einsätze an den Wochenenden. «Ich geniesse es, dass wir uns nicht nur am Sonntag länger Zeit lassen können fürs ‹Zmorge›.» Nun hat Studer fast jedes Wochenende zur freien Verfügung. «Das war früher undenkbar.»

Auch schätze er es, dass er eine gesellige Runde am Abend nicht mehr unbedingt um 22 Uhr verlassen müsse, um am nächsten Tag wieder fit zu sein. «Heute kann es auch mal Mitternacht werden, ohne dass ich mir darüber Gedanken machen muss.» Trotz aller Vorzüge des Rentnerlebens: Nichts zu tun, ist für einen wie Studer keine Option. Im Gegenteil: Seit seiner Pensionierung hat er gleich mehrere Mandate in unterschiedlichsten Institutionen angenommen. Der ehemalige Sängerknabe übernahm im September nicht nur das Präsidium der fusionierten Luzerner Kantorei, sondern auch diverse andere Mandate in Vereinen und Institutionen (siehe Box). Zudem baut er sein Haus neu und nimmt sich gerne und viel Zeit für seine Enkelkinder.

Herr Studer, das klingt aber mindestens nach einem 100-Prozent-Pensum! «Ach was», sagt Studer, er lacht und winkt ab. «Es sind etwa 40 Prozent.» Geld verdient er damit kaum mehr. «Der grosse Teil der heutigen Mandate basiert auf einer Wurst-und-Brot-Basis.»

Vom Kegelverein bis zur Gay Parade

Studer engagiert sich aus zweierlei Gründen für die genannten Institutionen. Die Tätigkeiten interessieren ihn. Und er möchte der Stadt etwas zurückgeben. Während 16 Jahren habe er Möglichkeiten gehabt, die «normale» Bürger niemals haben. Als Stadtpräsident hat Studer viele bedeutende und interessante Leute kennen gelernt – darunter die ehemalige «First Lady» Hillary Clinton, den sowjetischen Staatschef Michail Gorbatschow oder den verstorbenen tschechischen Präsidenten Václav Havel. Daneben erhielt Studer immer wieder die Möglichkeit, in Kontakt mit den unterschiedlichsten Gruppen unserer Gesellschaft zu kommen.

Tausende Einladungen habe er während seiner Amtszeit erhalten – vom Kegelverein über die Freimaurerloge bis hin zur Gay Pride Parade. «Wenn immer möglich, habe ich zugesagt.» Schliesslich seien es alle diese unterschiedlichen Menschen, welche die Stadt ausmachen würden.

Was er nicht mehr will, ist, in der Politik mitzumischen. Zwar lese er täglich unsere Zeitung und konsumiere ausgewählte Nachrichtensendungen am Radio und Fernsehen – «meine aktive Zeit in der Politik ist jedoch vorbei». Auch habe er nicht vor, künftig mit Leserbriefen auf sich aufmerksam zu machen oder gar für Zoff zu sorgen. «Ich habe mir wirklich vorgenommen, mich zurückzuhalten.»

«Mein Nachfolger macht das gut»

Raushalten wird er sich auch bei der Arbeit seines Nachfolgers, aber natürlich interessiert sich Studer für das Schaffen des neuen Stadtpräsidenten Stefan Roth. «Mein Nachfolger macht das gut», sagt Studer. Zwar habe er schon Kritiker vernommen, die bemängeln, der aktuelle Stadtpräsident sei in der Öffentlichkeit zu wenig präsent. Für Studer ist jedoch klar, dass die Ausbübung dieses Amtes auch Zeit braucht. «Bis so ein neuer Stadtrat funktioniert, braucht es zwei Jahre. Gebt ihm diese Zeit.»