Gastkommentar
Stadtentwicklung von analog zu digital: Wie werden Bauwerke in der Zukunft gebaut?

Dieter Geissbühler
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Die Frage zur Rolle der Digitalisierung im Bauwesen treibt momentan die Branche merklich um. Kann sie aus dem Hauptverantwortlichen für unseren Ressourcenverbrauch – der Baubranche – den Musterschüler eines weitgehend CO2-neutralen Wirkens machen? Oder führt sie einfach zur weiteren Beschleunigung des Projektierungsprozesses und ist somit reine Effi‑ zienzsteigerung, um bei den Erstellungskosten zu sparen? (Dass bei dieser Rechnung zu oft die Kosten des gesamten Lebenszyklus ausser Acht gelassen werden, sei hier nur am Rande vermerkt.)

Das Abwägen von Gefahren und Chancen der digitalen Entwicklung ist momentan nicht nur für Laien unübersichtlich. Aber wenn es um die Herstellung von Bauwerken geht, lassen sich schon seit einiger Zeit massgebende Entwicklungen festmachen. Halten wir fest: Der Herstellungsprozess, verstanden als umfassende Tätigkeit der Planung und Erstellung von Bauwerken, ist für die Architektur die konstanteste gestaltprägende Komponente. Auch wenn dieser Prozess schon immer einer andauernden und kontinuierlichen Entwicklung unterlegen ist, lässt sich doch feststellen, dass die digitalen Möglichkeiten radikale Veränderungen mit sich bringen.

Im Vordergrund der Anwendung digitaler Tools stehen eher die scheinbar banalen digital getriebenen und weniger die hochspezialisierten raffinierten Produktionstechniken. Das heisst, der mit einfachen Werkzeugen bestückte Roboter liegt uns näher als die fünf- oder siebenachsige Spezial-Fräsmaschine, denn mit dem Roboter gelingt uns eine Annäherung an handwerkliche und teilweise auch an frühindustrielle Produktionstechniken. Der Roboter ist die Fortsetzung eines Optimierungsprozesses, in dem über die Jahrhunderte hinweg Arbeitsabläufe und die Handhabung von Werkzeugen weiterentwickelt und verbessert wurden.

Der Roboter mauert die Backsteinwand oder fügt die Holzteile zu einer komplexen dreidimensionalen Schale. Beton wird in absehbarer Zeit wohl nicht mehr in aufwendig erstellen Schalungen gegossen, die nachher entsorgt werden müssen, sondern mit einer einfachen Spritzdrüse dreidimensional «gedruckt». In beiden Fällen handelt es sich entweder um die direkte Interpretation einer Handhabung der Werkzeuge oder aber des händischen Formens an sich.

Handwerk im umfassenden Sinne verstanden und weit über die Tätigkeit der Hand hinausreichend, ist der Wissensspeicher, mit dem eine nachhaltige Wirkung des Bauens verstanden und beurteilt werden kann. Aus diesem Handwerk heraus, und nicht als neuartige Herstellungsform, muss sich die digitale Fertigung etablieren. Sie wird in diesem Sinne immer in der Interaktion mit dem physischen Handeln des Menschen geschehen müssen. Das heisst, der Bauprozess, wie wir ihn heute kennen, wird sich langsam anpassen und wird immer in einer Wechselwirkung zum Handwerk stehen. In diesem Sinne muss die Pflege der Handwerkskünste, das heisst der hohen Fertigkeit der Ausübung eines Handwerkes, zum Bildungsauftrag unserer Kultur gehören, wollen wir in der digitalen Ära weiter bestehen.

Hinweis: Dieter Geissbühler ist Dozent am Kompetenzzentrum Typologie und Planung in Architektur der Hochschule Luzern. Einmal im Monat äussern sich Professoren des Departements zu städtebaulichen Themen. Ihre Ansichten müssen nicht jener der Redaktion entsprechen.