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Von der Champions League in die Hölle und zurück – der erstaunliche Weg des Luzerners Chris Wilson

Arbeitslosigkeit hat viele Gesichter – und verschont auch Topmanager nicht. Das hat Chris Wilson erfahren müssen. Eine Geschichte über Erfolg, Scheitern und den beschwerlichen Kampf zurück ins Leben.
Raphael Zemp
Chris Wilson mit seinem Tour-Van, womit er Touristen kreuz und quer durch die ganze Schweiz chauffiert. (Bild: Pius Amrein, Horw, 13. April 2019)

Chris Wilson mit seinem Tour-Van, womit er Touristen kreuz und quer durch die ganze Schweiz chauffiert. (Bild: Pius Amrein, Horw, 13. April 2019)

«Die Hölle.» Chris Wilsons Urteil über die letzten sechs Jahre seines Lebens fällt ebenso kurz wie hart aus – und scheint auf den ersten Blick falsch. Denn am hölzernen Tisch eines Luzerner Cafés gegenüber sitzt keine sichtbar vom Schicksal durchgeschüttelte Existenz, sondern ein gepflegter Herr im Anzug: das ergraute Haar nach hinten gekämmt, die Wangen glattrasiert, um den Hals schmiegt sich eine gestreifte Krawatte. Der 47-jährige Wilson – «nenn mich einfach Chris» – setzt seine Tasse Earl Grey mit Milch ab und schüttelt ungläubig den Kopf:

«Das es mich treffen könnte? Hätte ich nie gedacht. Es war die Hölle».

Dabei macht Chris während vieler Jahre, wozu so viele Aufschriften auf Teenie-Rucksäcken aufrufen: Er träumt nicht sein Leben, nein. Er lebt seinen Traum. Noch heute erinnert er sich, wann dieser begonnen hat: am 13. November 2000. An diesem Montag tritt er seine Stelle bei Team an – der Television, Entertainment and Media Marketing AG mit Hauptsitz in Luzern. Jene Firma, die zu diesem Zeitpunkt die Champions League vermarktet, den grössten und lukrativsten Wettbewerb im Klubfussball überhaupt.

Was die Vermarktungsfirma anbietet, ist wie gemacht für den damals 28-jährigen Chris. Der Job erfordert nicht nur sein Organisationstalent, sondern dreht sich zudem um die ganz grosse Leidenschaft des Manchester-United-Fans: den Fussball. Ohne Zögern verlässt er dafür die nordenglische Heimat, geht fortan mit den ganz Grossen des Europäischen Fussballs auf Tuchfühlung: «FC Barcelona, FC Liverpool, Glasgow, ZSKA Moskau...», rattert er «seine Clubs» herunter – und zückt zum Beweis ein Dokument aus der Aktentasche, wo sämtliche Wirkungsstätten aufgelistet sind, von Lissabon bis Baku; Chris strahlt.

Er landete vor dem splitternackten Maldini

Vor Ort hat er jeweils dafür zu sorgen, dass alles so ist, wie es sein soll. Dass die richtige Werbung über die Banden flimmert. Dass der Champagner in der Sponsorenlounge kühl gestellt ist. Dass Logos und Embleme vorteilhaft von den Kameras eingefangen werden. Dafür steht Chris mit Uefa-Verantwortlichen und Klubfunktionären in Kontakt, ebenso wie mit Journalisten und Putzfrauen. Aber auch mit Spielern hat er es zu tun: Keine zwei Wochen nach Stellenantritt landet er in der Umkleide der AC Mailand, vor dem splitternackten Paolo Maldini. «Ich sollte ihn für ein Interview holen», erinnert sich Chris.

Interessant sind nicht nur die Begegnungen, sondern auch die Entlöhnung, daraus macht Chris keinen Hehl. Mehr als 10'000 Franken seien ihm Ende Monat jeweils überwiesen worden – dazu oft ein hoher Bonus. Davon lässt sich gut leben. Und so zieht für Chris eine Traumsaison nach der anderen ins Land, bis das schicksalshafte Jahr 2012 anbricht. Jenes Jahr, in dem er die Deutschlehrerin Bianca kennenlernt, die sechs Jahre und eine Scheidung später seine zweite Frau werden sollte.

Uefa-Übernahme kostet ihm den Job

Aber auch jenes Jahr, in dem die Uefa einen Teil der Champions-League-Vermarktung übernimmt – mit drastischen Folgen für die Firma Team in Luzern. Zehn Team-Mitarbeiter wechseln nach Nyon zur Uefa, 30 weitere erhalten die Kündigung, darunter Chris. Ein Jahr lang hangelt er sich als Freelancer durch – bis sie beginnt, «die Scheisse»; Chris ist arbeitslos.

Täglich scrollt er sich nun durch jobs.ch und Co, verschickt Bewerbung um Bewerbung – mehr als 1000, nur um Absage nach Absage zu erhalten. Mal ist er «überqualifiziert», mal werden «Schweizerdeutschkenntnisse» verlangt, nicht selten bleibt eine Antwort aus. Dass er Ausländer und mittlerweile über 40 Jahre alt ist, erleichtert die Suche nicht. Ob das gute alte England einem wie ihm mehr zu bieten hat? Ein paar Monate auf der Insel bringt die Gewissheit: Nein. Und so zieht Chris wieder in die Schweiz, in die Region Luzern. «Weil es hier schöner, und die Lebensqualität höher ist.»

Glücklos als Handwerker

Kosten aber tut das Leben auch hier. Das kriegt Chris zu spüren – und verzweifelt daran je länger desto mehr. Er, der lange im Scheinwerferlicht der grossen Fussballtempel Europas gelebt hat, rackert nun als Landschaftsgärtner (und wird nach drei Tagen gefeuert), versucht sich als Maler (wo ihn nach nur zwei Tagen dasselbe Schicksal ereilt). «Ich bin einfach kein Handwerker», meint Chris dazu. Als Chauffeur für ein lokales Reiseunternehmen hingegen läuft es besser: Zu jeder Tages- und Nachtzeit winkt Chris fortan in Ankunftshallen Touristen mit Namenstafeln zu sich, um sie anschliessend zu Luzerner Hotels zu kutschieren.

Zusätzlich unterrichtet er mal ein bisschen hier, berät mal ein bisschen da – nicht alle haben vergessen, was Chris bei der Firma Team einst geleistet hat. Auch das spült unregelmässig ein paar Franken aufs Konto. Rund 3000 Franken zählt er Ende Monat, manchmal auch nur 2000, im Winter noch weniger oder gar nichts. Über die Hälfte davon geht für den Unterhalt seiner zwei Kinder aus erster Ehe drauf. Chris lernt zu verzichten: auf Konzerte, Reisen, Restaurantbesuche. Fährt fürs Einkaufen nach Deutschland. Zu vielen Freunden lässt er den Kontakt abbrechen – zu sehr schämt er sich seiner Situation.

Neue Chance dank Tourismus

Luft verschafft ihm auch ein weiteres Projekt: Chris vermietet einen Teil seiner Wohnung an Touristen aus aller Welt. Bald zeigt sich: Er schlägt nicht nur mit anspruchsvollen Sponsoren, Funktionären und Fussballdivas den richtigen Ton an, sondern auch mit Lisa aus Texas, mit Achmed aus den Vereinigten Arabischen Emiraten. Das beweisen die vielen überschwänglichen Bewertungen, die Chris hastig auf sein Smartphone wischt.

Da geht mehr, sagt sich Chris – und gründet 2018 die Firma Typically Swiss, um fortan Gästen die Schätze der Schweiz näherzubringen, im schwarzen Mercedes V Class, auf massgeschneiderten Touren, mit «tip top Service». 700 Franken kostet das pro Tag– und wird anfänglich nur zögerlich gebucht. Trotz «ausgezeichneter Homepage» und Hochglanzprospekten. In den letzten Monaten aber hat das Geschäft angezogen. «Weil ich an meine Idee glaube», weil sich sein Networking ausbezahlt hat; weil renommierte Hotels auf seinen Service aufmerksam geworden sind, weil die sozialen Medien seine Touren lieben. Nach Jahren der Entbehrung wittert Chris nun Morgenluft:

«Ich bin motiviert, ja enthusiastisch.
Schade nur, dass ich nicht eher auf diese
Idee gekommen bin.»

Aus dem Schneider ist Chris freilich nicht. Denn er schuldet nicht nur seinen Eltern und seiner Frau Geld. Er hat sich auch am Ersparten seiner Kinder vergangen – «um zu überleben, aus purer Verzweiflung». Nichts, was sich nicht wieder richten liesse, hat das Leben doch wieder begonnen, ja gar lange verschlossene Türen wieder aufgestossen. Es gäbe da einen Job, bei der Uefa, für den sei er wie gemacht: Zuständiger Organisation und Koordination an der Euro 2020. Ein Interview habe er bereits hinter sich, die Stelle so gut wie auf sicher. «Ich werde ihnen zeigen, dass ich der richtige Mann für diesen Job bin.»

Was dann mit seinem Baby Typically Swiss passiere? «Das wird eine schwierige Entscheidung.» Ob eine Zukunft im Fussball- oder Tourismusgeschäft; eines sei ganz klar: «I’m back from the dead!» – «Ich bin von den Toten zurückgekehrt!»

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