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Vor 40 Jahren: Über 2000 Personen demonstrierten für Hans Küng

1979 entzog der Vatikan dem kritischen Schweizer Theologen Hans Küng die Lehrerlaubnis. In Luzern gab es deswegen eine Grossdemo – trotz winterlicher Kälte.

Hugo Bischof
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Es erinnert ein wenig an die Klima-Demos mit jeweils mehreren hundert Personen, die dieses Jahr in der Stadt Luzern stattfanden. Vor 40 Jahren, am 22. Dezember 1979, gab es in Luzern ebenfalls eine Kundgebung – aus anderem Grund, aber viel grösser. Über 2000 Personen demonstrierten damals vor der Hofkirche gegen den Entzug der kirchlichen Lehrerlaubnis des Schweizer Theologen Hans Küng.

Die Kundgebung fand bei eisiger Kälte auf dem schneebedeckten Vorplatz der Hofkirche Luzern statt.
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Mit einer Vielzahl von Plakaten protestierten die Kunsgebungsteilnehmerinnen und -teilnehmerinnen dagegen, dass der Vatikan Hans Küng die kirchliche Lehrerlaubnis entzogen hatte.
«Dialog statt Macht» hiess es auf einem der Plakate. Hans Küng hatte die Unfehlbarkeit des Papstes angezweifelt und war deshalb beim Vatikan in Ungnade gefallen.
Vatikanischer Sehest: Die Demo-Teilnehmer bewiesen bei ihrem Protest grosse Kreativität.
Harte Kritik am Vatikan.
Bei der Kundgebung wurden im Zeichen der Solidarität mit Hans Küng auch zahlreiche Reden gehalten.
Die Kundgebung vor der Hofkirche Luzern verlief friedlich.

Die Kundgebung fand bei eisiger Kälte auf dem schneebedeckten Vorplatz der Hofkirche Luzern statt.

Bilder Stadtarchiv Luzern

Einer der Demo-Organisatoren war Odilo Noti. Der heute 66-Jährige studierte damals Theologie an der Universität Fribourg; zuvor hatte er zwei Semester in Tübingen verbracht. Später machte er sich als Kommunikationsleiter von Caritas Schweiz mit zahlreichen Publikationen im Dienst von Solidarität und Gerechtigkeit einen Namen.

Entscheid an Geheimtreffen gefällt

Noti, heute Präsident der Stiftung Weltethos Schweiz, erinnert sich: «Am 19. Dezember 1979 veröffentlichte die vatikanische Kongregation für die Glaubenslehre eine Erklärung, in der sie festhielt, dass der in Tübingen lehrende Schweizer Theologe Hans Küng nicht mehr als katholischer Theologe gelten und lehren dürfe.» Der Entscheid sei tags zuvor bei einem Geheimtreffen von Vertretern der römischen Kurie und der deutschen Bischofskonferenz in Brüssel gefällt worden: «Dabei wurde der zuständige Bischof von Rottenburg in Baden-Württemberg, Georg Moser, ultimativ angewiesen, Küng die kirchliche Lehrerlaubnis zu entziehen».

Bestseller und Manifeste verfasst

Lebenslauf

Als Sohn eines Schuhhändlers wurde Hans Küng am 19. März 1928 in Sursee geboren. Er besuchte die Schulen in Sursee und Luzern. Nach der Matura 1948 studierte er Philosophie und Theologie an der Universität Gregoriana in Rom sowie an der Sorbonne und am Institut Catholique in Paris. Neben seinen Universitätsabschlüssen wurde er auch als katholischer Priester des Bistums Basel ordiniert. Von 1960 bis zu seiner Emeritierung 1996 war Hans Küng Professor für Ökumenische Theologie und Direktor des Instituts für Ökumenische Forschung an der Universität Tübingen. Er war Gastprofessor an diversen Universitäten und erhielt zahlreiche Ehrendoktorate. Von 1962 bis 1965 war er auf Ernennung durch Papst Johannes XXIII offizieller theologischer Berater (Peritus) am Zweiten Vatikanischen Konzil. Wegen seiner Infragestellung der Unfehlbarkeit des Papstes entzog ihm der Vatikan 1979 die kirchliche Lehrbefugnis (Missio). 1995 wurde Küng Präsident der Stiftung Weltethos. Er entwarf 1993 die «Erklärung zum Weltethos» des Parlaments der Weltreligionen sowie 1997 den Vorschlag des InterAction Council für eine «Allgemeine Erklärung der Menschenpflichten». 2001 wurde er mit Richard von Weizsäcker von UN-Generalsekretär Kofi Annan in eine «Gruppe hochrangiger Persönlichkeiten» berufen, die für die Vereinten Nationen das Manifest «Brücken in die Zukunft» verfasste. Küng hat viele theologische Schriften und Sachbücher veröffentlicht, darunter Bestseller wie «Christsein» oder «Existiert Gott?». Heute lebt er, der bis vor kurzem seine Ferien regelmässig in Sursee verbracht hat, zurückgezogen in Tübingen. (hb)

Entscheidend dafür war, dass Küng das am Ersten Vatikanischen Konzil (1870) formulierte Dogma von der Unfehlbarkeit des Papstes hinterfragte. Noti:

«Die römische Strafmassnahme war eine Nacht- und Nebelaktion, nur wenige Tage vor Weihnachten. Sie bewies wenig Gespür für die Friedensbotschaft dieses kirchlichen Hochfestes.»

Präsident der Deutschen Bischofskonferenz war damals Kardinal Höffner. Er sei eine der treibenden Kräfte gegen Küng gewesen, sagt Noti. Im kleinen Kreis soll er sich gar zur zynischen Aussage verstiegen haben, «der vorweihnachtliche Entzug der kirchlichen Lehrerlaubnis sei kein Problem, Küng glaube ohnehin nicht an Weihnachten beziehungsweise an die Jungfrauengeburt».

Wohl noch nie habe eine kirchliche Massnahme gegen einen Theologen weltweit eine derartige Solidaritätswelle ausgelöst, sagt Noti:

«Während Wochen war das Vorgehen Roms Thema in allen Medien.»

Unzählige kirchliche Gruppen und Organisationen hätten sich hinter Küng gestellt. Auch in der Schweiz sei es zu einer breit abgestützten Solidaritätsbewegung gekommen.

Einsatz für mutigen, weltoffenen Katholizismus

Einen wichtigen Akzent setzten die Basisgruppen von Theologiestudierenden aus Fribourg und Luzern. Sie waren es denn auch, die am 22. Dezember, nur drei Tage nach dem vatikanischen Verdikt, die Kundgebung vor der Luzerner Hofkirche mit dem Slogan «Dialog statt Macht» organisierten. Der Standort war nicht zufällig gewählt, denn Hans Küng hatte nach seiner Priesterweihe in der Luzerner Hofkirche als Vikar gearbeitet. Noti erinnert sich gut an die Demo: «Trotz der winterlichen Kälte nahmen an diesem Samstagnachmittag gut 2000 Personen daran teil.» Schweizer Medien aus allen Landesteilen – Fernsehen, Radio und Zeitungen berichteten ausführlich darüber.

An der Kundgebung traten unter anderen der Freiburger Alttestamentler Othmar Keel, der Luzerner Kapuziner Ezechiel Britschgi (damals Pfarrer von Flühli im Entlebuch) und der protestantische Berner Theologe Klaus Bäumlin auf. Auch der Innerschweizer Schriftstellerverband und sein Sprecher Julian Dillier gaben Erklärungen ab. Dem Protest schloss sich auch die Gesellschaft Schweizerischer Maler und Bildhauer, Sektion Innerschweiz, an – angeführt von Godi Hirschi. Die Theologiestudierenden präsentierten einen von 9162 Personen unterschriebenen Offenen Brief an Papst Johannes Paul II. und die Glaubenskongregation. Auch 50 Schweizer Theologieprofessoren nahmen Stellung. Die «Aktion Menschenrechte in der Kirche» wandte sich mit einer von rund 15 000 Personen unterstützten Petition an die Schweizer Bischofskonferenz.

«Alle Stellungnahmen unterstützten vorbehaltlos einen mutigen und weltoffenen Katholizismus, wie ihn Hans Küng vertrat», sagt Noti. «Sie äusserten zudem die Befürchtung, dass das Vorgehen der Glaubenskongregation und der deutschen Bischöfe in Kirche und Theologie ein Klima der Angst und der Repression fördere. Schliesslich zerstöre die Kirche mit den Strafmassnahmen gegen Küng ihre Glaubwürdigkeit, weil sie grundlegende Menschenrechte mit Füssen trete.»

Küngs formelle Rehabilitierung steht noch immer aus

Küngs formelle Rehabilitierung stehe heute, nach 40 Jahren immer noch aus, bedauert Noti: «Das ist ein Ärgernis ohnegleichen.» Papst Franziskus habe Küngs Vorschlag, die Frage der lehramtlichen Unfehlbarkeit in aller Freiheit neu zu diskutieren, zwar 2016 in einer persönlichen Grusskarte an den Theologen positiv beantwortet: «Geschehen ist indessen nichts.» Der heute 91-jährige Hans Küng, eine Jahrhundertgestalt der katholischen Kirche, sei am Abend seines Lebens angelangt, schwer gezeichnet von seiner Parkinsonerkrankung, sagt Odilo Noti. Er betont: «Eine formelle Rehabilitierung und Entschuldigung durch den Vatikan und die deutschen Bischöfe wäre ein – sehr spätes – Zeichen von menschlicher Anteilnahme, einem aufgeklärten Rechtsverständnis und von ernsthafter Führungsverantwortung.» Viel Zeit bleibe nicht mehr.