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Vor 50 Jahren abgerissen: Erinnerungen an das Gasthaus zur Linde in Kriens

Vor 50 Jahren wurde die «Linde» in Kriens abgerissen. Sie war einst die «Seele des Dorfes» und Treffpunkt von Politikern, Gewerblern, Fasnächtlern, Schützen, Turnern und Männerchörlern. Auch Originale wie «Dami-Otti» tranken hier einen über den Durst.
Hugo Bischof
Undatiertes Postkartenbild des Gasthauses zur Linde. Bilder: Archiv Michael Schärli

Undatiertes Postkartenbild des Gasthauses zur Linde. Bilder: Archiv Michael Schärli

Vor 50 Jahren, am 20./21. Oktober 1969, wurde das Gasthaus zur Linde in Kriens abgerissen. Noch heute geistert die Linde in den Köpfen vieler alter Krienser herum. Es war einst ein richtiges Dorfzentrum, wie es von vielen Bewohnerinnen und Bewohnern der heutigen Stadt Kriens vermisst wird.

Entsprechend ranken sich viele Geschichten um das Haus. Wohl schon im 14. Jahrhundert stand hier ein Wirtshaus. Es wurde 1680 teilweise oder ganz neu gebaut. Der Name «Linde» tauchte erstmals um 1700 auf. Das Gasthaus musste dem Hof in Luzern und der Galluskirche einen Zehnten in Form von Messwein entrichten.

Ab 1745 Branntwein, ab 1795 Bier

Dass 1798 die französischen Revolutionstruppen im Gasthaus zur Linde Quartier bezogen, ist hinlänglich bekannt. Ebenso die Geschichte des Berner Obersten und späteren Bundesrats Ochsenbein, der während des Sonderbundskriegs in der Linde einen Kommandoposten errichtete – und mit 5000 Soldaten, 800 Pferden und 16 Kanonen anrückte. Ihr definitives Aussehen als Riegelbau erhielt die Linde nach diversen Umbauten wohl 1828. Bis 1864 (Bau «Pilatus») blieb sie die einzige Gaststätte in Kriens. Auf dem Platz vor dem Gasthaus mit Brunnen und Dorflinde fanden Volksversammlungen, Chilbis, Versteigerungen oder militärische Drillübungen statt. Ab 1745 war das Ausschenken und Trinken von Branntwein offiziell erlaubt; zuvor gabs nur Wein und Most. 1795 begann der Bierausschank. Bis weit ins 19. Jahrhundert hinein war die «Linde» auch Gerichtsort.

Das Krienser Tram hält vor der «Linde». Das kolorierte Foto entstand wohl kurz nach 1900.

Das Krienser Tram hält vor der «Linde». Das kolorierte Foto entstand wohl kurz nach 1900.

Als 1855 in Kriens die mechanische Werkstätte Bell und 1859 die Schappeseidenspinnerei aufgingen, wurde die Linde zum Treffpunkt der Bell- und Schappe-Arbeiter. Die soziale Unterschicht besuchte die Beiz im Erdgeschoss. In der Gaststube im oberen Stock trafen sich Politiker und führende Gewerbeleute, Gallizünftler, Schützen, Turner und Männerchörler. Auch an der Krienser Fasnacht war die Linde ein beliebter Treffpunkt.

«Europas grösster Walfisch!»

Es fanden dort Anlässe statt, die man sich heute kaum mehr vorstellen könnte. So wurde beispielsweise vom 10. bis 15. November 1896 im Linde-Saal «Europas grösster Walfisch!» zur Schau gestellt. Gemäss einem Inserat im damaligen Krienser Anzeiger kostete der Eintritt in die Ausstellung für Erwachsene 50, für Kinder 20 Cents; für Schulen gabs Ermässigung. Der Wal-Kadaver war so gewaltig, dass im Rachen ein Tisch mit Stühlen stand, an dem sechs Personen «gemütlich jassen konnten». Zum Abschluss gabs ein «Concert im Walfischbauch».

Frauen traf man eher selten

Die Linde stand allen offen. Oder zumindest fast allen. Denn Frauen traf man dort eher selten. Sie durften, wenn überhaupt, nur streng sittlich in Begleitung eines Mannes einkehren. Weiblich war in der Linde nebst der Wirtin nur das Servierpersonal. Und politisch war die Linde in liberaler Hand.

«Drei-Tritt-abe» hiess die Beiz im Erdgeschoss. «Man musste drei Treppenstufen nach unten nehmen, um einzutreten», sagt dazu Michael Schärli. Er ist Mitglied der Gallizunft und hat sich intensiv mit der Krienser Dorfgeschichte beschäftigt. Er kennt viele Erzählungen über die Linde. Etwa jene von «Dami-Otti», dem Krienser Original: «Er hiess so, weil er häufig ‹Gopfertami› sagte.» In der Beiz unten habe Dami-Otti jeweils tüchtig «gscheeret». Legendär waren seine Klavierkünste. «Und manchmal», so Schärli, «warf er sein Gebiss ins Bierglas eines anderen Gasts.» Worauf dieser ihm sein Bier wohl oder übel überliess – «und Dami-Otti sein Ziel erreicht hatte, nämlich ein Gratis-Bier». Es sei auch vorgekommen, dass Dami-Otti «ganze Blumenvasen austrank».

Vor dem Eingang zum Gasthaus zur Linde im oberen Stock hängen im Herbst 1969 drei erlegte Wildtiere.

Vor dem Eingang zum Gasthaus zur Linde im oberen Stock hängen im Herbst 1969 drei erlegte Wildtiere.

«Wildsau, Bär, Hirsch» – auf der Jagd erlegt

Michael Schärli hat bei seiner Recherche auch alte, unbekannte Fotos ausgegraben. Eines bilden wir oben ab. Es zeigt die Aussentreppe an der Ostfassade der Linde. Am Geländer vor der Türe hängen drei auf der Jagd erlegte Tiere. «Lindenmetzgete 1969», heisst es hinten auf dem Foto. Und dann: «Wildsau, Bär, Hirsch.» Drei Männer und sechs Kinder stehen vor der speziellen Auslage – staunend, neugierig. Es war Wildzeit und die Jagdbeute landete kurz darauf, vorzüglich zubereitet, auf den Tellern der Linde-Gäste. Dass vor dem Gasthaus-Eingang ein richtiger Bär hing, ist schwer zu glauben, denn Bären galten in der Schweiz ab 1904 als ausgestorben. Vielleicht wars irgend ein anderes Wildtier. Das Foto entstand im Herbst 1969, kurz vor dem Abriss der Linde. Es stammt aus Privatbesitz, der Fotograf ist unbekannt. Heute runzelt man die Stirn, wenn man das Bild sieht. In der Tat: Tote Tiere dürfte man heute so nicht mehr zur Schau stellen.

Umbau wäre zu teuer gewesen

Von 1925 bis 1967 wurde die Linde von der Wirtsfamilie Zust geführt – die zwei ersten Jahre als Pächter, danach als Besitzer. Die Zusts nahmen einige Umbauten vor und hoben die strikte Trennung zwischen «oben» und «unten» auf. 1962 überlegten sich die Liberalen kurz, ob ihr Stammlokal nicht unter Heimatschutz gestellt werden müsste. Auch zwei Herren von der Denkmalpflege aus Bern kamen einmal, betrachteten die Linde und kamen zum Schluss, dass daran in der Vergangenheit zu viel umgebaut worden war. 1967 verkaufte Josef Zust-Gärtner das Gasthaus an das Bauunternehmen Wüest und das Gipsergeschäft Zamboni. Eine Renovation mit Umbau war zu teuer, unter anderem hätten die nur 2,05 Meter hohen Räume gemäss kantonalem Wirtschaftsgesetz auf 2,8 Meter erhöht werden müssen.

So sieht es heute aus: Das Haus in der Mitte folgte auf die «Linde». Bild: Nadia Schärli (Kriens, 14. Oktober 2019)

So sieht es heute aus: Das Haus in der Mitte folgte auf die «Linde». Bild: Nadia Schärli (Kriens, 14. Oktober 2019)

Viele trauern der «Seele des Dorfes» nach

Ein Erwerb durch die damalige Gemeinde Kriens war kein Thema. Der Rückkauf des Schlosses Schauensee für 1,5 Millionen Franken war das wichtigere Geschäft. So fuhren bei der Linde schliesslich die Abbruchbagger auf. Das Gasthaus wurde ersetzt durch einen nüchternen Zweckbau. Das darin versprochene Restaurant wurde verkleinert und im Parterre nach hinten verlegt. Ein «alter Krienser» kommentierte damals in der LNN:

«Man opfert zwar jetzt das Alte so leichten Herzens an diesen Fortschritt, der mir mehr und mehr als betriebsamer Leerlauf erscheint.»

Wahrscheinlich hänge noch heute in vielen Krienser Stuben ein Bild der Linde, vermutet Michael Schärli – in Erinnerung an die «Seele des Dorfes».

Quellen: Christine Barrraud/Alois Steiner: Kriens von den Anfängen bis zur Gegenwart (hrsg. Gemeinde Kriens). Irene Schubiger: Das Gasthaus zur Linde – ein Dorf und sein Platz (1995, Gönnerverein Museum im Bellpark). Melchior Schnyder/J. F. A. Balthasar (hrsg. Gemeinde Kriens, Nachdruck 1977). Plus Aufzeichnungen von Michael Schärli.

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