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Wahlen 2020: Beat Züsli (SP) ist mehr Stadtrat als Stadtvater

Der Luzerner Stadtpräsident Beat Züsli (SP) sieht sich als «Primus inter Pares». Seine Stärke ist der Pragmatismus. Aber grosse Erfolge blieben bisher aus.

Stefan Dähler
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Beat Züsli auf der Dachterrasse der neuen ABL-Siedlung Himmelrich.

Beat Züsli auf der Dachterrasse der neuen ABL-Siedlung Himmelrich.

Manuela Jans-Koch | Lz

Für den Fototermin hat sich Stadtpräsident Beat Züsli (SP) die Dachterrasse der Himmelrich-Siedlung der Baugenossenschaft ABL in der Luzerner Neustadt ausgesucht. Diese gilt für ihn als positives Beispiel für Wohnungsbau: Es wurde günstiger Wohnraum in alten Gebäuden erhalten, zudem sind neue Angebote für Familien und das Kleingewerbe entstanden. Noch ist die Siedlung nicht fertig. Das soll, geht es nach ihm, auch für Beat Züslis Zeit als Stadtpräsident gelten. Doch seine Wiederwahl ist nicht gesichert. Hauptkonkurrent Martin Merki (FDP) wird auch von SVP, CVP und GLP unterstützt. Merkis Ziel: Als Bürgerlicher will er das Verhältnis zum bürgerlich geprägten Kanton verbessern.

Ein teurer Theater-Kompromiss

Das war vor vier Jahren auch das Ziel von Beat Züsli. Die Bilanz ist durchzogen: Bei Mobilitätsfragen, insbesondere der Spange Nord, liegen die Positionen von Stadt und Kanton weit auseinander. Dasselbe gilt auch für die kantonale Aufgaben- und Finanzreform (AFR 18), in deren Erarbeitung die Stadt kaum einbezogen wurde. Im Kulturbereich dagegen, für den Züsli als Bildungs- und Kulturdirektor verantwortlich ist, konnte mit dem neuen Finanzierungsschlüssel für die grossen Kulturbetriebe eine Lösung gefunden werden. Auch die Erneuerung des Luzerner Theaters kann nun vorangetrieben werden. Der Kompromiss kostet aber etwas: Neu kommt die Stadt für 40 statt 30 Prozent der Subventionen für die grossen Kulturbetriebe auf. Zu postulieren, Züsli habe sich vom Kanton über den Tisch ziehen lassen, wäre aber übertrieben. Im Vergleich zu anderen Städten steht Luzern auch mit der neuen Lösung nicht schlecht da.

Beat Züsli im Gespräch mit Mäzen Arthur Waser im Anschluss an eine Medienkonferenz zur Theater-Zukunft im Dezember 2019.

Beat Züsli im Gespräch mit Mäzen Arthur Waser im Anschluss an eine Medienkonferenz zur Theater-Zukunft im Dezember 2019.

Eveline Beerkircher

Er konnte die strategischen Schwächen nicht ausmerzen

Eine Niederlage für Beat Züsli war dagegen die gescheiterte Einführung eines Strategiemanagers 2017. Damit sollte die direktionsübergreifende Arbeit gefördert und der Stadtrat bei der Gesamtplanung unterstützt werden. Beide Punkte gelten schon länger als Schwächen des Gremiums, die Züsli nach wie vor nicht ausmerzen konnte. Exemplarisch dafür steht etwa die Gemeindestrategie 2018, bei der in der ersten Version die Wirtschaft quasi vergessen ging. Oder die Digitalstrategie 2019, die der Stadtrat als visionär empfand, von den Parteien aber als blosse Verwaltungsreform kritisiert wurde.

Beat Züsli liest Geschichten von Franz Hohler am Schweizer Vorlesetag 2018 in einem VBL-Bus.

Beat Züsli liest Geschichten von Franz Hohler am Schweizer Vorlesetag 2018 in einem VBL-Bus.

Dominik Wunderli

Er sieht sich selber nicht unbedingt als «Leader»

Ein anderes Beispiel ist die Car- und Tourismusdiskussion. Bei diesem umstrittenen Thema konnte sich der Stadtrat in den letzten Jahren nie durchsetzen. Seine Ideen wie ein Carparking im Brüelmoos, auf der Allmend oder in Kriens scheiterten stets – entweder am Widerstand der Nachbarstadt oder des Parlaments. Ohnehin diktierte Letzteres bei diesem Thema die Agenda, der aktuelle partizipative Prozess für die Erarbeitung einer Tourismusstrategie geht ebenfalls auf einen Vorstoss im Grossen Stadtrat zurück. Das mag Zufall sein, passt aber irgendwie dazu, dass Beat Züsli kein Stadtpräsident ist, der dominant auftritt. Er sei sehr engagiert, man nehme ihn aber zu wenig als «Leader» dar, findet etwa André Bachmann, Vorstandsmitglied der City Vereinigung. Züsli selbst sieht sich auch nicht unbedingt als solcher, sondern im Stadtrat als «primus inter pares», der pragmatisch vorgeht: Bei Projekten werden Informationen gesammelt, Meinungen abgeholt, Diskussionen geführt – dann folgt die Entscheidung, was alles seine Zeit braucht. Fraglich ist, ob eine solche Grundeinstellung auch bei grossen strategischen Fragen wie dem neuen Theater tauglich ist. Viele würden sich hier jemanden wünschen, der voller Inbrunst für das Projekt einsteht, um Interessengruppen und am Ende auch die Bevölkerung zu überzeugen.

Er sieht sich als "Primus inter pares": Beat Züsli beim Suppe schöpfen vor dem Hotel Schweizerhof.

Er sieht sich als "Primus inter pares": Beat Züsli beim Suppe schöpfen vor dem Hotel Schweizerhof.

Pius Amrein (lz) / Luzerner Zeitung

Aus den Querelen ums Parkhaus Musegg gelernt

Beat Züslis Stärken liegen im persönlichen Umgang. Er ist zugänglich, nahbar, offen für Anliegen der Leute und kann mit Kritik umgehen. Die Stadt sei unter ihm bürgernaher geworden, sagt etwa Martin Scherrer, Präsident des Verbands der Luzerner Quartiervereine. Anliegen würden in die Verwaltung getragen und man erhalte eine Antwort. Diesbezüglich habe es einen Kulturwandel gegeben. Gewandelt hat sich auch die Informationspolitik der Stadt. Seitdem ein unveröffentlichtes Gutachten zum Parkhaus Musegg für Wirbel sorgte, informiert der Stadtrat offener. Weiter setzt Züsli auf die Einbindung von Interessengruppen und der Bevölkerung. So führt die Stadt vermehrt partizipative Prozesse durch. Ob solche Mitwirkungs-Anlässe auch bei umstrittenen Themen wie dem Cartourismus breit abgestützte Lösungen ermöglichen, muss sich aber erst noch weisen.

2018: Königlicher Besuch aus England: Beat Züsli mit Prince Michael of Kent, dem  Cousin von Queen Elizabeth II.

2018: Königlicher Besuch aus England: Beat Züsli mit Prince Michael of Kent, dem  Cousin von Queen Elizabeth II.

Jakob Ineichen / Luzerner Zeitung

Beat Züsli hat in seinen vier Jahren als Stadtpräsident also noch keine grossen Projekte vollendet. Seine Handschrift ist aber spür- und erkennbar. Positiv erwähnen kann man, dass böse Überraschungen oder gröbere interne Querelen ausgeblieben sind. Sein Führungsstil mag nicht allen gefallen. Einen zwingenden Grund, Züsli abzuwählen, gibt es aber nicht. Den gab es jedoch auch vor vier Jahren bei Stefan Roth nicht.

Beat Züsli ist zwar kein eingefleischter Fasnächtler. Doch hier lässt er sich 2019 stellvertretend für den Gesamtstadtrat von Silvio Panizza die Leviten lesen.

Beat Züsli ist zwar kein eingefleischter Fasnächtler. Doch hier lässt er sich 2019 stellvertretend für den Gesamtstadtrat von Silvio Panizza die Leviten lesen.

Philipp Schmidli / PHILIPP SCHMIDLI | Fotografie

Zur Person: Beat Züsli (56) ist seit 2016 Stadtpräsident. Zuvor führte der gebürtige Nidwaldner ein Architektur- und Energieberatungsbüro. Er ist verheiratet und hat einen Sohn aus erster Ehe.

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