WAHLEN: Die politische Marke «parteilos» – Chance oder Risiko?

Marcel Schwerzmann sollte als Parteiloser die bürgerliche Seite betonen, raten Politologen. Klar ist: Die Parteibindung der Wähler ist schwächer geworden.

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Sie treten für die beiden freien Sitze im Regierungsrat an: Martin Schwerzmann, Felicitas Zopfi und Paul Winiker. (Bild: Archiv Neue LZ)

Sie treten für die beiden freien Sitze im Regierungsrat an: Martin Schwerzmann, Felicitas Zopfi und Paul Winiker. (Bild: Archiv Neue LZ)

Drei Kandidaten kämpfen am 10. Mai um zwei Plätze in der Luzerner Regierung. Für Felicitas Zopfi (56) spricht, dass sie im Regierungsrat die SP, die Stadt Luzern und die Frauen vertreten könnte. Für Paul Winiker (59) spricht seine Exekutiv-Erfahrung aus dem Krienser Gemeinderat und dass er über die SVP hinaus als wählbar gilt. Kommt auch noch die Konkordanz hinzu, wonach die wählerstärksten Parteien im Regierungsrat vertreten sein sollen, sind Winiker und Zopfi im Vorteil. Und Marcel Schwerzmann (50)? Der amtierende Finanzdirektor profitiert nicht nur vom Bisherigen-Bonus, wie Politologen erklären.

Nachteil: Tiefe Wahlbeteiligung

Schwerzmann selbst sagt zur Konkordanzfrage (Ausgabe vom 4. April): «Solange Regierung und Parlament unseren Kanton vorwärtsbringen können, ist diese Frage sekundär. Zudem hat mich die Bevölkerung, welche zu rund 70 Pro­zent parteilos ist, zweimal mit guten Resultaten gewählt. In der Politik gibt es kein Monopol für die Parteien.»

Eigentlich hätte Schwerzmann als Parteiloser einen schweren Stand, sagt Politologe Iwan Rickenbacher: «Bei einer tiefen Wahlbeteiligung wie im ersten Wahlgang gehen verhältnismässig viele Parteimitglieder und -sympathisanten an die Urne.» Allerdings sei die Ausgangslage für Schwerzmann jetzt besser: «FDP und CVP haben ihre Kandidaten bereits ins Ziel gebracht. Die Wähler dieser Parteien können sich jetzt auf andere Kandidaten wie zum Beispiel Marcel Schwerzmann konzentrieren.»

Olivier Dolder, Politikwissenschaftler bei Interface Politikstudien in Luzern, weist auf einen ge­genteiligen möglichen Effekt hin: «Weil CVP und FDP ihre Schäfchen im Trockenen haben, könnte das Interesse der Wähler dieser beiden Parteien am zweiten Wahlgang geringer sein. Folglich dürfte es für Schwerzmann eine Herausforderung sein, genügend Wähler zu mobilisieren.» Dazu komme, dass die SVP-Wähler wohl nur Winiker auf die Liste setzen, um die Wahl­chance ihres Kandidaten zu verbessern.

Vorteil: Bürgerlich und erfahren

Laut Rickenbacher ist es von Vorteil, wenn sich Schwerzmann nicht hinter seiner FDP-Nähe versteckt: «Nicht nur in Luzern wird vermehrt bürgerlich gewählt. Wenn Schwerzmann seine bürgerliche Gesinnung betont, könnte er diesen Trend zu seinen Gunsten nutzen.» Rickenbacher rät hingegen zur Vorsicht beim Betonen der Parteiunabhängigkeit: «Das ist ein schwaches Argument. Gerade jetzt, wo Linke und Rechte die Konkordanz heraufbeschwören.» Auch gehe es darum, sich für ein Gremium zu bewerben, für welches die Zusammenarbeit mit Kollegen aus den verschiedenen Parteien sehr wichtig ist.

Ähnlich argumentiert Olivier Dolder: «Ich glaube nicht, dass eine klare Abgrenzung zu den Parteien etwas bringt. Schwerzmann dürfte vor allem für jene Wähler interessant sein, die eine rein bürgerliche Regierung wünschen. Abgesehen davon tut er gut daran, seine Positionen zu verkaufen und aufzuzeigen, worin er sich von Paul Winiker und Felicitas Zopfi unterscheidet.» Gegenüber dem SVP-Kandidaten könne Schwerzmann mit seiner Regierungserfahrung punkten, gegenüber der SP-Kandidatin komme auch die nach wie vor mehrheits­fähige Steuerstrategie zum Zug.

Und die Wähler?

Doch wer sind überhaupt die Parteilos-Wähler? Laut Iwan Rickenbacher gibt es kein spezielles Profil. Auch Olivier Dolder kann keine Definition dieser Wähler liefern. Klar ist für beide Politologen, dass die Parteibindung bei den Wählern in den letzten Jahren schwächer geworden ist. «In Zürich stellen die Parteilosen mittlerweile die Mehrheit in den Gemeindeexekutiven», erklärt Rickenbacher. Dieser Trend gilt aber nur bedingt für Kantonsregierungen. «Denn auf Gemeindeebene sind es eher Kopfwahlen. Ausserdem ist man in kleinen bis mittleren Gemeinden schon froh, wenn sich ein geeigneter Kandidat findet.» Insofern bilde Luzern bis jetzt eine Ausnahme. Dolder: «Schwerzmann profitierte vor acht Jahren von einer günstigen Konstellation mit der Abwahl des SVP-Regierungsrats Daniel Bühlmann. Dieses Mal hat er es schwerer.»

Alexander von Däniken