WAHLEN: «Entlebucher sind schlau genug»

Nach 36 Jahren ist das Entlebuch nicht mehr im Nationalrat vertreten. Das Bedauern ist gross, doch man vertraut auch in Zukunft auf die Entlebucher Solidarität.

Cyril Aregger
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Das Entlebuch ist das erste mal seit mehr als drei Jahrzehnten nicht mehr im Nationalrat vertreten. Hier im Bild die Gemeinde Hasle. (Symbolbild Neue LZ)

Das Entlebuch ist das erste mal seit mehr als drei Jahrzehnten nicht mehr im Nationalrat vertreten. Hier im Bild die Gemeinde Hasle. (Symbolbild Neue LZ)

Cyril Aregger

Das Entlebuch hat eine stolze Bilanz vorzuweisen: Elf Nationalräte und einen Bundesrat – Josef Zemp, der 1891 als erster Vertreter der Katholisch-Konservativen (heutige CVP) gewählt wurde – stellten die heute acht Gemeinden mit knapp 20 000 Einwohnern seit 1848. Mit dem Sonntag ist die Ära nun zu Ende gegangen. Dabei schlugen sich die Entlebucher Kandidaten Vroni Thalmann (SVP, Entlebuch), Christian Ineichen (CVP, Marbach) und Roland Mahler (FDP, Schüpfheim) durchaus achtbar. Thalmann und Ineichen konnten gar bis zuletzt auf einen Sitz in Bern hoffen (Ausgabe von gestern).

Wichtig für Verteilkampf

Vorerst letzter Entlebucher Vertreter in Bern ist somit der abtretende Ruedi Lustenberger (CVP, Romoos). «Wir Entlebucher müssen nun nach vorne schauen und aus der Situation das Beste machen. Ich denke zum Beispiel an die mittelfristige Personalplanung in den Parteien.» Gleichgültig sei es den Entlebuchern nicht, dass sie nun keinen Nationalrat mehr stellen, glaubt Lustenberger. «Man hat den Sitz zwar nie als selbstverständlich angesehen – aber er gehört irgendwie zum staatspolitischen Selbstverständnis der Entlebucher.» Die Vertretung sei wichtig: «Der Verteilkampf um die Bundesmittel wird immer grösser. Randregionen und Berggebiete wie das Entlebuch geniessen zwar viele Sympathien, sie haben aber eine sehr kleine Lobby.» Deshalb seien Parlamentarier aus diesen Regionen besonders wichtig. «Und klassische Vertreter davon gibt es nur ganz wenige in Bern.» Er werde deshalb weiterhin im Vorstand der Schweizerischen Arbeitsgemeinschaft für die Berggebiete (SAB) bleiben und über dieses Netzwerk Einfluss auf die Bundespolitik nehmen.

«An der eigenen Nase nehmen»

Enttäuschung darüber, dass das Entlebuch nicht mehr in Bern vertreten ist, verspürt Vroni Thalmann: «Zwar spielt die Entlebucher Solidarität, gepaart mit hoher Wahlbeteiligung, immer noch, aber eben nicht mehr so wie früher. Hätten es alle Gemeinden wie Flühli gemacht, hätte es gereicht. Da müssen wir uns auch an der eigenen Nase nehmen.» Dabei könnte der Nationalrat durchaus von den Entlebuchern profitieren, glaubt Thalmann: «Entlebucher stehen für Bodenhaftung, Verwurzelung, regionales Denken und Eigenverantwortung. Das alles wäre auch in Bern gefragt.»

Wie Thalmann hofft auch Christian Ineichen, Vizedirektor der Biosphäre Entlebuch, dass die Entlebucher Absenz ein Intermezzo sein wird. «Diese ‹Sedisvakanz› ist sehr bedauerlich für das Entlebuch. Beispielsweise verhandelt die Biosphäre gerade mit dem Bund über das Programm. Da wäre es gut, jemanden vor Ort in Bern zu haben.» Hoffnung macht ihm die Entlebucher Solidarität: «Die Unterstützung der drei Hauptkandidaten war wirklich toll und ein grosser Vertrauensbeweis.»

Letztmals keinen Entlebucher Vertreter gab es im Nationalrat vor genau 40 Jahren, als Hans Stadelmann (CVP, Escholzmatt) 1975 nicht mehr gewählt wurde. Vier Jahre später wurde dies aber wieder korrigiert: Von 1979 bis 1995 waren mit Manfred Aregger (FDP, Hasle) und dem mittlerweile verstorbenen Theodor Schnider (CVP, Flühli) gleich zwei Entlebucher im Nationalrat. «Von daher hoffe ich natürlich, dass es 2019 eine Parallele zu 1979 gibt», sagt Manfred Aregger (84). Die sonntägliche Wahl gebe aber durchaus Anlass für Entlebucher Hoffnungen: «Sie hat gezeigt, dass der Zusammenhalt über die Parteigrenzen hinweg noch immer vorhanden ist.»

Entlebucher Stimmkraft schwindet

Etwas weniger optimistisch ist der Werthensteiner alt Regierungsrat Anton Schwingruber (CVP, 65). «Man musste es befürchten, dass es einmal nicht mehr reichen würde. Die Stimmkraft des Entlebuchs im Kanton schwindet, alle anderen Regionen legen bei der Bevölkerungsentwicklung zu.» Auch die vielfältigere Parteienlandschaft trage ihren Teil dazu bei, so Schwingruber. Die guten Resultate könne man natürlich schönreden. «Aber Tatsache ist, dass wir uns jetzt erst einmal daran gewöhnen müssen, nicht mehr in Bern vertreten zu sein.» Ein Beinbruch müsse dies aber nicht sein. «Eine politische Vertretung in Bern bedeutet ja nicht, dass damit automatisch alle regionalen Probleme gelöst werden. Die Entlebucher sind schlau genug, um die anderen Nationalräte darauf hinzuweisen, dass sie besonders auch Verantwortung für die nicht vertretenen Regionen zu tragen haben.»