WAHLEN: Er lässt sich den Spiegel vorhalten

Guido Graf (56) legt als Gesundheits- und Sozialdirektor viel Wert darauf, verstanden zu werden. Das hat ihm auch schon Kritik eingebracht.

Cyril Aregger
Drucken
Teilen
Guido Graf lässt sich bei Fuchs Hairteam in Luzern die Haare machen. Er wird von Heidi Keller beraten. (Bild Corinne Glanzmann)

Guido Graf lässt sich bei Fuchs Hairteam in Luzern die Haare machen. Er wird von Heidi Keller beraten. (Bild Corinne Glanzmann)

Guido Graf. Klarer Sieger in der Ersatzwahl 2009 für den zurücktretenden Parteikollegen Markus Dürr, 2011 einziger Regierungsrat, der die Wahl im ersten Wahlgang schaffte. Das trauen viele dem Gesundheits- und Sozialdirektor auch am 29. März wieder zu. Seine Geschäfte bringt er im Kantonsrat für gewöhnlich durch. Auf die Frage nach seiner grössten Niederlage antwortet Graf: «Nicht erreicht habe ich, dass die Jugendolympiade nach Luzern kommt.» Kennt so jemand überhaupt noch das Gefühl des Verlierens? «Natürlich, und das nicht nur im Sport. Denn es ist ja nicht so, dass man zum Beispiel innerhalb der Regierung all seine Geschäfte durchbringt», sagt Graf.

Es droht Gegenwind

Gegenwind droht ihm nun durch die Initiative zur Pflegefinanzierung. Sie will, dass sich der Kanton Luzern neu zu 50 Prozent an der Restfinanzierung der Pflegekosten der Spitex und im Pflegeheim sowie an der Mitfinanzierung der Kosten der Akut- und Übergangspflege beteiligt und somit die Gemeinden entlastet werden. Guido Graf und sein Departement tun sich schwer damit, sie möchten die Frist für die Behandlung auf Ende Jahr verlängern, um einen Gegenvorschlag zu erarbeiten. Es wäre bereits die zweite Fristverlängerung – und sie kommt im Parlament nicht besonders gut an. Die Kommission Gesundheit, Arbeit und soziale Sicherheit lehnt die Fristverlängerung ab.

«Wir sind vorbereitet»

Graf gibt sich jedoch gelassen: «Ich habe Verständnis für das Initiativkomitee, das möglichst schnell abstimmen lassen möchte. Aber in diesem Bereich spielt einfach sehr viel hinein. Zum Beispiel die Finanz- und Aufgabenreform 2018, der Finanzausgleich oder das Sozialhilfegesetz. Deshalb wären wir froh um etwas mehr Zeit.» Und wenn er die nicht erhält? «Dann können wir im November abstimmen. Wir sind vorbereitet.»

Gute Organisation wird Guido Graf und seinen Mitarbeitern auch von Kantonsrätinnen und -räten attestiert, die man auf den 56-jährigen Pfaffnauer anspricht. Ein weiteres Attribut, das eigentlich in jedem Gespräch über Guido Graf fällt, ist «Offenheit». Er gehe gerne auf Leute zu, bestätigt Graf. «Sie müssen auch nicht meine Meinung teilen – aber ich habe so die Chance, mich zu erklären.» Dieses Verhalten hat ihm auch schon Kritik eingebracht.

«Müssen raus zu den Leuten»

Seine «Tour de Lucerne» im Sommer 2013, als er als Regierungspräsident zwei Wochen durch den Kanton tourte, wurde von einigen auch als Populismus abgetan. Ein Vorwurf, den Guido Graf weit von sich weist: «Ich bin überzeugt, dass wir als Regierung raus müssen zu den Leuten. Schliesslich sind wir für sie da und nicht umgekehrt. Einfach mal an einem Apéro teilzunehmen, reicht da nicht.» Sollte er noch einmal Regierungspräsident werden, hätte er schon wieder einen Plan: «Einen Tag der offenen Tür im Regierungsgebäude in Luzern, damit die Leute mal sehen, wo und wie wir arbeiten.»

Die Freude am Kontakt mit der Bevölkerung nimmt man ihm ab. Für Katharina Meile, Co-Präsidentin Grüne und Luzerner Kantonsrätin, kann sie aber auch zu Problemen führen: «Guido Graf ist sehr gesellig, sucht gerne den Kontakt mit Leuten. Das kann ihn aber auch dazu verführen, vielerorts unbestimmte Zusagen zu machen. Das macht ihn politisch schwer fassbar.» Völlig von der Hand weist Graf diese Aussage nicht. «Es stimmt, ich sage lieber einmal ‹ich kläre das ab› als etwas zum Vornherein abzulehnen. Es ist mir aber auch bewusst, dass ich es nicht allen recht machen kann – aber ich möchte es recht für alle machen.»

Empfindsam, ohne dicken Panzer

Das merke man seiner Politik an, ­sagen Kantonsräte. Guido Graf habe keinen dicken Panzer, heisst es beispielsweise. Und Herbert Widmer (FDP, Luzern) meint: «Guido Graf ist sehr engagiert, er will sein Amt gut ausführen.» Er sei aber «durchaus empfindsam. Er ist nicht begeistert, wenn er auf Kritik stösst.» Vroni Thalmann (SVP, Flühli), Mitglied der Kommission Gesundheit, Arbeit und soziale Sicherheit, meint jedoch: «Er kann unbequem und fordernd sein – auch in der Kommissionsarbeit, aber immer mit Anstand und Respekt.»

Und von Guido Graf selber stammt jedoch auch der Satz: «Ich mache Politik, um Probleme zu lösen, und nicht, um allen Freude zu machen.» Wie passen diese unterschiedlichen Wahrnehmungen zusammen? So ganz erklären kann sich Graf das auch nicht. Es sei sicher so, dass er Kritik je nach Situation nicht immer gleich gut vertragen könne. Und ja, dass behinderte Menschen wegen der Sparmassnahmen bei den sozialen Einrichtungen demonstriert hätten, sei auch nicht spurlos an ihm vorbeigegangen. «Diese Aktion zeigte mir aber auch klar, dass wir beim Mitteleinsatz die Menschen und nicht die Organisationen ins Zentrum stellen müssen.»

Abschalten am Teich

Man merkt, dass Graf sehr viel Wert darauf legt, verstanden zu werden. Er spricht ruhig, fast etwas bedächtig, macht auch gerne mal eine Pause, um sich eine Antwort gut zu überlegen. Er hat auch eine Gruppe von Leuten, die ihm regelmässig «den Spiegel vorhalten». «Sie sagen mir, wie das verstanden wird, was ich sage, wie ich nach aussen wirke.» Das helfe ihm. Genauso wie das zwischenzeitliche Abschalten. Sei es beim Coiffeur, den er sechs Mal jährlich besucht (seine Coiffeuse Heidi Keller denkt, es sei etwas mehr – es entwickelt sich eine kurze, launige Diskussion), bei einem Jass, als Zuschauer eines Fussballmatches (Graf: «Wenn meine Frau dabei ist, rufe ich etwas weniger aus. Sie hat das nicht so gern.») oder beim Fischen. Das Fischen hat er erst vor einigen Jahren für sich entdeckt. Er ist Mitbesitzer eines Weihers und Mitpächter für einen Bach. «Einen Fisch muss ich nicht immer fangen. Manchmal gehe ich einfach um den Teich. Das hilft mir, meine Gedanken und Ideen fertig zu überlegen.»

«Ich liebe mein Departement»

2011 verbrachte Guido Graf auch den Morgen des Wahlsonntags beim Fischen. «Das werde ich auch am 29. März wieder machen.» Und nach einer allfälligen Wahl? Wird er dem Gesundheits- und Sozialdepartement treu bleiben? Das sei ein Entscheid der Gesamtregierung. Aber: «Ich liebe mein Departement.»