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WAHLEN: «Ich bin doch nicht griesgrämig!»

Reto Wyss (49) führt als Bauingenieur die Luzerner Schulen. Inzwischen hat er so viel Freude an seinem Job gefunden, dass er nicht mehr weg will.
Flurina Valsecchi
Auf dem Stuhl im Coiffeurgeschäft von Bruno Graf in Rothenburg: Reto Wyss wird von Coiffeuse Tamara Vogel frisiert. (Bild Pius Amrein)

Auf dem Stuhl im Coiffeurgeschäft von Bruno Graf in Rothenburg: Reto Wyss wird von Coiffeuse Tamara Vogel frisiert. (Bild Pius Amrein)

Seinen Start vor vier Jahren als Luzerner Regierungsrat hat er sich insgeheim anders vorgestellt. Zu diesem Zeitpunkt amtet Reto Wyss in Rothenburg seit 13 Jahren als Gemeindepräsident und führt daneben mit viel Herzblut sein eigenes Planerbüro, die Wyss+Partner Bauingenieure AG. Jene Firma, in der er schon als Lehrling angefangen hat.

Der CVP-Mann schafft 2011 den Sprung in die Regierung, und obwohl er stets öffentlich beteuert, er sei ein Generalist, wünscht er sich – von seinem beruflichen Werdegang her durchaus verständlich – die Leitung des Bau-, Umwelt- und Wirtschaftsdepartements. Das Kollegium entscheidet anders, Wyss übernimmt das Bildungs- und Kultur­departement mit seinen 3070 Mitarbeitern, hinzu kommen die 5500 von den Gemeinden angestellten Volksschullehrer.

Eine rechte Überraschung, ja gar ein kleiner Schock sei das gewesen, sagen Weggefährten. Doch Reto Wyss macht etwas, was er in solchen Situationen immer tut: Er lässt keine Spur von Zweifel aufkommen, streicht das Positive heraus und macht sich an die Arbeit. Es gefällt ihm heute so gut, dass er dem Departement treu bleiben möchte.

Er kennt sich aus und arbeitet viel

Von links bis rechts ist man sich einig: Reto Wyss, heute 49-jährig, kniet sich in die Themen rein und arbeitet viel. Drei Stimmen aus dem Kantonsrat: Nino Froelicher (Grüne): «Wyss ist ein Regierungsrat, der abwägt, auf Argumente eingeht und seine Standpunkte begründet.» Guido Müller (SVP) sagt: «Er hat sich gut eingearbeitet. Es mangelt aber am Durchsetzungsvermögen gegenüber der Verwaltung.» Und Priska Lorenz (SP) kritisiert: «Aus dem Spardruck heraus wird die Bildung immer mehr an Private ausgelagert. Das ist keine gute Entwicklung.»

Erstaunt hat es in Rothenburg kaum jemand, als Wyss für den Regierungsrat kandidierte. Gerne stehe er im Rampenlicht, heisst es. Das überrascht eigentlich. Reto Wyss ist kein Mann, der in der Öffentlichkeit grosse Gefühle ausstrahlt, den Showman gibt er nicht. Er wirkt oft nüchtern, kühl, distanziert. Böse Zungen behaupten, er referiere arrogant vom hohen Ross herunter. Damit wird auf Wyss’ Hobby angespielt. Pferde sind eine Leidenschaft. Gut 10 Jahre hat er selber ein Pferd besessen und ist Dressur geritten. Ganz anders beschreiben ihn seine Befürworter. «Er macht stets einen souveränen Eindruck», sagt Irene Iten-Muff. Die ehemalige CVP-Kantonsrätin hat als Gemeindeschreiberin in Rothenburg mit Wyss zusammengearbeitet. «Er ist absolut dossiersicher und schafft es auch in schwierigen Situationen, konstruktive Lösungen zu finden.»

Wyss zuckt mit den Schultern. Vielleicht habe es mit seiner Grösse – 192 Zentimeter sind es – zu tun, dass man ihn auf den ersten Blick als eher ernst wahrnehme. Und fügt an: «Ich bin doch nicht griesgrämig!» Nein, in einer gemütlichen Runde habe er es gerne lustig.

Erfolgreich an der Urne und im Rat

Über seine Zeit im Regierungsrat zieht Wyss eine «sehr positive Bilanz». Alle vier Volksabstimmungen (Mundart im Kindergarten, Stipendiengesetz, Speicherbibliothek und Universitätsgesetz) konnte er gewinnen. Auch im Kantonsrat seien sämtliche Geschäfte positiv ausgefallen. Nur der Planungsbericht für das Übertrittsverfahren von Schülern an das Gymnasium, welcher das Parlament nota bene selber in Auftrag gegeben hatte, wurde im vergangenen November abgelehnt. Und trotzdem hat er bei der Wahl zum Regierungspräsidenten gerade mal 72 von 120 Stimmen erhalten. Was genau hinter dieser symbolischen Ohrfeige steckte, das können rückblickend auch viele Kantonsräte nicht so genau erklären.

Wyss macht, Sie erahnen es, was er immer tut: «Ich akzeptiere dieses Resultat und schaue vorwärts.» Mehr gebe es dazu nicht zu sagen. Viel lieber spricht er über seine tägliche Arbeit und die künftigen Herausforderungen in seinem Departement. Bei der Wirtschaftsfakultät an der Luzerner Uni zum Beispiel müssen bis im Sommer die Grundlagen bereit sein, sodass man im Jahr 2016 mit dem neuen Angebot starten kann. «Ich bin zuversichtlich, dass uns dies gelingt.»

Stolz auf die musikalische Vielfalt

Seit seinem Wechsel von Rothenburg zum Kanton habe er viel über die Bedürfnisse der Luzerner Bevölkerung gelernt, erzählt Wyss. Die Leistungen der Behinderteninstitutionen etwa würden ihn heute sehr beeindrucken. Und nur nebenbei angemerkt, auch sein musikalisches Spektrum habe sich verbreitert. Von der Klassik im KKL bis zur Blasmusik im Hinterland könne der Kanton alles bieten. Selber macht Wyss keine Musik. Er lacht und sagt: «Ich bin Konsument.»

Doch oft weht ihm keine schöne Musik, sondern ein rauer Wind entgegen. Wenn im Kanton Luzern überhaupt einmal demonstriert wird, dann wegen Sparmassnahmen bei der Bildung. Geht es um die Abschaffung des Fachs Religionskunde und Ethik am Obergymnasium, steht Wyss mitten im Schussfeuer. Es ist kein Einzelfall.

Wyss, wir kennen ihn nun etwas besser, macht das Beste daraus: «Ich kann glücklich sein, dass man sich für meine Arbeit so interessiert. Die Schule löst in der Bevölkerung immer grosse Betroffenheit aus. Das macht meine Arbeit anspruchsvoll, aber auch spannend.» Er weiss, allen kann er es nie recht machen.

Deswegen, aber auch weil die Arbeitsbelastung hoch ist, plane er bewusst «Zeitfenster an der frischen Luft» ein. Dann zieht es ihn in die Berge. Seine Familie gebe ihm den nötigen Halt. Selten, aber manchmal wird es auch Reto Wyss zu viel. «Dann nämlich, wenn nicht mehr sachlich diskutiert wird.» Können Sie auch mal richtig laut werden? Er schmunzelt. «Laut nicht, aber bestimmt.»

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