WAHLEN: Mit dem nötigen Biss nach Bern

Mit einem Dreirad-mobil tuckerte sie durch den Kanton. Vollgas will die neue Nationalrätin Andrea Gmür (51) nun in Bern geben. Dafür hat ihr Mann jetzt Wäschedienst.

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Die frisch gewählte Nationalrätin Andrea Gmür-Schönenberger gestern in ihrem Wohnzimmer. Sie lebt mit ihrer Familie mitten in der Stadt Luzern. (Bild Roger Grütter)

Die frisch gewählte Nationalrätin Andrea Gmür-Schönenberger gestern in ihrem Wohnzimmer. Sie lebt mit ihrer Familie mitten in der Stadt Luzern. (Bild Roger Grütter)

Es ist, als ob sie ihre Wahl insgeheim vorgezeichnet hätte. Auf dem Foto der CVP-Nationalratskandidaten fällt Andrea Gmür-Schönenberger aus dem Rahmen: Im beigen Hosenanzug sticht sie hervor, der Rest versinkt im nüchternen Dunkelblau. Ein kleiner, aber feiner Unterschied. Bescheiden, aber folgenreich waren auch die 138 Stimmen, die am Sonntag zwischen der Stadtluzernerin und der Rickenbacherin Priska Wismer lagen, zwischen Wahl und Nichtwahl entschieden. Gmür mag es noch immer kaum fassen: «Ich bin überwältigt.»

Tritt aus Kantonsrat zurück

200 Facebook-Likes, über 150 Mails, viele SMS, Blumen und gut vier Stunden Schlaf später: Gmür sitzt im grossen Wohnzimmer. Beige das Sofa, der Teppich, das Wandbild. Im Salontisch stapeln sich Bücher – ein Bildband über Berlin, Chroniken zum Kanton, obenauf ein Foto der Kinder: Valentin 22, Julian 19, Marina 17, Tobias 14. Politik am Familientisch? Das gehört bei Gmürs zum Alltag. «Ich erwarte nie, dass meine Position bei allen Zustimmung findet», sagt Gmür.

Mit ihrem Mandat in Bern wird sich die Familie «neu organisieren müssen».Was das heisst? Gmür lacht. Ihr Mann Philipp, Vorsitzender der Geschäftsleitung von Helvetia Schweiz, hat schon mal die Waschmaschine in Gang gesetzt. Sie selbst will ihr 20-Prozent-Pensum als Geschäftsführerin der Stiftung Josi J. Meier behalten und sich weiter in der beruflichen und der sozialen Integration engagieren. Auch das Präsidium der städtischen CVP wird die ehemalige Gymilehrerin weiterführen. Zurücktreten wird die Vizefraktionschefin aber aus dem Kantonsrat, dem sie seit 2007 angehört.

Wahlkampf war Familiensache

Mit «Biss und Füür» betrieb Gmür Wahlkampf, verschickte über 10 000 Flyer. Statt sich beim Joggen zu entspannen, tuckerte sie mit ihrem Dreiradmobil durch den Kanton («geradeaus maximal mit 55 Stundenkilometern»). 25 555 Stimmen hatte sie bei den Wahlen 2011 erreicht. Deren 30 583 waren es nun. Gmürs Familie hatte den Wahlkampf zur Chefsache erklärt. Hier weibelte die Tochter für CVP-Stimmen, dort leistete der Sohn Botengänge für Wahlcouverts. «Mein Einzug nach Bern gelang letztlich aber nur dank der breiten Unterstützung aus dem ganzen Kanton», sagt Gmür.

Gemäss Kantonalpräsident Pirmin Jung schickt die CVP Gmür als «Brückenbauerin zwischen Stadt und Land» nach Bern. Diese Aufgabe übernehme sie gerne, sagt Gmür. «Die CVP ist eine lösungsorientierte Mittepartei, die den Kompromiss sucht. Dass wir uns gegen den Ruf einer Wischiwaschi-Partei wehren müssen, ist der undankbare Part unserer Arbeit.» Nicht nur dafür brauche es den nötigen Biss, sondern auch für anstrengende Debatten und Niederlagen. Eine solche musste Gmür in Sachen Zentral- und Hochschulbibliothek einstecken. Diese wollte sie durch einen Neubau ersetzen. Die Grünen ergriffen für den Gebäudeerhalt die Initiative. Dem pflichtete das Volk in der Abstimmung bei. «Solche Entscheide gilt es zu akzeptieren», sagt Gmür. «Politik heisst sehr oft, maximalen Einsatz für minimalen Erfolg zu leisten.»

«Hang zur Verbissenheit»

Das «Füür» für die Politik erbte sie vom Vater: Jakob Schönenberger, zwölf Jahre Ständerat der St. Galler CVP. Gemeinsame Stunden waren oft knapp bemessen, Sprüche in der Schule zahlreich. «Als Kind erlebte ich oft die Nachteile dieses Engagements. Heute teile ich seine Leidenschaft für Politik und seine Gradlinigkeit», sagt Gmür. Als «aktive Politikerin», die «gestalte statt verwalte», sehen sie auch politische Weggefährten wie Nadia Furrer-Britschgi (SVP, Ballwil) und Jörg Meyer (SP, Adligenswil), die mit Gmür in der Staatspolitischen Kommission sitzen. Meyer sagt aber auch: «Ihre prononcierte Haltung kann einen Hang zur Verbissenheit annehmen.» Er hoffe, sie stelle in Bern auch ihre Fähigkeit unter Beweis, Koalitionen zu schmieden. Sie wisse, dass sie künftig nur noch eine von 246 sei «und in Bern niemand auf mich wartet», sagt Gmür. «Umso offener will ich meinen neuen Job antreten.» Mit Biss und «Füür», versteht sich.

Evelyne Fischer