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WAHLEN: «Rain war politisch verrückt»

50 Jahre lang war Josef Baumgartner als Wahlhelfer im Urnenbüro tätig, nun tritt er zurück. Sein Rückblick fördert Lustiges, Informatives und Erstaunliches zu Tage.
Stephan Santschi
Eine heisse Angelegenheit: Josef Baumgartner zeigt, wie früher die Wahlurnen versiegelt wurden. (Bild Manuela Jans)

Eine heisse Angelegenheit: Josef Baumgartner zeigt, wie früher die Wahlurnen versiegelt wurden. (Bild Manuela Jans)

Josef Baumgartner ist ein treuer Mensch. Er war 45 Jahre verheiratet, er arbeitete 42 Jahre als Maurerpolier in derselben Firma, er gehörte über 50 Jahre der Harmoniemusik an. Und: Josef Baumgartner stand der Gemeinde Rain 50 Jahre lang als Wahlhelfer zur Verfügung. «Ich habe viele schöne Sonn­tage im Urnenbüro verbracht, während meine Familie einen Ausflug machte. Ich bin oft gefragt worden, weshalb ich dieses unspektakuläre Amt so lange ausübte», erzählt der heute 81-jährige Pensionär. Ein Müssen sei es für ihn aber nie gewesen. «Früher war das Wählen per Post nur in absoluten Ausnahmefällen erlaubt. Ich traf daher bei der persönlichen Stimmabgabe auch auf die Neuzuzüger. So habe ich jeden gekannt.» Und mit einem Schmunzeln fügt er an: «Nach der Einführung des Frauenstimmrechts im Jahr 1972 konnten wir uns auch auf die schönen Beine der Frauen freuen.»

Mit Argusaugen

Ablenken liess er sich davon freilich nicht. Seine Tätigkeit hat Josef Baumgartner stets mit grösstmöglicher Sorgfalt ausgeführt. Er sorgte für Ruhe und Ordnung bei der Stimmabgabe. Er half jenen, die des Schreibens nicht mächtig waren, beim Ausfüllen der Stimmzettel. Er zählte die Stimmen und verbrannte sich zuweilen beim Versiegeln der hölzernen Wahlurne die Finger. «Die Genauigkeit, die von uns gefordert wurde, hat mich immer fasziniert», erklärt er. Insgesamt sei er über 300 Mal an Abstimmungen und 13 Mal an politischen Wahlen im Einsatz gestanden. «An Abstimmungen kümmerte sich einer um das Administrative, die anderen vier klopften einen Jass. Bei politischen Wahlen hatten wir aber keine Zeit zum Jassen. Da mussten wir mit Argusaugen nach dem Rechten sehen», so Baumgartner.

Schlägereien vor den Wahlen

Der Grund: Früher ist in Rain mit harten Bandagen um jeden einzelnen Wähler gekämpft worden, «Rain galt in politischer Hinsicht als verrückt. Wir waren eine Bauerngemeinde, man musste um jeden Batzen kämpfen.» Vor dem Frauenstimmrecht gab es in Rain 327 Stimmberechtigte, die Wahlbeteiligung lag bei 95 Prozent. Die Rivalität zwischen den Roten (Konservative, heute CVP) und den Schwarzen (Liberale, FDP) war legendär und trieb zuweilen merkwürdige Blüten. «Zwei Wochen vor den Wahlen gingen die einen nicht mehr in die Wirtschaft der anderen. Es kam gelegentlich gar zu Schlägereien.» Auch beim Musizieren gingen die beiden Lager auf Distanz. «Die Konservativen spielten in der Feldmusik, die Liberalen in der Harmoniemusik», berichtet Baumgartner, selber Ehrenfähnrich der Harmoniemusik.

Die Parteien und ihre Tricks

An manch eine Anekdote erinnert sich Baumgartner mit einem Schmunzeln. «Es wurden alle möglichen Tricks angewendet, um sich Stimmen zu sichern. Vertreter der einen Partei holten beispielsweise den Knecht eines anders gesinnten Bauern ab, versteckten ihn und gingen mit ihm dann zur Wahl. Es gab auch die Fünfliberjäger, die ihre Stimme zunächst der einen und kurz darauf der anderen Partei versprachen. Am Wahltag blieben sie dem Urnenbüro fern. Beide Geldgeber machten lange Gesichter, aber verhielten sich verständlicherweise ruhig.» Manchmal ging es beim Kampf um Wähler sogar um Minuten. So wie damals, als die Delegation einer Partei in ein Altersheim nach Luzern fuhr, um einen betagten Stimmberechtigten abzuholen. «Als sie in Rothenburg vor der Barriere standen, sahen sie auf der anderen Seite der Gleise Vertreter der anderen Partei in einem Auto sitzen. Mit dem Mann, den sie abholen wollten, auf dem Rücksitz», erzählt Baumgartner und lacht.

Heute, sagt Baumgartner, sei alles humaner, und man politisiere eher im Geheimen. «Mit über 50 Prozent Wahlbeteiligung wie bei der letzten Abstimmung ist Rain immer noch sehr aktiv. Ich kann es grundsätzlich aber nicht verstehen, weshalb in der Schweiz nicht mehr Menschen wählen gehen. Die direkte Demokratie erlaubt es uns, direkt Einfluss zu nehmen. Und das Volk, das habe ich in den letzten 50 Jahren festgestellt, liegt eigentlich nie falsch.»

Zeit für Kinder und Enkel

Für Josef Baumgartner ist nun die Zeit gekommen, im Urnenbüro abzudanken. Mit 81 Jahren mache sich bei ihm eine gewisse Müdigkeit bemerkbar. Langweilig wird es ihm an den Sonntagen deshalb aber nicht. «Leider ist meine Frau vor ein paar Jahren verstorben. Bei meinen drei Kindern und sechs Enkelkindern bin ich aber sehr gut aufgehoben.»

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