WAHLEN: Viele «Fischer», wenig Ertrag

Noch nie wollten so viele Luzerner in den Nationalrat. Längst nicht alle sind aber gleich stark motiviert, tatsächlich einen Sitz zu erobern, sagt der Politologe.

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Mark Balsiger, Politologe: «Die Zahl der Kandidaten hat sich seit 1971 mehr als verdoppelt.» (Bild: PD)

Mark Balsiger, Politologe: «Die Zahl der Kandidaten hat sich seit 1971 mehr als verdoppelt.» (Bild: PD)

Interview Ismail Osman

Zehn Sitze hat der Kanton Luzern im Nationalrat. Momentan sieht es so aus, als würden sich 159 Personen, inklusive neun Bisherige, zur Wahl stellen (Ausgabe von gestern). Ein absoluter Kandidatenrekord. Politologe Mark Balsiger sieht hinter den Zahlen einen klaren Trend – aber auch einen massiven Trugschluss.

Mark Balsiger, so viele Luzerner treten zu den Nationalratswahlen an wie noch nie. Wie interpretieren Sie das?

Mark Balsiger: Es entspricht einem klaren und langjährigen Trend auf nationaler Ebene.

Können Sie diesen beschreiben?

Balsiger: Schaut man sich die Nationalratswahlen von 1971 an, als Frauen erstmals wählen konnten, so waren damals schweizweit 150 verschiedene Listen und 1700 Kandidierende am Start. Inzwischen haben sich diese beiden Zahlen mehr als verdoppelt – was nicht nur an der grösseren Zahl der Parteien liegt.

Der Trend lautet also: immer mehr Kandidaten, immer mehr Listen. Woher rührt das?

Balsiger: Quer durch das ganz politische Spektrum hindurch sind die Parteistrategen überzeugt, dass mehr Listen mit mehr Kandidaten auch mehr Stimmen generieren.

Sie scheinen Ihre Zweifel an dieser Logik zu haben.

Balsiger: Ich hinterfrage diese Strategie tatsächlich schon seit längerem.

Können Sie diesen Zweifel erläutern?

Balsiger: Wenn mehr Fischer mit zusätzlichen Netzen auf den Vierwaldstättersee hinausfahren, heisst das noch lange nicht, dass sie mehr Fische fangen.

Wenn man sich die aktuellen Wähleranteile vor Augen führt, ist da wohl was dran. Woran scheiterts?

Balsiger: Es kommt eben nicht darauf an, wie viele Fischer auf einen See hinausfahren, sondern wie gut sie fischen können.

Sie zweifeln also an der Qualität der Kandidaten.

Balsiger: Man muss sich bewusst sein, dass rund ein Drittel der Kandidaten überredet wurde. Sie machen bei den Strassenaktionen der Parteien nicht mit, schalten keine Inserate, füttern ihre Facebook-Profile nicht – kurz: Sie sind passiv.

Es sind also reine Listenfüller.

Balsiger: Genau. Daneben gibt es aber noch einen Mittelbau. Die Teilnahme an einem nationalen Wahlkampf kann durchaus ein persönliches Sprungbrett sein. Beispielsweise für den Gemeinderat oder den Kantonsrat. Sie kann auch ein Türöffner für neue Geschäftsbeziehungen sein.

Was wäre die Alternative?

Balsiger: weniger Listen, dafür mit voll motivierten Kandidierenden, die mit Fischernetzen umgehen können. Und eine Ahnung haben, welche Köder die Fische am liebsten haben.

Die Realität sieht anders aus. Auch in Luzern arbeiten alle etablierten Parteien mit Zweit- und sogar Drittlisten.

Balsiger: Man muss bei diesen Unterstützerlisten aber klar unterscheiden.

Inwiefern?

Balsiger: Sinnvoll sind die Listen der jeweiligen Jungparteien. Diese sind mit viel Enthusiasmus im Wahlkampf, können eigene Kampagnen fahren und funktionieren wie eine Talentschmiede. Die Kandidierenden auf den Listen der Jungparteien haben allerdings keine Chance, den Sprung in den Nationalrat zu schaffen.

Welche Listen machen für Sie keinen Sinn?

Balsiger: Ich nenne sie die Unterstützerlisten ohne Wurzeln.

Was muss man sich darunter vorstellen?

Balsiger: Es sind Listen, die kurz vor den Wahlen noch aus dem Boden gestampft werden in der Hoffnung, irgendwie noch ein paar hundert zusätzliche Stimmen zu Gunsten der Hauptliste zu machen. Die Gruppierungen, die hinter solchen Listen stehen, haben kein Programm und verschwinden nach den Wahlen in der Regel wieder. Es sind Wahlvereine ohne Statuten.

Können Sie ein Beispiel machen?

Balsiger: 2011 war da beispielsweise die CVP-Liste «Landoffensive». Was ist mit dieser Offensive seither geschehen? Heuer kann man die Auslandslisten SVP International und CVP Auslandschweizer dieser Kategorie zuordnen.

Es treten aber auch Klein- und Kleinstparteien an. Auch sie haben keine Chance auf einen Sitz. Was ist deren Motivation?

Balsiger: Solchen Parteien geht es primär darum, die Flagge zu hissen. Zu zeigen, dass sie noch da und aktiv sind. Das Nicht-Antreten bei Nationalratswahlen würde als erster Schritt zur Auflösung der Partei wahrgenommen.

Hinweis

Mark Balsiger ist Politologe und Dozent. Er hat mehrere Bücher zum Thema Wahlkampf geschrieben.