WAHLEN: «Was kriegen wir Kinder, wenn wir Sie wählen?»

Kinder und Jugendliche fühlen den Kantonsräten auf den Zahn. Erste Hürde: ein politisch inkorrekter «Gummibären-Apéro».

Evelyne Fischer
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Nils Gresch (9) nutzte gestern Mittag die Gunst der Stunde und suchte mit Ylfete Fanaj (SP) sowie weiteren Kantonsräten das Gespräch. (Bild Nadia Schärli)

Nils Gresch (9) nutzte gestern Mittag die Gunst der Stunde und suchte mit Ylfete Fanaj (SP) sowie weiteren Kantonsräten das Gespräch. (Bild Nadia Schärli)

Evelyne Fischer

Es ist Dienstagmittag, drei von vier Sessionshalbtagen sind geschafft. Rund 35 Kantonsräte tummeln sich im Lichthof des Regierungsgebäudes. An Stehtischen, so hoch, dass die ebenfalls anwesenden Kinder nur auf Zehenspitzen die Gummibären zum Naschen erwischen – dies ausgerechnet an einem Anlass, an dem die Kleinsten im Mittelpunkt stehen sollen. Und mit ihnen die Frage: Wen würden Kinder und Jugendliche in den Kantons- und Regierungsrat wählen? Diese Antworten suchte die Parlamentarische Gruppe Kinder und Jugend des Kantonsrates zusammen mit Jugendorganisationen.

Das Politisieren zu Hause üben

Über 20 Schülerinnen und Schüler, sind gekommen, sie sind teilweise bereits im Jugend- und Kinderparlament aktiv. Einer von ihnen: Nils Gresch. «Ich bin hier, weil ich mitreden und mitbestimmen will», sagt der Neunjährige keck. Kinder sollen fröhlich sein. Und das gehe nur, wenn man gewisse Sachen für sie baue. «Sachen, die Spass, aber auch Sinn machen», sagt er. «Ein zweiter Europapark wäre pure Geldverschwendung.» Der Sohn des Staatsschreibers Lukas Gresch möchte dereinst im Kantonsratssaal Platz nehmen. Daher übe er das Regieren bereits vorsorglich zu Hause, sagt Nils. Gegen die «grosse Koalition» von Mama und Papa seien aber gute Argumente gefragt.

v.l, Matia Radollovic, Alessio Piccioniund und Marvin Piccioni, im Gespräch mit Michèle Bucher. (Bild: Nadia Schärli (Neue LZ))
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Nils Gresch. (Bild: Nadia Schärli (Neue LZ))
Nils Gresch im Gespräch mit den Politikern. (Bild: Nadia Schärli (Neue LZ))
Juli Bucher im Gespräch mit Kantonsrätin Michèle Bucher. (Bild: Nadia Schärli (Neue LZ))
Juli Bucher. (Bild: Nadia Schärli (Neue LZ))
v. l. Kantonsrat Ralph Hess im Gespräch mit Marvin Piccioni Alessio Piccioni und Matia Radollovic. (Bild: Nadia Schärli (Neue LZ))
v.l, Marvin Piccioni und Matia Radollovic. (Bild: Nadia Schärli (Neue LZ))
Michael Töngi im Gespräch mit Jugendlichen. (Bild: Nadia Schärli (Neue LZ))
v.l, Marvin Piccioni, Matia Radollovic und Alessio Piccioni. (Bild: Nadia Schärli (Neue LZ))
Nils Gresch nutzte die Gunst der Stunde und suchte mit Ylfete Fanaj (SP) sowie weiteren Kantonsräten das Gespräch. (Bild: Nadia Schärli (Neue LZ))

v.l, Matia Radollovic, Alessio Piccioniund und Marvin Piccioni, im Gespräch mit Michèle Bucher. (Bild: Nadia Schärli (Neue LZ))

Löcher in den Bauch gefragt

Mittlerweile füllt sich im Lichthof die Stellwand mit Polaroid-Bildern der Politiker und deren Slogans. Darunter vertreten: der grüne Regierungsratskandidat Michael Töngi. Ins rechte Licht gerückt von Zoe Hanselmann (11), ausgequetscht von Marienne Montero (12). «Wie stehen Sie zur Bildung?» – «Was kriegen wir, wenn wir Sie wählen?» Die Antworten kommen per Smartphone auf Band und später in den «Kiz-Blitz» – der Zeitung des Kinderparlaments. Marienne ist begeistert vom Anlass. «So nah kommen wir Politikern sonst nie.»

Genau dies sei das Ziel des Austauschs gewesen, sagt Ylfete Fanaj. Die SP-Kantonsrätin gehörte zu den Initianten, die die Parlamentarische Gruppe Kinder und Jugend vor einem Jahr ins Leben gerufen hatte. «Wir wollten der jungen Generation heute eine Plattform bieten – schön, wurde diese rege genutzt.» Einziger Wermutstropfen: Bürgerliche waren an der Veranstaltung Mangelware. Fanaj: «Es könnte den Anschein erwecken, als würden sie sich wenig für die Anliegen von Kindern und Jugendlichen interessieren.» Dem widerspricht Daniel Keller, einziger SVP-Vertreter. «Daran ist nur der Zeitpunkt schuld. An der letzten Session vor den Wahlen nutzten viele die Gelegenheit, noch einmal gemeinsam essen zu gehen.»

Krawatte extra weggelassen

Sportlich gekleidet und ohne Krawatte («Sie schafft bloss unnötige Distanz») beruhigt Keller die Kinder etwa punkto Verkehrssicherheit bei Spielplätzen. Nebenan spricht Kantonsratspräsident Franz Wüest (CVP) mit einer 13-Jährigen über die Energiewende. Wüest gab sich beeindruckt von der Neugier. Er hoffe, dieser Gwunder bleibe «eine wesentliche Triebfeder», um zu politisieren. So könnten aus jetzigen Kinderparlamentariern einst Politiker werden, die nicht nur Gummibären naschen, sondern auch mal in den sauren Apfel beissen.

Mehr Impressionen vom gestrigen Treffen zwischen Kindern und Politikern unter www.luzernerzeitung.ch/bilder