WAHLEN: Zwei kämpfen mit Videos um Wähler

Während Yvette Estermann einen eigenen TV-Kanal hat, ist von den anderen Ständeratskandidaten nur noch Damian Müller mit Videos präsent. Doch was nützen Videos? Zwei Experten analysieren.

Carmen Desax
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Bericht von Damian Müller an der Stubete in Sörenberg. (Bild: Screenshot Neue LZ)

Bericht von Damian Müller an der Stubete in Sörenberg. (Bild: Screenshot Neue LZ)

Carmen Desax

Die sieben Luzerner Ständeratskandidaten befinden sich im Endspurt ihres Wahlkampfes. Sie nutzen deshalb jede Möglichkeit, um Werbung für sich zu machen, auch in den sozialen Medien wie Twitter, Facebook oder Youtube. Dass viele Wähler erreicht werden können, hat nicht zuletzt der grosse Erfolg des Musik-Videos «Welcome to SVP» bewiesen. Dieses erreichte bereits über 1 Million Klicks.

«Gute Ergänzung»

Der 31-jährige Damian Müller (FDP) ist in den sozialen Medien der aktivste Ständeratskandidat. Er schaltet regelmässig Videos und referiert im Anzug über verschiedene Themen wie Mobilität, Sozialversicherungen sowie die Zusammenarbeit von Wirtschaft und Politik. Zusätzlich gibt es Videos-Statements, in denen lokale Persönlichkeiten wie die FDP-Kantonsrätin Hildegard Meier oder Felix Howald, Direktor der Industrie- und Handelskammer Zentralschweiz, erklären, wieso sie ihre Stimme Damian Müller geben. Sowohl diese Statements als auch die Stellungnahmen von Müller sind meist kurz und prägnant. Doch die Videos wurden bislang nur wenige hundert Mal angeklickt. «Für mich sind diese Kanäle eine gute Ergänzung zu den traditionellen Kommunikationsmitteln», sagt Müller. Ihm ist bewusst, dass die Wahlen nicht mit den sozialen Medien gewonnen werden können. «Matchentscheidend ist immer noch der direkte Kontakt.»

«Die Zeiten ändern sich»

Gleich einen eigenen TV-Kanal betreibt Yvette Estermann (SVP) auf ihrer Homepage. Die sozialen Medien sind für sie wichtig: «Die Zeiten ändern sich, und es ist von Vorteil, sich dieser anzupassen.» Wie Müller ist auch sie der Meinung, dass diese den Wahlkampf beeinflussen. In ihren Beiträgen geht es nicht explizit um eigene Stellungnahmen zu aktuellen Themen. Sie schneidet Beiträge über sich, die Sendungen des SRF oder bei Tele 1 ausstrahlten, zusammen. So lassen sich zum Beispiel ihre Voten im Nationalrat oder ihr Auftritt in der Sendung «Giacobbo/Müller» finden. Viele Beiträge sind schon seit Jahren auf Youtube und erreichen zum Teil mehrere tausend Klicks.

Vinzenz Wyss ist Professor für Journalistik an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) in Winterthur und analysiert die Beiträge. «Bei den Videos von Damian Müller handelt es sich eher um stark inszenierte Situationen. Bei einigen Videos entsteht der Eindruck, dass ein äusserst wohlgesinnter Moderator ohne weitere Quellenangabe den Ständeratskandidaten mit gut abgesprochenen Fragen konfrontiert.»

Estermann hingegen profitiere durch das Zurückgreifen auf professionelle Medien, zu denen auch das SRF oder Tele 1 gehören, von der Unabhängigkeit der journalistischen Leistung. «Zum anderen finden wir sie aber auch vor einer selbst montierten Kamera in authentischem Setting ohne bestellten Moderator – einfach, natürlich und spontan», so Wyss.

«Flurschäden werden unterschätzt»

«Die erhoffte Wirkung wird meist überschätzt, und mögliche Flurschäden werden unterschätzt», fasst Vinzenz Wyss zusammen und meint weiter: «Oft wirken Politiker in solchen Videos gar nicht authentisch, oder es kommt zu einer Peinlichkeit.» Dann könne der Schuss nach hinten losgehen und sich auf Social Media verselbstständigen. Ein verwackeltes Selfie sei manchmal eben besser als eine scheinbar perfekte Darstellung. Hinzu komme, dass professionell gemachte Videos nicht nur zeitlich, sondern auch finanziell mit viel Aufwand verbunden sein können. Wyss schätzt, dass dafür mit Kosten zwischen 5000 und 10 000 Franken gerechnet werden muss.

Politexperte Olivier Dolder von Interface Politikstudien in Luzern hat sich die Videos ebenfalls angeschaut und meint, dass diese zwar professionell gemacht sind, allerdings werden die meisten von ihnen kaum angesehen – zumindest nicht auf Youtube. «Der Nutzen dürfte bescheiden sein.»

Fünf Kandidaten ohne Videos

Die restlichen fünf Ständeratskandidaten produzieren keine eigenen Videos und sind auch sonst in den sozialen Medien kaum präsent: Ständerat Konrad Graber (CVP) etwa meint: «Ich habe einen Foto-Stream, bei dem ich mich in Beruf, Politik und der Freizeit zeigen kann.» Er ist der Auffassung, dass dieser genügend Einblick in seine Aktivitäten gebe. Wer ihn politisch live erleben wolle, könne sich sämtliche Voten im Ständerat im Videoformat zu Gemüte führen. Prisca Birrer-Heimo (SP) selber stellt keine Videos von sich ins Netz. «Sich im Internet zu zeigen, mag wohl einfach sein. Über die Qualität, die Professionalität und den Nutzen ist damit allerdings noch nichts gesagt.»

Lieber echte Kontakte

Roland Fischer (GLP) postet regelmässig auf Facebook und Twitter. Videos macht er aber keine. «Es ist aus meiner Sicht wichtig, dass man diese Instrumente gezielt einsetzt, das heisst, wenn man wirklich etwas mitzuteilen hat.» Auch Rudolf Schweizer (Parteilose Schweizer) hält nicht viel von selbst produzierten Videos, die im Netz verbreitet werden. Er glaubt nicht, dass diese das Zielpublikum erreichen. Louis Schelbert (Grüne) vertritt die strikteste Linie aller Kandidaten. Facebook und Co. sind für ihn tabu: «Die sozialen Medien gehören Firmen, die über meine Daten verfügen. Weshalb sollte ich das begünstigen?» Überdies koste die Bearbeitung in der Regel viel Zeit, und die nutze er lieber für echte soziale Kontakte.

Wichtig ist die Beständigkeit

Olivier Dolder widerspricht nicht: «Ständeratskandidaten verfügen in der Regel bereits über eine gewisse Bekanntheit», deshalb brauche es zusätzliche Videos nicht unbedingt. Er fügt aber an, dass sie ein Element der Wahlkampagne sein können. Gelungene Videos könnten durchaus ein sinnvolles, zusätzliches Kommunikationsmittel sein, meint auch Journalistik-Professor Vinzenz Wyss. «Weil in der Schweiz politische Werbung im Fernsehen verboten ist, wird versucht, den Onlinekanal dafür einzusetzen», betont er einen weiteren Aspekt. Unklug sei es hingegen, wenn man meine, kurz vor den Wahlen noch rasch ein billiges Filmchen drehen zu können, ohne schon über längere Zeit im Netz präsent gewesen zu sein.

Das ist wohl ein entscheidender Punkt: Wer soll mit den Videos angesprochen werden, und wer wird es tatsächlich? Dolder meint: «Letztlich geht es darum, jede Zielgruppe auf dem für sie geeignetsten Kanal anzusprechen.» Gerade bei den Jungen gebe es da noch Potenzial. «Allerdings werden viele Videos gar nicht für junge Wähler produziert.» Sie dienen eher dem Zweck, von den Medien aufgegriffen zu werden und so zur Wahlhilfe zu werden.

«Tagesschau»-Auftritt, aufgeschaltet auf Yvette Estermanns TV-Kanal. (Bild: Screenshots Neue LZ)

«Tagesschau»-Auftritt, aufgeschaltet auf Yvette Estermanns TV-Kanal. (Bild: Screenshots Neue LZ)