WALD: Wilde Biker sorgen bei Jägern für Unmut

Action versus Ruhe: Biker und Jäger geraten sich im Wald vermehrt in die Haare. Dabei kommt es auch zu brenzligen Situationen.

Rahel Schnüriger / Neue Lz
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Hier im Lindewald ob Neudorf bauten Biker direkt am Waldrand Schanzen und Brücken. Jäger Werner Hüsler freuts wenig. (Bild: Dominik Wunderli/Neue LZ)

Hier im Lindewald ob Neudorf bauten Biker direkt am Waldrand Schanzen und Brücken. Jäger Werner Hüsler freuts wenig. (Bild: Dominik Wunderli/Neue LZ)

Werner Hüsler kennt den Lindewald ob Neudorf wie seinen eigenen Garten. Schliesslich jagt er hier seit Jahren und engagiert sich auch für den Wald als Lebensraum. Beim Spaziergang durch das Revier fallen ihm allerdings immer wieder neu gebaute Brücken oder Schanzen auf, welche Bikern den Weg für eine Tour ebnen.

Und das vornehmlich am Waldrand, ein für das Wild besonders sensibles Gebiet. In den nächsten Wochen wird Hüsler hier die Rehe beobachten, wie sie am Waldrand ihr Jungtier absetzen. Wenn Biker hier durchflitzen, sieht das Hüsler, der bei Revierjagd Luzern für Ökologie und Lebensraum zuständig ist, mit Besorgnis: Die Tiere kommen nicht zur Ruhe, verlieren an Vitalität und sind dadurch anfälliger für Krankheiten. «Teilweise fahren sie sogar nachts mit Stirnlampen durch den Wald – so kann sich das Wild nicht einmal mehr dann erholen», sagt zudem sein Jagdkollege Peter Küenzi, Präsident der Sektion Pilatus von Revierjagd Luzern.

Auch an Thomas Abt, Abteilungsleiter Wald beim Kanton Luzern, werden immer wieder Konflikte herangetragen. «Die Regelungen wären klar», sagt dieser, «doch der Vollzug ist schwierig.» Grundsätzlich ist Abt der Meinung, dass sich die Leute im Wald erholen können sollen. Doch die Bevölkerung wächst, und die Leute haben mehr Freizeit als früher. Damit habe der Druck auf den Wald als Freizeitgebiet auf allen Seiten zugenommen: von den gängigen Nutzern wie Hundehaltern, Bikern, Wanderern oder Reitern bis zu unkonventionelleren wie Paintballspielern, Geocachern oder Partyveranstaltern.

Unzimperliche Methoden

Die beiden Jäger Hüsler und Küenzi wollen nicht «die Faust im Sack» machen, sondern mit den Bikern das Gespräch suchen. Insbesondere, weil sie Konflikte zwischen Erholungssuchenden, Jägern und den Waldeigentümern verhindern wollen. Denn es gab schon Fälle, wo beispielsweise Brücken entfernt wurden, auch von gespannten Seilen oder Nagelbrettern spricht man in der Bikerszene, allerdings nicht in den genannten Wäldern.

Zudem kann es brenzlig werden, wenn ein Jäger konzentriert auf das Wild wartet und dann plötzlich ein Biker aus dem Gebüsch auftaucht. Das sei schon mehrfach vorgekommen, sagen Hüsler und Küenzi, betonen aber, dass die Jäger solche Situationen jederzeit unter Kontrolle hätten.

Die Biker sind nicht fassbar

Das Hauptproblem für die Jäger ist, dass die Biker nicht organisiert sind und sie damit keine Ansprechpartner haben, um gemeinsam Lösungen auszuarbeiten. Ihres Erachtens müssten klare Spielregeln definiert werden. Dabei sind die Jagdgesellschaften auch bereit, Konzessionen einzugehen und manche Routen ab von befestigten Wegen für Biker zu akzeptieren, sofern sie dafür in sensiblen Gebieten auf die Durchfahrt verzichten.

Gemäss dem Luzerner Waldgesetz dürfen Biker heute nämlich nur auf geteerten oder geschotterten Wegen fahren. Natürliche Waldwege sind für Biker verboten, solange sie nicht in einem Konzept definiert sind. Eine andere Möglichkeit wären definierte Rückzugsgebiete für das Wild, wie es die Gemeinde Eich aktuell einführen will.

Junge Szene

Als Lobby des Mountainbikesports hat sich der überregionale Verein Trailnet mit Sitz in Bern etabliert. Dessen Präsident Samuel Hubschmid findet, das Bedürfnis zum Biken im Wald müsse akzeptiert, aber gelenkt werden. Die Bikerszene sei noch jung und müsse ihren Platz in der Gesellschaft erst finden. «Wir sind jetzt an einer Schwelle, wo es überall brennt. Doch wo helfen wir löschen?», fragt sich Hubschmid.

Denn auch Trailnet hat als freiwillige Organisation beschränkte Ressourcen. Dario Resenterra, Projektleiter beim Luzerner Verein Freerideconnection, ist sich des Problems bewusst. Sogenannte wilde Bikerouten würden vornehmlich von jüngeren Bikern erstellt, die sich nicht einem Verein anschliessen würden. «Das Problem ist aber nur da, weil es zu wenig offizielle interessante Bikerouten gibt», sagt Resenterra. «Diesbezüglich schläft die Innerschweiz noch.»

Sein rund 100 Mitglieder zählender Verein sei interessiert daran, den Bikesport zu fördern, und wolle eine Anlaufstelle für Behörden sein. Die «Wilden» kann er zwar nicht kontrollieren. Doch für eine Zusammenarbeit mit den Jägern ist er zu haben: «Wenn die Jagdgesellschaft uns beispielsweise informieren könnte, welche Gebiete wir wann meiden sollten, könnten wir das auf unseren Kanälen streuen.»