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Wandern ohne Panik - so begegnen Betroffene der Höhenangst in einem Kurs

Die Luzernerin Barbara Hunziker und der Krienser Martin Heini geben auf Wanderungen Kurse gegen Höhenangst. Dabei kratzen die Teilnehmer an ihren Grenzen.
Natalie Ehrenzweig
Teilnehmer der Kurse von Martin Heini und Barbara Hunziker begegnen ihren Ängsten auf zuweilen radikale Art und Weise. (Bild: PD)

Teilnehmer der Kurse von Martin Heini und Barbara Hunziker begegnen ihren Ängsten auf zuweilen radikale Art und Weise. (Bild: PD)

Das Herz rast, die Schweissdrüsen arbeiten auf Hochtouren, der Körper fühlt sich so schwer an, dass er sich nicht bewegen lässt und der Abgrund saugt ihn in die Tiefe. Höhenangst gehört zu den Angststörungen. Fast jeder Fünfte leidet laut der Schweizerischen Gesellschaft für Angst & Depression einmal im Leben unter sehr starken oder auch anhaltenden Ängsten.

So ging es auch Lisa Hartmeier. «Schon als kleines Kind hatte ich Höhenangst. Im Alltag ging ich diesen Situationen aus dem Weg, überquerte zum Beispiel die Brücken in Bern möglichst weit vom Geländer entfernt. Doch ich gehe gern wandern, gerade hochalpin. Zum Beispiel auf einem T4-Weg, also auf anspruchsvollen Touren, komme ich da eigentlich immer an solche Stellen, an denen ich grosse Angst habe», erzählt die Bernerin. Bis letzten Sommer hat sie deshalb Touren immer sehr genau geplant. «Und ich habe jeweils so schnell ich konnte, manchmal sogar mit geschlossenen Augen, solche Stellen hinter mich gebracht», erzählt sie lachend.

Das Problem offen 
und ehrlich angehen

Letzten Sommer entschliesst sich die 30-Jährige, ihre Höhenangst aktiv anzugehen und meldet sich für einen Kurs bei Martin Heini und Barbara Hunziker an. Der ausgebildete Krienser Wanderleiter und die Luzerner Therapeutin bieten seit 2015 gemeinsam diese Kurse an. «Wir haben uns damals auf einer Wanderung kennengelernt und darüber philosophiert, dass diese Tour durchaus Stellen vorwies, die es in sich hatten. So entstand schnell die Idee, zusammen Menschen zu helfen, diese Höhenangst zu überwinden», erzählt Martin Heini.

Höhenangst hänge von der individuellen Wahrnehmung ab. «Es gibt Menschen, für die sind drei Meter über Boden schon lebensbedrohlich und sie verfallen in Panik», weiss der Wanderleiter. Die Teilnehmer – es sind nie mehr als acht – treffen sich für die Kurse am Freitagabend am jeweiligen Ort ein. «Dann stellen wir uns vor, erzählen von unseren Ängsten. Es ist wichtig, dass wir offen und ehrlich reden können. Denn Ängste sind sehr emotional und setzen unser Nervensystem in Alarmbereitschaft, was zu intensiven Empfindungen führen kann», sagt Heini. Bevor dem Zubettgehen erklärt Barbara Hunziker ausserdem, was Angst ist, wie sie entsteht und was sie im Körper auslöst und stellt Techniken zur Angstbewältigung vor.

Der erste Kurs-Tag beginnt mit einer Einführung in das Sicherheitsmaterial für Wanderungen. «Ich zeige aber nicht nur das Material, sondern wir reden über Atemtechnik, Blicksteuerung, Schritttechnik – und natürlich machen wir viele Übungen dazu», erklärt Heini. Dabei entdeckt er auch typische Fehler: Einige wollen, wie Lisa Hartmeier, die entsprechende Stelle so schnell wie möglich hinter sich bringen. «Manchmal ist die Ausrüstung nicht ausreichend. Zum Beispiel löst sich bei einem Wanderschuh die Sohle – da bekäme ich auch Angst», sagt er. Ausserdem achte er darauf, dass der Rucksack richtig angepasst und genügend Wasser eingepackt sei. Auch der richtige Einsatz der Wanderstöcke will gelernt sein. Dann geht es los.

«Wir sind am ersten Tag etwa sechs Stunden unterwegs, manchmal in Gruppen. Unterwegs machen wir Übungen, ruhen uns aus. Wenn jemand bei einer Stelle Angst hat, nehmen wir uns Zeit und arbeiten mit der Angstskala. Ab 7 können sich manche nicht mehr bewegen, zittern oder bekommen Krämpfe. Dann müssen sie sich erst beruhigen, um wieder aufnahme- und handlungsfähig zu werden. Wir lenken ab, motivieren, ermuntern. Dabei ist die Wortwahl sehr wichtig», so Heini.

Nach dem Austausch von Erfahrungen und einigen weiteren Übungen am Samstagabend geht es am Sonntag weiter. Die Teilnehmer bekommen Gelegenheit, das am Vortag Geübte anzuwenden. Auch am zweiten Abend gibt es eine Feedback-Runde. «Manchmal weinen gestandene Männer vor Überwältigung, weil sie es geschafft haben», sagt Heini. Wichtig sei jedoch zu verstehen, dass die Höhenangst nach dem Wochenende nicht einfach verschwunden sei, sondern jetzt die gelernten Methoden geübt werden müssen.

Übungen auch im 
Alltag wiederholen

Viel üben will auch Lisa Hartmeier. «Es war sehr erleichternd, im Kurs auch andere zu sehen, denen es ähnlich geht. Ich habe an meinen Grenzen gekratzt, bin in Tränen aufgelöst angekommen. Und ich habe Strategien gelernt, die ich schon angewendet habe. Auch im Alltag übe ich bewusst. Ich vermeide Balkone nicht mehr, schaue bei den Brücken extra runter, stehe auf der Rolltreppe nicht mehr unbedingt in der Mitte», freut sie sich. Ihr Ziel, die Triftbrücke zu überqueren, wird sie diesen Sommer in Angriff nehmen. Dann möchte sie den Kursteilnehmern und -leitern ein Bild schicken, wie am ersten Kursabend vereinbart. Derweil werden Barbara Hunziker und Martin Heini vom 21. bis 23. Juni und vom 9. bis 11. August die Grenzen ihrer nächsten Gruppen ausloten.

Mehr Informationen unter 
www.wanderlar.ch und 
www.barbarahunziker.ch

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