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War der Lockdown ein Fluch oder Segen? Luzerner Podiumsteilnehmer sind sich uneins

Zukunftsperspektiven von Gesellschaft und Kirche vor dem Hintergrund der Krise: Dies war Thema einer Podiumsdiskussion in Luzern, an der unter anderem der vatikanische Botschafter in der Schweiz teilgenommen hat.

Robert Knobel
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Inhaltsverzeichnis

00:00 - Begrüssung

03:55 - Lesung von Giuseppe Gracia aus dem Buch «Der letzte Feind»

23:05 - Diskussionsrunde

1:22:35 - Fragerunde

1:38:38 - Schlussrunde: Öffnet die Krise neue Perspektiven?

Die Coronakrise hat unsere Gesellschaft innert weniger Wochen durchgeschüttelt. Das war schmerzhaft. Doch hat die Krise womöglich auch positive Aspekte? Eröffnen sich neue Perspektiven für unsere Gesellschaft? Dies war Thema eines Podiums im LZ Auditorium, moderiert von Jérôme Martinu, Chefredaktor der «Luzerner Zeitung».

«Bei der Digitalisierung sind wir innert Wochen um zwei oder drei Jahre nach vorne gerückt»: So lautet die erste Lockdown-Bilanz von Ivan Buck, Direktor der Wirtschaftsförderung Luzern. Leben und Arbeit seien insgesamt effizienter geworden. Giuseppe Gracia, Schriftsteller und Mediensprecher des Bistums Chur, sieht dies kritischer:

«Die menschliche Existenz ist mehr als Output und Leistung.»

Es sei gefährlich, wenn sämtliche Lebensbereiche zunehmend der Effizienz untergeordnet würden. Für die Aargauer CVP-Nationalrätin Marianne Binder-Keller hatte indessen gerade diese Effizienzsteigerung während des Lockdowns sozial positive Folgen: «Wenn man plötzlich keinen Arbeitsweg mehr hat, kann man mehr Zeit mit der Familie verbringen.» Sie selber habe den Lockdown auch als eine Zeit der Gemütlichkeit und der Entschleunigung empfunden, so Binder-Keller.

Auf dem Podium (von links): Wirtschaftsförderer Ivan Buck, CVP-Nationalrätin Marianne Binder-Keller, Schriftsteller Giuseppe Gracia und Thomas Gullickson, vatikanischer Botschafter in der Schweiz.

Auf dem Podium (von links): Wirtschaftsförderer Ivan Buck, CVP-Nationalrätin Marianne Binder-Keller, Schriftsteller Giuseppe Gracia und Thomas Gullickson, vatikanischer Botschafter in der Schweiz.

Bild: hor

Wie hat man den Lockdown als katholischer Geistlicher erlebt? Dazu Thomas Gullickson, vatikanischer Botschafter in der Schweiz, etwas lakonisch: «Ich musste immer die Medienmitteilungen der Regierungen von Österreich und Liechtenstein lesen, um zu verstehen, was in der Schweiz vorgeht.» Der Schweizer Bundesrat, so Gullick­sons Fazit, müsse bei der Kommunikation offenbar «behutsamer» vorgehen als etwa ein österreichischer Kanzler. Auch bei der Frage, inwiefern Geistliche von der zunehmend beschleunigten Gesellschaft betroffen sind, verwies Gullickson auf Schweizer Besonderheiten. «Das ist von Land zu Land verschieden. Mancherorts haben die Priester viel Freizeit. In der Schweiz darf man sich aber kaum nach der Messe mit den Leuten zu Kaffee und Kuchen treffen, weil man gleich wieder ins Büro muss. Das ist alles vertraglich so geregelt.»

Apropos Religion: Welche Rolle spielt sie heute noch in der Gesellschaft? Die Podiumsteilnehmer waren sich einig: Religion und Kirche sind nicht deckungsgleich. Selbst Papst-Botschafter Gullickson meinte selbstkritisch:

«Der liebe Herr Jesus würde sich wohl nicht erkennen in dieser Kirche mit all ihren Verträgen und Institutionen.»

Giuseppe Gracia wies auf ein grundlegendes Missverständnis hin: «Die Kirche wird ständig für ihr moralisches Verhalten kritisiert – weil sie selber immer so moralisch tut.» Würde sie sich wieder mehr auf ihre Kernaussagen konzentrieren, stünde sie auch weniger im Fokus der Kritik, so Gracia. Um was für Kernaussagen es sich dabei handelt, ist für Marianne Binder-Keller klar:

«Es geht um die Urwerte des Christentums – Freiheit und Gleichberechtigung. Diese Urwerte haben letztlich auch die westlichen Demokratien geprägt.»