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Interview

War der Luzerner Wasserturm eine Stadtburg?

Der Kunsthistoriker Heinz Horat hat eine neue Hypothese zu Bauzeit und Funktion des Luzerner Wahrzeichens veröffentlicht. Im Gespräch erklärt er die Umstände jener Zeit und begründet seine bahnbrechende Theorie.
Stefan Welzel
Der Forscher und sein Forschungsobjekt: Heinz Horat vor dem Luzerner Wasserturm. (Bild: Boris Bürgisser (Luzern, 16. Mai 2019))

Der Forscher und sein Forschungsobjekt: Heinz Horat vor dem Luzerner Wasserturm. (Bild: Boris Bürgisser (Luzern, 16. Mai 2019))

Der Luzerner Wasserturm soll kein Teil der mittelalterlichen Befestigungsanlage gewesen sein, sondern die repräsentative Stadtburg des Murbacher Abts Berthold von Steinbrunn, erbaut in den 1260er-Jahren. Mit dieser Hypothese bringt der ehemalige Direktor des Historischen Museums Luzern, Heinz Horat, einen neuen Ansatz in die Wasserturm-Forschung. Seine Erkenntnisse widersprechen den bisherigen Deutungen zum markantesten Wahrzeichen der Stadt.

Die gängige Meinung über den Luzerner Wasserturm besagt, dass er Teil der historischen Stadtbefestigung war. Auch in Lexika wie Wikipedia steht es so geschrieben. Gemäss Ihrer Hypothese muss man die Geschichte nun aber umschreiben.

Heinz Horat: Was in den Lexika steht, widerspiegelt das, was verschiedene Forscher im Laufe der Zeit herausgefunden haben. Insofern ist der Wikipedia-Eintrag korrekt, wenn man auf bislang bekannte Quellen zurückgreift. Ich habe diese Quellen alle auch gelesen und mir meine Gedanken dazu gemacht. Ich kam zum Schluss, dass die Zeit reif für eine neue wissenschaftliche Hypothese ist.

Worin lag Ihre Motivation, ein solches Unterfangen anzugehen?

Ich habe bisher sehr viel über die Luzerner Holzbrücken und die Brückenbilder geforscht. Dabei kommt man bei der Quellen-Sichtung selbstredend kaum um den Wasserturm herum. Dieses Bauwerk hat mich schon immer fasziniert. Ich stellte mir stets die Frage: Was soll dieser seltsame Turm mitten in der Reuss? Als ehemaliger Denkmalpfleger weiss ich: Wichtige historische Bauten brauchen zufriedenstellende Erklärungen zu ihrer Entstehung und ihrem Zweck. Und eine gute Erklärung hat der Wasserturm auf jeden Fall verdient. Bisher war das schlicht nicht der Fall.

Sie grenzen die Bauzeit des Turms relativ klar ein. Und zwar auf die 1260er-Jahre. Warum?

Es gab schon vor mir Forscher, die dieses Jahrzehnt als Bauepoche nannten. Sie taten das aber lediglich aufgrund stilistischer und bautechnischer Merkmale. Ich habe mich auch auf die politischen, religiösen und militärischen Grundbedingungen in Luzern im 13. Jahrhundert konzentriert. Die zentrale Frage hierbei war: Wann gab es überhaupt Gründe, diesen speziellen Turm zu bauen? Im 13. Jahrhundert, bis 1291, bestimmte der Abt von Murbach das Luzerner Stadtrecht. Dieses beinhaltete unter anderem das Befestigungsrecht und das Recht, am Wasser zu bauen. Mit anderen Worten: Der Turm konnte eigentlich nur vom Abt von Murbach in Auftrag gegeben worden sein, denn ab 1291 waren die Habsburger die Stadtherren.

Und diese kommen für Sie als Bauherren nicht in Frage?

Die Habsburger hatten kaum ein Interesse daran, ein solches Vorhaben umzusetzen. Nicht zuletzt, weil sie stets knapp bei Kasse waren. Und 1332 ging Luzern ein Bündnis mit der Urschweiz ein. Gemäss einer alten These wurde der Wasserturm 1339 erbaut – als Zeichen der Bereitschaft Luzerns, mit der Urschweiz zusammenzuspannen. Das ergibt aber kaum Sinn. Einen solchen Turm baut man nicht aus reiner Symbolhaftigkeit.

Also scheint die 2. Hälfte des 13. Jahrhunderts als Bauphase für Sie viel wahrscheinlicher.

Ja. In jener Zeit gibt es ganz konkrete Anlässe, die den Bau des Turms als sinnvoll erscheinen lassen.

Welche waren das?

1253 solidarisierte sich der Vertreter des Murbacher Abts, der Vogt von Rothenburg, mit den Stadtbürgern. Eigentlich hätten die Rothenburger die Rechte des fernen Murbacher Abtes vertreten müssen. Doch sie taten sich mit den aufmüpfigen Luzerner Bürgern zusammen, um gegen den Abt Politik zu betreiben. Unter anderem unterstützten die Luzerner die im Untergrund aktiven Franziskaner, die in Opposition zu den Benediktinern im Kloster im Hof standen. Selbstbewusste Stadtbürger begannen ganz allgemein, auf mehr Souveränität hinzuarbeiten. Zum Beispiel forderten sie, am Flussufer bauen zu dürfen. Das waren typische Konflikte jener Zeit. Der Höhepunkt der Auseinandersetzung folgte dann 1255, als die Bürger das alte Stadtschloss der Murbacher beim Tannenberg, wohl ungefähr in der Gegend des heutigen Pulverturms, angriffen und zerstörten. Sie brachen die Burg des Stadtherrn, was ein ungeheurer Akt der Aggression darstellte.

Was war letztlich der konkrete Auslöser für den Bau des Wasserturms?

1260 wurde Berthold von Steinbrunn neuer Abt von Murbach. Er war ein ehrgeiziger Mann, der die Dinge anders anging als sein Vorgänger. Er wollte den Konflikt mit den Luzernern lösen und verlangte eine verhältnismässig geringe Summe als Entschädigung für die 1255 zerstörte Stadtburg. Das ist sehr merkwürdig, denn einige Jahre zuvor wurde dem Vogt von Rothenburg für dessen Beteiligung an der Revolte eine sehr hohe Geldbusse auferlegt. Mit den Stadtbürgern ging Berthold von Steinbrunn nun sehr kulant um.

Und wie kommt man von diesen Umständen nun auf die Idee, der Wasserturm könnte infolge dieser Entwicklung erbaut worden sein?

Meine These lautet, dass der Abt als Kompensation für die zerstörte Tannenberg-Burg die Errichtung einer neuen Stadtburg verlangte. Und das mit Baustart im Jahr 1262, weil eine Einigung im Streit mit den Luzernern gemäss Urkunde 1262 erfolgt ist und mit dem Bau rasch begonnen werden konnte. Der Wasserturm ist also kein Teil einer Befestigungsanlage, sondern genau jener Ersatzbau für die 1255 zerstörte Stadtburg. Er ist sozusagen das Schloss des Stadtherrn mitten in Luzern, konzipiert als Wohnturm, was auch die eleganten Fenster im obersten Stock erklären würde. Denn solche Fenster findet man sonst nur an Wohnbauten. Das Interessante daran: Wohntürme aus jener Epoche sind ganz selten. Vermutlich ist auch deshalb kaum ein Forscher auf die Idee gekommen, der Wasserturm könnte ein solcher sein. Es gibt kaum bekannte Vergleichsobjekte.

Solche haben Sie im Elsass gefunden.

Genau. In Guebwiller und Eguisheim. Jedoch stehen beide Bauwerke nur noch in mehr oder weniger umfangreichen Mauerresten. Aber die Beziehung ist offenkundig. Achteckige Wohntürme mitten in Städten gab es im Elsass, also dort, wo auch das Kloster Murbach steht. Das waren die nächsten architektonischen Verwandten des Wasserturms. Der Unterschied: In Eguisheim und in Guebwiller waren die Stadtburgen umgeben von Wassergräben. In Luzern hatte die Reuss diese Funktion.

Allerdings war der Wasserstand teilweise sehr tief, sodass der Turm wohl zeitweise auch auf dem Landweg erreichbar war.

Ja. Anhand archäologischer Befunde rund um den Vierwaldstättersee lässt sich der Wasserstand im 13. Jahrhundert ziemlich genau eruieren. Das passt gut zur These. Denn der Turm konnte bei Tiefwasserstand auf dem Trockenen gebaut werden.

Kamen die Baumeister tatsächlich aus dem Elsass?

Das ist Teil meiner Hypothese. Wenn die Äbte von Murbach schon ab 1220 die Stadtmauer in Auftrag gaben und es im Elsass die entsprechenden Fachleute gab – in Luzern waren diese nicht zu finden –, so kann man davon ausgehen, dass sie auch für den Bau des Wasserturms hinzugezogen wurden. Ein Indiz dafür sind die vereinzelten Steinmetz-Zeichen, die man an den Mauern des Wasserturms findet. Einige sind dieselben, die man auch in Eguisheim und Guebwiller sehen kann.

Wie wurde Ihre Theorie in Fachkreisen aufgenommen?

Bisher durchwegs positiv. Zumindest hat sich niemand gemeldet, der widerspricht. Vielleicht kommt das aber noch. Nach meinem Vortrag, den ich vor der Historischen Gesellschaft Luzern hielt, wurde viel diskutiert. Es waren Leute vor Ort, die sich sehr gut mit der Stadtluzerner Geschichte auskennen. Die meisten hielten meine Annahme für stringent. Aber eine Hypothese ist eine Hypothese, keine wissenschaftliche Tatsache! Sie dient dazu, weitere Forschungen anzuregen.

Warum wurde bisher so wenig zum Wasserturm geforscht?

Es wurde so viel geforscht, wie es die wenigen Quellen hergegeben haben. Auf archäologischem Felde hat man das äussere Mauerwerk untersucht und kam zum Schluss, dass der Turm in einem einzigen Bauschritt erstellt worden ist. Von innen her lässt sich schlecht forschen, weil der Turm im Laufe der Jahrhunderte vorgemauert wurde. Zudem versuchte man, Mitte der 1990er-Jahre bis zu den Fundamenten vorzudringen, weil der Turm auf Holzpfählen oder einem Holzrost erbaut wurde. Anhand dieser Hölzer könnte man versuchen, die Bauzeit dendrochronologisch zu eruieren. Eindringendes Wasser verhinderte aber das Weitergraben. Der Aufwand, erneut eine Untersuchung anzugehen, wäre enorm. Man hat also wissenschaftlich durchaus gemacht, was man konnte. Kam aber zu keinen schlüssigen Ergebnissen. Mit Ausnahme des Helms, also des spitzen Dachs. Dessen Bau konnte man auf das Jahr 1339 datieren. Mittlerweile sagen aber Archäologen, diese Datierung sei nicht über alle Zweifel erhaben.

Könnte man nicht einfach noch einmal nachmessen? Wenn man annimmt, dass der Turm einem Bauschritt errichtet worden war, dann müsste ja auch der Helm zur gleichen Zeit aufgesetzt worden sein.

Der Helm könnte tatsächlich nochmals dendrochronologisch untersucht werden. Allerdings kann der Turmschaft ursprünglich sehr wohl einen anderen Turmhelm gehabt haben, der 1339 aus verschiedenen Gründen ersetzt worden wäre. Vielleicht war der erste Helm eine Fehlkonstruktion, denn es ist überhaupt nicht einfach, dieses grosse Oktogon mit einem Dachstuhl zu decken, wie der aktuelle, äusserst aufwendig und raffiniert konstruierte Helm zeigt.


Zur Person

Heinz Horat (71) ist promovierter Kunsthistoriker, war von 1987 bis 2001 Zuger Denkmalpfleger und leitete danach bis zu seiner Pensionierung 2013 das Historische Museum Luzern. Horat ist Verfasser mehrerer kunsthistorischer Bücher. Er lebt in Weggis, ist verheiratet und Vater zweier Kinder.


Hinweis

Heinz Horats rund 20-seitige Hypothese kann man im Jahrbuch der Historischen Gesellschaft Luzern nachlesen. www.historische-gesellschaft.ch

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