Warum Sie diese Bauten der Nachkriegsmoderne in der Region Luzern kennen sollten

Ein Schlössli gefällt allen – doch bei Bauten der Nachkriegsmoderne erschliesst sich den meisten Leuten der Wert der Architektur nicht auf Anhieb. Das soll sich durch die Tage des europäischen Denkmals am kommenden Wochenende ändern.

Roman Hodel
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Die Gebäude der Firma Schindler in Ebikon samt dem markanten Testturm. (Bild Pius Amrein, 31. August 2009)

Die Gebäude der Firma Schindler in Ebikon samt dem markanten Testturm. (Bild Pius Amrein, 31. August 2009)

Einem Fels gleich ragt die Pfarrkirche St. Johannes im Luzerner Würzenbach-Quartier in den Himmel. Sichtbeton pur, unterbrochen nur durch ein paar kleine Fenster. In der Fachwelt bewundert – von der Mehrheit der Bevölkerung jedoch als Bunker verspottet. So wie dieser Kirche geht es den meisten Bauten der Nachkriegsmoderne, insbesondere jenen der 1960er und 70er Jahre. «Es braucht mehr Aufklärung in der Bevölkerung», sagt Mathias Steinmann. Er ist Leiter Bauinventar bei der kantonalen Denkmalpflege und verantwortet die Anlässe zu den Tagen des Europäischen Denkmals.

Als Beispiel nennt Steinmann das Luzerner Felsberg-Schulhaus, erbaut 1946 bis 1948, vor wenigen Jahren noch ein Abrisskandidat. «Zeigen wir den Leuten vor Ort, wie die Gebäude in den Hang gebaut und in die Natur eingebettet sind, verstehen sie plötzlich, warum diese vorbildliche Schulanlage schützenswert ist», so Steinmann. Bei historischen Gebäuden hingegen bedürfe es keiner grossen Erklärung. «Schon als Kinder lernen wir, dass Schlösser etwas Besonderes darstellen.» Allerdings sei das fehlende Verständnis kein neues Phänomen. «Es brauchte schon immer eine zeitliche Distanz, bis die architektonische Qualität eines Gebäudes erkannt wurde.» So sei beispielsweise der Heimatstil auch lange verpönt gewesen – oder die in manchen Augen zu gross geratenen Hotelpaläste am Luzerner Seeufer. Inzwischen ist bereits Architektur der 1930er Jahre wie das Luzerner Dula-Schulhaus vom Gros der Bevölkerung breit akzeptiert.

Pfarrkirche St. Johannes. Standort: Luzern, Schädrütistrasse Baujahr: 1968 bis 1970 Bauherr: Katholische Kirchgemeinde Sanierung: 1988 und 2001 Architekt: Walter M. Förderer, Basel (1928 bis 2006) Bewertung: schützenswert. Der skulptural wirkende Kirchenbau wurde vom national bedeutenden Architekten Walter M. Förderer geplant. Das Ensemble mit seinen radikalen Formen ist das herausragendste Beispiel der Béton-Brut-Architektur in der Region Luzern und sowohl kirchen- als auch architekturgeschichtlich von grosser Bedeutung. Der Sichtbetonbau erhebt sich über einer kristallinen Grundrissform und wird von einem verschachtelten Turm geprägt. Zahlreiche Vor- und Rücksprünge, Einschnitte und Auskragungen beleben die Betonfassaden. Fenster gibt’s nur wenige, sie verlaufen dafür teilweise übers Eck. (Bild: PD/Denkmalpflege)
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Schindler Hauptsitz. Standort: Ebikon, Zugerstrasse Baujahr: 1953 bis 1957 Bauherr: Schindler & Cie. AG Sanierung: 1996 bis 2000 Architekt: Roland Rohn, Zürich (1905 bis 1971) Bewertung Denkmalpflege: schützenswert. Parallel zur Hauptverkehrsachse errichtetes Büro- und Verwaltungsgebäude, das durch vier weit vorkragende Treppentürme und den markanten Liftturm rhythmisch gegliedert wird. Die Fensterbänder und die Brüstungsverkleidung mit roten Natursteinen der drei Obergeschosse verleihen dem langgezogenen Baukörper eine ausgeprägt horizontale Schichtung. Diese wird einzig durch die zur Strassenseite hin vollständig verglasten Treppentürme unterbrochen. Das Erdgeschoss wird durch Säulen regelmässig gegliedert. Ein ausgezeichnetes Beispiel der Nachkriegsmoderne in der Schweiz mit typischen Elementen der Architektur der 1950er Jahre und das bedeutendste Industriedenkmal aus jener Zeit im Kanton Luzern. Zudem handelt es sich um eine exemplarische, gelungene Gesamtsanierung eines Bauwerks der jüngeren Architektur- und Industriegeschichte. Für Diskussionen sorgte jüngst der Rückbau des zum Ensemble gehörenden Wohlfahrtsgebäudes zu Gunsten eines neuen Bürohauses. Die Denkmalpflege erachtete es als nicht schutzwürdig. Das Kantonsgericht wies eine Beschwerde des Heimatschutzes ab. (Bild: PD/Denkmalpflege)
Schulhaus Grenzhof. Standort: Luzern-Littau, Luzernerstrasse Baujahr: 1964 bis 1967 Bauherr: Einwohnergemeinde Luzern Sanierung: 1992/95/2001 Architekten: Hans U. Gübelin (1925 bis 2017) und Friedrich E. Hodel Bewertung: geschützt. Die nach einem einheitlich rechtwinkligen Raster aufgebaute Anlage Grenzhof besteht aus zwei Schulgebäuden, einem Kindergarten und einer Turnhalle. Diese stehen am Hang in einer gestalteten, mit Wegen durchzogenen Umgebung, die den Verlauf der Topografie einbezieht. Aufgrund der Aussenraumgestaltung und den Grundrissen gilt der Grenzhof als bedeutender Vertreter der gebauten Pädagogik der Nachkriegszeit. Durch die Stahlskelettkonstruktion und die bronzenen Metallfassaden nimmt die Anlage innerhalb der Schulhausarchitektur im Kanton Luzern eine einzigartige Stellung ein. Die kantonale Denkmalpflege hat den Grenzhof kürzlich unter Denkmalschutz gestellt – gegen den Willen der Eigentümerin. Die Stadt hat gegen den Entscheid Beschwerde eingereicht. Sie will die Anlage abreissen und stattdessen das benachbarte Rönnimoos-Schulhaus ausbauen. Hauptgrund: Die Sanierungskosten seien zu hoch – so sind die Räume mit dem Schadstoff Naphthalin belastet. Das wiederum sorgt in der Fachwelt für Kopfschütteln: Architekten drohten gar mit einem Boykott des Rönnimoos-Wettbewerbs. (Bild: PD/Denkmalpflege)
Alters- und Pflegeheim Grossfeld. Standort: Kriens, Grossfeldstrasse Baujahr: 1966 bis 1968 Bauherr: Einwohnergemeinde Kriens Sanierung: 1988 Architekt: Walter Rüssli, Luzern (geboren 1932) Bewertung: schützenswert. Beim Alters- und Pflegeheim Grossfeld handelt es sich um eine Sichtstahlbetonkonstruktion in einer für die 1960er Jahre charakteristischen Architektursprache. Dazu zählen die dunkel gefassten Holzfenster, die offenen und geschlossenen Sichtbetonfassaden mit zum Teil skulpturalen Elementen und die unterschiedlichen Bauvolumen. Der markante Hauptbau ist mehrfach abgewinkelt und besticht durch die grossflächigen Fenster. Das äussere Erscheinungsbild ist bis heute erhalten. Allerdings will die Gemeinde Kriens das «Grossfeld» durch einen Neubau ersetzen – zum Entsetzen der Fachwelt. Die IG Baukultur wandte sich in einem offenen Brief an den Gemeinderat und protestierte gegen die Pläne. Die kantonale Denkmalpflege hingegen kann mit dem Rückbau leben. Sie gewichtet das öffentliche Interesse an einem neuen Pflegeheim höher als den architektonischen Wert. Das letzte Wort ist noch nicht gesprochen. Von Architekt Walter Rüssli sind diverse Bauten aus jener Zeit im Inventar eingetragen – darunter auch das ehemalige Priesterseminar St. Beat in Luzern oder die Wohnüberbauung Felsenegg in Sempach. (Bild: PD/Denkmalpflege)
Piuskirche. Standort: Meggen, Schlösslistrasse Baujahr: 1964 bis 1966 Bauherr: Katholische Kirchgemeinde Sanierung: 1994 bis 1996 Architekt: Franz Füeg, Solothurn (geboren 1921) Bewertung Denkmalpflege: schützenswert. Die Megger Piuskirche gilt als Meisterwerk der modernen, asketisch-analytischen Kirchenarchitektur und ist ein Bau von internationaler Bedeutung. Sowohl die Hauptkirche, als auch der Turm und das Pfarrhaus wurden vom Solothurner Architekten Franz Füeg als Stahlskelettkonstruktionen auf der Grundlage eines Rastermasses von 1,68 Metern entworfen. Es verleiht der ganzen Anlage eine strenge Ordnung. Gut sichtbar ist dies von aussen anhand der Stahlstützen, die sämtliche Bauten tragen. Bei der Hauptkirche hat Füeg zwischen die 13 Meter hohen Stützen insgesamt 888, knapp drei Zentimeter dicke Marmorplatten geschoben. Durch sie schimmert Tageslicht in den Innenraum und bringt die verschiedenen Maserungen des Marmors je nach Wetter, respektive Sonnenstand, immer wieder anders zur Geltung. Umgekehrt lässt die Marmor-Fassade abends künstliches Licht nach aussen dringen. Die Piuskriche ist das Hauptwerk von Franz Füeg. Er zählte zur sogenannten Solothurner Schule, einem losen Verbund von Architekten, die bei ihren Gebäuden vorwiegend auf Stahl, Glas und Rasterordnung setzten. Mit dabei war unter anderem auch Fritz Haller. Von ihm stammen die HTL im aargauischen Windisch (heute Fachhochschule Nordwestschweiz) sowie das weltweit bekannte Büromöbelsystem USM. (Bild: Pius Amrein)
Wohnhaus Schärli. Standort: Adligenswil, Obmatt Baujahr: 1962 Bauherr: Otto Schärli Sanierung: 2006 bis 2007 Architekt: Otto Schärli, Adligenswil/Luzern (1930 bis 2005) Bewertung Denkmalpflege: schützenswert. Das gestaffelte Wohnhaus mit unregelmässigem Grundriss wird von Pultdächern überdeckt. Ein skulpturaler Turm in Sichtbeton auf der Ostseite bildet den Gegenpol zu den auslandenden Balkonen auf der Westseite. Zeittypisch ist die Kombination von Sichtbeton- und Holzfassaden. Der bekannte Luzerner Architekt Otto Schärli hatte das Wohnhaus für sich und seine Familie geplant und dort alle Themen umgesetzt, mit denen er sich zeitlebens auseinandersetzte: Das Haus als Abbild des sozialen Gefüges, mit Übergangszonen von innen und aussen. Es zählt zu den bedeutendsten Bauten seiner Zeit. (Bild: PD/Denkmalpflege)
Wohnturm Fanghöfli. Standort: Luzern-Littau, Luzernerstrasse Baujahr: 1959 bis 1961 Bauherr: privat Sanierung: 1972, 1987, 2000 und 2018 Architekt: Joseph Gasser, Luzern (1925 bis 2018) Bewertung: schützenswert. Das auf einem sechseckigen Grundriss basierende, 13-stöckige Hochhaus weist pro Etage drei Wohnungen auf. Diese sind für die damalige Zeit aussergewöhnlich gross konzipiert. Allein der Balkon misst über 30 Quadratmeter. Eine Anlehnung an die Raumkonzepte des berühmten US-Architekten Frank Lloyd Wright. Der kürzlich verstorbene Fanghöfli-Architekt Joseph Gasser hatte ihn zeitlebens bewundert. Auffällig sind überdies die Balkonbrüstungen mit in den Beton eingelassenen Ornamenten und Dreiecken. Das Gebäude zählt zu den ersten Punktwohnhochhäusern der Schweiz und eines der ersten, das in vorfabrizierter Betonelementbauweise erstellt wurde. Ursprünglich war ein zweites, um zwei Etagen höheres Hochhaus geplant. Der Turm wurde in den vergangenen Monaten saniert, begleitet von der Denkmalpflege. (Bild: PD/Denkmalpflege)
Zentrum Gersag. Standort: Emmen, Rüeggisingerstrasse Baujahr: 1969 bis 1972 Bauherr: Einwohnergemeinde Emmen Sanierung: -- Architekt: Paul Steger (geboren 1925), Zürich Bewertung: erhaltenswert. Der Bau einer zentralen Gemeindeverwaltung und eines Gemeindesaals war im aufstrebenden Emmen der Nachkriegsjahre ein grosses Anliegen. Der Zürcher Architekt Paul Steger, der mit seinem Les-Ambassadeurs-Haus an der noblen Zürcher Bahnhofstrasse für Furore sorgte, gewann den Architekturwettbewerb. Nach einem heftigen Abstimmungskampf sagten die Emmer 1968 Ja zum Kredit. Das 10-stöckige Hochhaus und der Saalbau zeigen als Skelettbau mit brauner, sogenannter Vorhangfassade eine stilistisch einheitliche und zeittypische Gestaltung. (Bild: Eveline Beerkircher)
Terrassenhäuser Winkel. Standort: Horw, Terrassenweg Baujahr: 1962 bis 1967 Bauherr: privat Sanierung: -- Architekt: Fritz Stucky, Cham (1929 bis 2014) und Rudolf Meuli Bewertung Denkmalpflege: schützenswert. Die noch weitgehend im Originalzustand erhaltene Terrassensiedlung ist vermutlich die erste ihrer Art im Kanton Luzern. Es handelt sich um eine Adaption der ersten Terrassensiedlung der Schweiz in Zug, die Ende der 1950er Jahre gebaut wurde. Beide Siedlungen stammen von denselben Architekten. Sie sind architekturgeschichtlich und bautypologisch bedeutend. Die Gebäude erinnern in ihrer Ausführung an die Landhäuser des US-Architekten Frank Lloyd Wright, bei dem Stucky arbeitete. Auffallend sind die schrägen, durch Profilierung horizontal betonten Terrassenbrüstungen. (Bild: PD/Denkmalpflege)HINWEIS: Die Beschreibungen und Würdigungen der Gebäude basieren vor allem auf Texten der Denkmalpflege des Kantons Luzern.

Pfarrkirche St. Johannes. Standort: Luzern, Schädrütistrasse Baujahr: 1968 bis 1970 Bauherr: Katholische Kirchgemeinde Sanierung: 1988 und 2001 Architekt: Walter M. Förderer, Basel (1928 bis 2006) Bewertung: schützenswert.

Der skulptural wirkende Kirchenbau wurde vom national bedeutenden Architekten Walter M. Förderer geplant. Das Ensemble mit seinen radikalen Formen ist das herausragendste Beispiel der Béton-Brut-Architektur in der Region Luzern und sowohl kirchen- als auch architekturgeschichtlich von grosser Bedeutung. Der Sichtbetonbau erhebt sich über einer kristallinen Grundrissform und wird von einem verschachtelten Turm geprägt. Zahlreiche Vor- und Rücksprünge, Einschnitte und Auskragungen beleben die Betonfassaden. Fenster gibt’s nur wenige, sie verlaufen dafür teilweise übers Eck. (Bild: PD/Denkmalpflege)

Dass dem bei den Bauten der Nachkriegsmoderne nicht so ist, liegt nicht zuletzt an ihrem schlechten Image. «Viele davon sind schlecht gedämmt – es war Hochkonjunktur, nie mehr wurde in der Schweiz so viel gebaut wie damals», sagt Steinmann. Ganz zu schweigen vom Einsatz gesundheitsgefährdender Baumaterialien wie Asbest oder Naphthalin, was heute undenkbar wäre. Und schliesslich entsprechen viele Wohnhäuser mit ihren Mini-Balkonen und -Zimmern nicht mehr heutigen Komfortansprüchen. Steinmann: «Das alles macht es eben nicht einfacher, sie zu erhalten.» Aber: Die guten Beispiele widerspiegelten eben auch die Aufbruchstimmung nach dem Zweiten Weltkrieg. «Die Architekten experimentierten mit neuen Baustoffen oder wagten spezielle Grundrisse.»

«Wollen wir etwas erhalten, müssen wir jetzt handeln»

Nun erreicht ein Grossteil dieser Bauten das Ende ihres Lebenszyklus. Die Frage lautet: Sanieren – oder ersetzen? Und das wiederum ruft die Denkmalpflege auf den Plan. «Wollen wir etwas erhalten, müssen wir jetzt handeln», sagt Steinmann. Aktuell reicht das Inventar schützens- oder erhaltenswerter Bauten bis 1975. Jüngere Gebäude sind erst vorgemerkt, etwa das KKL. Nur selten kommt es vor, dass der Kanton ein Haus gegen den Willen der Eigentümer unter Schutz stellt, wie jüngst das der Stadt Luzern gehörende Grenzhof-Schulhaus. Steinmann will sich zu diesem Fall nicht äussern – nur soviel: Gerade öffentliche Bauten wie Schulen oder Kirchen seien aus Architekturwettbewerben mit teils hochrangiger Beteiligung hervorgegangen. «Da wurde nicht einfach irgendetwas gebaut.»

Rundgänge in der ganzen Zentralschweiz

In der ganzen Zentralschweiz finden am kommenden Wochenende diverse Führungen in bedeutenden Bauten der Nachkriegsmoderne statt: Von der Kollegiumskirche in St. Martin in Sarnen über das Alvar-Aalto-Hochhaus in Luzern bis zum Schulhausquartier in Brunnen. Das detaillierte Programm ist zu finden im Internet auf www.hereinspaziert.ch. Die IG Baukultur lädt am 20. September um 18.30 Uhr zudem zu einer Podiumsdiskussion zum Thema der bedrohten Moderne im Roten Haus auf dem Luzerner EWL-Areal. (hor)

Die Unterschutzstellung des Grenzhofs freut insbesondere auch die vor einem Jahr gegründete IG Baukultur. Ihr gehören der Bund Schweizer Architekten (BSA), der Schweizerische Ingenieur- und Architektenverein (SIA), der Schweizerische Werkbund und der Innerschweizer Heimatschutz an. Das Ziel: Die Bevölkerung für herausragende Beispiele der Nachkriegsmoderne sensibilisieren. Auf Plakaten und Flyern mit der Überschrift «Architektur in Gefahr» listet die IG Dutzende Gebäude in der ganzen Zentralschweiz auf. Zudem protestierten die Fachleute gegen den Abriss des Grenzhofs und konnten zahlreiche Stadtparlamentarier für ihr Anliegen gewinnen. Auch gegen den geplanten Abriss des Altersheims Grossfeld in Kriens setzte sich die IG mit einem offenen Brief an den Gemeinderat zur Wehr.

«Das aus viel Fronarbeit bestehende Engagement lohnt sich, wie wir nun sehen», sagt Norbert Truffer, Obmann des BSA Zentralschweiz und Mitinhaber eines Architekturbüros in Luzern. «Unsere Stimme wird gehört und wir werden zu Besprechungen eingeladen – etwa bezüglich Grenzhof und Grossfeld.» Bei Letzterem hat die Denkmalpflege zwar der Entlassung aus dem Inventar zugestimmt, trotzdem ist Truffer zuversichtlich: «Selbstverständlich haben sich die Ansprüche an ein Altersheim geändert, aber man kann wenigstens eine neue Nutzung prüfen, die zum Gebäude passt.» Dass die Denkmalpflege nicht immer im Sinne der Architekten entscheide, liege wohl in der Natur der Sache: «Sie muss mit Blick aufs Ganze entscheiden und das öffentliche Interesse gewichten, derweil wir einzig aus der fachlichen Optik urteilen können.»

Interesse für gute Architektur schon in der Schule wecken

Trotzdem hat gerade der Staat eine Vorbildfunktion, findet Architekturhistoriker Michael Hanak: «Zu öffentlichen Gebäuden haben viel mehr Leute einen Bezug als zu privaten.» Hanak hat in einem Gutachten das Krienser Grossfeld als schutzwürdig eingestuft. Die Architektur der Nachkriegsmoderne stehe schweizweit unter Druck. «Häuser werden immer schneller ersetzt», sagt er. Heute baue man noch für etwa 50 Jahre – Burgen dagegen hatten eine Lebensdauer von mehr als 100 Jahren. Hinzu komme die «Manie», alle Gebäude energetisch komplett aufzurüsten, wofür die Bauindustrie viel Werbung macht. Darunter leide die Architektur, weil dabei vieles unnötig zerstört werde.

Deshalb brauche es mehr Bildung und Vermittlung auf diesem Gebiet, am besten schon in der Schule. Die Initiative Archijeunes.ch vom BSA sei ein lobenswerter Anfang. Sie vermittelt Kindern und Jugendlichen Baukultur auf spielerische Weise. Wünschenswert wäre gemäss Hanak überdies ein Architekturmuseum mit einer umfassenden Ausstellung und Vermittlungsarbeit: «Letztlich geht es nicht um Belehrung, sondern darum, das Interesse für gute Architektur zu wecken.»

Schützenswert oder erhaltenswert?

Die Denkmalpflege unterscheidet bei Bauten zwischen schützenswert und erhaltenswert. «Schützenswert» sind Bauten von architektonischer oder historischer Bedeutung, deren ungeschmälertes Weiterbestehen unter Einschluss der wesentlichen Einzelheiten wichtig ist. An Renovationen, Veränderungen oder Ergänzungen sind hohe Qualitätsanforderungen zu stellen, und sie bedürfen besonders sorgfältiger Abklärungen unter Einbezug fachlicher Beratung.

«Erhaltenswert» sind Bauten von guter Qualität, die erhalten und gepflegt werden sollen. Veränderungen und Erweiterungen müssen sich einordnen und auf den bestehenden Bau Rücksicht nehmen. Sollte sich ein Erhalt nachweislich als unverhältnismässig erweisen, kann auch ein Ersatzneubau bewilligt werden, Dieser muss in Bezug auf Stellung, Volumen, Gestaltung und Qualität sorgfältig geprüft werden.

Schulhaus Grenzhof wird unter Denkmalschutz gestellt

Niederlage für den Luzerner Stadtrat: Er soll seine Abriss-Pläne für das Schulhaus Grenzhof beerdigen. Das fordert der Kanton - er beurteilt die Schulanlage aus dem Jahr 1964 als «besonders schutzwürdig». Doch der Stadtrat will den Entscheid nicht akzeptieren.
Robert Knobel

ARCHITEKTUR: Karge Schönheiten aus den Zwischenkriegsjahren

Ob Bauten aus den Zwischenkriegsjahren schützenswert sind, spaltet bisweilen die Gemüter. Mit einem neuen Bildband hält eine Luzerner Fotografin nun ein eindrückliches Plädoyer für die Schönheit, die sich hinter den nüchternen Fassaden befindet.
Ismail Osman