Interview

Was ein Seetaler als Missionar erlebt: «Plötzlich wurde geschossen, wir mussten uns zu Boden werfen»

Hans Weibel (55) aus Schongau weilt seit Januar in Mexiko. Dort arbeitet er als Missionar.

Turi Bucher
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Seelsorger Hans «Juan» Weibel (stehend) während eines Besinnungstages mit kubanischen Jugendlichen.

Seelsorger Hans «Juan» Weibel (stehend) während eines Besinnungstages mit kubanischen Jugendlichen.

Bild: Paco SVD (Mayara, 2016)

Hans Weibel wuchs in Schongau mit sieben Geschwistern auf. Nach der Primarschule besuchte er das Gymnasium Marienburg im St.Gallischen Thal bei Reineck. Dort lernte er Mitglieder des siebtgrössten Männerordens der katholischen Kirche, der Steyler-Missionare, kennen. Die Bezeichnung der Ordensgemeinschaft ist abgeleitet vom Gründungsort Steyl, einem heutigen Stadtteil im niederländischen Venlo. Nach der Matura in Einsiedeln besuchte Weibel das Steyler-Priesterseminar St.Gabriel in Wien. «Dieser Besuch überzeugte mich, dass ich auch diesen Weg gehen will.» Bei seiner missionarischen Arbeit in Ecuador, Kuba und Mexiko wurde Hans Weibel zum «Padre Juan».

Sie haben mit Beginn des neuen Jahrzehnts Ihre Arbeit als Provinzial und Seelsorger in Mexiko begonnen. Wie verlief der Start?

Hans Weibel: Ich habe die Arbeit am 15. Januar aufgenommen. Dies ist der Festtag unseres Gründers, des Heiligen Arnold Janssen. Zuerst musste ich einen Überblick über die Situation der Mitbrüder und über die Seelsorge gewinnen.

Was bedeutet der Titel «Provinzial» eigentlich?

Die Steyler-Missionare arbeiten in über 70 Provinzen. Der Vorsteher einer solchen Provinz wird Provinzial genannt.

In Ihrer Signatur steht auch noch die Abkürzung SVD. Was bedeutet sie?

Die Abkürzung SVD bedeutet «Societas Verbi Divini», Gesellschaft des Göttlichen Wortes.

Vor dem Wechsel nach Mexiko waren Sie als Missionar in Kuba tätig. Erzählen Sie.

Ich habe sechs Jahre lang in der Pfarrei San Gregorio von Mayari in der Provinz Holguin gearbeitet. Mayari liegt im Osten von Kuba. Meine Hauptaufgaben dort waren die Jugendarbeit, die Begleitung von Basisgemeinschaften und die Bibelausbildung.

Und zuvor, von 1994 bis 1999, haben Sie als Seelsorger in Ecuador gearbeitet. Welche Erinnerungen haben Sie an diese Zeit?

In Guayaquil war ich in Elendsvierteln tätig. Das waren intensive und bereichernde Erfahrungen, bei denen ich gelernt habe, mit den armen Menschen zu leben.

Welches war bei Ihrer Arbeit mit den einheimischen Menschen Ihr schönstes, ergreifendstes Erlebnis?

Ich denke, es war das Treffen der Jugend zu Ostern 2018, als wir kranke Menschen in ihren Häusern besucht haben. Die Begegnungen der jungen Menschen mit den Kranken – das waren sehr eindrückliche, berührende Begegnungen.

Ihr übelstes Erlebnis?

Das war in Ecuador. Nach einem Taufgespräch standen wir auf dem Pfarreiplatz. Plötzlich ging eine Schiesserei zwischen zwei Jugendbanden los. Wir standen mitten drin. Wir mussten uns zu Boden werfen und liegen bleiben, bis die Banden weiter zogen. Wir sind mit dem Schrecken davon gekommen.

Wer hat Sie eigentlich zum Provinzial an Ihrer Wirkungsstätte in Mexiko bestimmt?

Das war die Versammlung aller Steyler-Missionare in Mexiko im Oktober 2019.

Was tut ein Provinzial?

Der Provinzial ist der Leiter aller Steyler-Gemeinschaften in Mexiko und Kuba. Im Moment sind das 70 Mitbrüder und 10 Studenten. Im Provinzrat sitzen der Provinzial und vier gewählte Räte. Dieser Rat organisiert und plant und trifft monatlich alle Entscheidungen für alle Bereiche der Steyler-Missionen.

Wo genau in Mexiko sind Sie postiert?

Im Süden der Hauptstadt Mexico-City. In der 600 000-Einwohner-Stadt Coyoacan. Dort lebe ich zusammen mit weiteren Mitbrüdern, die in der Verwaltung, in der Jugendseelsorge und in der Buchhandlung tätig sind. Ich besuche andere Mitbrüder in ihren Gemeinschaften und Pfarreien, um einen Einblick in ihr Leben und ihre Arbeiten zu bekommen. Im März besuche ich die Flüchtlingsherberge in Chiapas im Südosten von Mexiko.

Wie sieht der normale tägliche Ablauf für Sie aus?

Gemeinsames Gebet, Frühstück, Korrespondenz. Dann Treffen mit den Mitbrüdern, Besuch einer Pfarrei oder einer theologischen Ausbildungsstätte. Am Abend steht Erholung auf dem Programm: gemütliches Beisammensein oder beispielsweise der Besuch eines Konzertes in der Stadt.

Wie stehen Sie den einheimischen Menschen bei? Wie helfen Sie – mit Worten, mit Essen, mit Geld?

Wir helfen mit der Verkündung des Wortes Gottes in den Gottesdiensten, in den Bibelkursen und in persönlichen Gesprächen. Wir helfen auch in der Flüchtlingsherberge in Chiapas, einem Brennpunkt in Mexiko. Zusammen mit den Laienmissionaren wollen wir einen Beitrag leisten für mehr Gerechtigkeit und Frieden in diesem Land voller Gewalt und Probleme.

Wie gefährlich kann die missionarische Arbeit sein?

Den Vorfall in Ecuador habe ich bereits erwähnt. In Mexiko habe ich bis jetzt keine gefährliche Situation erlebt. Aber ich bin ja auch noch keine zwei Monate hier. Die Mitbrüder erzählen von Gewalt auf der Strasse, von Diebstahl in der Metro und Problemen im Alltag der Menschen.

Welches Buch lesen Sie gerade?

50 Jahre Societas Verbi Divini in Mexiko.

Verfolgen Sie das Geschehen in der Schweiz?

Ich verfolge durch persönliche Kontakte mit meiner Familie und via Internet politische und kirchliche Nachrichten.

Wann kehren Sie in die Schweiz zurück?

Ich besuche alle drei Jahre die Schweiz für drei Monate. Das nächste Mal wird dies im Sommer 2022 sein.

Was vermissen Sie aus der Schweiz?

Die Familie und Freunde.

Und was können Sie jedem Schweizer von Mexiko empfehlen?

Die Gelassenheit der Menschen von hier.

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