Kolumne
Was Paul Winiker wirklich meint

Der Luzerner Regierungspräsident Paul Winiker lässt unserer Zeitung wohl gedrechselte Sätze zum Luzerner Theater zukommen – und äussert sich fast gleichzeitig auf Twitter ganz unverblümt. Das bedarf einer Interpretation.

Robert Knobel
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Kommunikation gehört zu den Hauptgeschäften von Politikern. Dass diese je nach Verbreitungskanal variiert, zeigt das Beispiel des Luzerner Regierungspräsidenten Paul Winiker (SVP). Alles begann mit einem Artikel in der NZZ. Unter dem Titel «Warum ich nicht mehr ins Theater gehe», rechnete Felix E. Müller, früherer Chefredaktor der NZZ am Sonntag, mit den subventionierten Theaterhäusern ab.

Müllers Analyse treffe «den Nagel auf den Kopf», liess Paul Winiker über Twitter und Facebook verlauten.

Da Luzern selber in einer Debatte über das künftige Theater steckt und der Kanton über die Hälfte des Luzerner Theaters mitfinanziert, ist die Meinung eines Regierungsrats relevant.

Der Bitte unserer Zeitung, seinen Tweet etwas auszuführen, kam Winiker erst nach wiederholtem Nachfragen nach – via seinen Assistenten. Dieser lieferte uns nach ein paar Tagen eine wohlausgefeilte Antwort, wonach man über neue Betriebsformen des Theaters nachdenken müsse, damit dieses «immer wieder neue, provokative Inhalte» liefern könne. Was ein Politiker halt so sagt, um niemanden auf den Schlips zu treten. Letzteres tut man lieber über die sozialen Medien. Per Twitter führte Winiker wenige Stunden später aus, was er unter «provokative Inhalte» versteht: «Eine Komödie zum Gender-Unfug. Denkbar wäre ein Stück über die Ferien von Flüchtlingen im Heimatland. Auch eine Tragödie über den Einsatz von Kindersoldaten als Klima-Heilige.»

Offizielle Regierungsstatements und persönliche Tweets können divergieren – das kennt man aus den USA. Allerdings: Ob eine Botschaft via Zeitung verbreitet wird oder über die Sozialen Medien, spielt letztlich keine Rolle – in beiden Fällen ist sie öffentlich. Für Donald Trump ist Twitter denn auch zum festen Teil seiner Politik geworden. Das Problem dabei: Was soll man nun eher glauben – das «offizielle» Statement oder den Tweet? Im Falle von Winiker wohl letzteres. Er wünscht sich ein Theater, das mit rechten Themen das linke Publikum provoziert. Das ist ganz im Sinne von Felix E. Müller – und durchaus legitim, wenn man Theater als Gesellschaftskritik versteht. Warum aber hat der Regierungspräsident nicht den Mut, dies auch «offiziell» zu sagen?