WEB-GATE: Sperre hätte 2010 funktioniert

Schon einen Monat nach der Analyse stand in der Verwaltung ein funktionierendes Testsystem. Doch der Kanton entschied sich dann für einen teureren Anbieter.

Alexander von Däniken und Jérôme Martinu
Drucken
Teilen
Die Informatik des Kantons Luzern hat schnell auf den alarmierenden Webreport reagiert. Ihre Lösung wurde aber nicht verwendet. (Bild: Boris Bürgisser / Neue LZ)

Die Informatik des Kantons Luzern hat schnell auf den alarmierenden Webreport reagiert. Ihre Lösung wurde aber nicht verwendet. (Bild: Boris Bürgisser / Neue LZ)

Alexander von Däniken und Jérôme Martinu

Es wäre vor wenigen Tagen wohl nicht zum Skandal gekommen, wenn die Verantwortlichen im Jahr 2010 anders entschieden hätten. Damals im Juli lagen die Ergebnisse einer externen Analyse vor, wonach die Luzerner Kantonsangestellten das Internet häufig für private Zwecke nutzten. Die Empfehlung aus der Analyse: den Zugriff auf Pornoseiten sperren und weitere private Zugriffe einschränken. Das geht mit einem sogenannten Proxy-Server (siehe Box). Die Clareo AG, welche die Analyse erstellt hat, hatte schon damals Erfahrungen in Lieferung, Installation und Konfiguration solcher Server. Wie Recherchen unserer Zeitung zeigen, hat die Firma nach Absprache mit der Dienststelle Informatik schon im August 2010 in der Luzerner Verwaltung zu Testzwecken einen Proxy-Server installiert. Der Computer in der Grösse eines altmodischen CD-Spielers funktionierte während der vierwöchigen Testphase tadellos.

Knapp 100 000 Franken Differenz

Die Clareo AG reichte danach Offerten in der Preisspanne zwischen 130 000 und 160 000 Franken ein, je nach Konfiguration. Der bereits installierte Server der Marke Bluecoat, Modell Proxy SG, hätte dabei übernommen werden können. Eine Person * in der Dienststelle Informatik hat den weiteren Verlauf allerdings gebremst. Und pochte auf eine öffentliche Ausschreibung im Einladungsverfahren. Dieses kann laut kantonalem Gesetz dann erfolgen, wenn bei Lieferungen und Dienstleistungen die Grenze von 250 000 Franken nicht erreicht wird.

Anfang 2011 hat die Dienststelle den Auftrag an eine andere Firma vergeben – für einen Preis zwischen 200 000 und 240 000 Franken, wie Quellen berichten. Dann kamen Probleme, wie gestern auch Finanzdirektor Marcel Schwerzmann einräumte. Die technische Einbindung habe sich «sehr komplex» gestaltet. Es habe 2012 «Probleme mit einzelnen Kunden unseres Lieferanten und deren spezieller Konfiguration» gegeben, «da die zu Grunde liegenden Technologien geändert hatten», so Schwerzmann gegenüber dem Online-Magazin «Zentral +».

Bewährte Technik

Nicht nur der wesentlich höhere Preis wirft Fragen auf, sondern auch die angeblichen technischen Probleme. Denn gemäss Brancheninsidern sind technische Probleme bei der Installation eines Proxy-Servers praktisch ausgeschlossen, und die Technologien hätten sich 2012 nicht geändert. Weil Bluecoat die Software für die Server stets updatet und auch URL-Listen der Filterhersteller weit verbreitet sind, hätte es 2012 in vielen Firmen, in denen der weit verbreitete Server eingesetzt wird, zu Problemen führen müssen. Wie der Abteilung nahe stehende Quellen gegenüber unserer Zeitung allerdings ausführen, «lag der Server erst mal längere Zeit ungenutzt herum».

Ebenfalls stutzig macht die Tatsache, dass der Zuschlag gemäss Beschaffungsverordnung hätte im Kantonsblatt veröffentlicht werden müssen, dort aber nirgends auftaucht. Und dass die für die Ausschreibung zuständige Person mit dem damaligen Dienststellenleiter *, der sich wegen undurchsichtiger Beschaffungen vor Gericht verantworten muss, in familiärer Beziehung stand.

Seitens des Kantons will man die Recherchen unserer Zeitung nicht kommentieren und verweist auf die kommende Untersuchung. «Der Regierungsrat wartet die Untersuchungsergebnisse ab», erklärt Informationschef Andreas Töns auf Anfrage schriftlich.

* Namen der Redaktion bekannt

Schnelles und sicheres Surfen

Ein Proxy-Server ist ein Computer, der als Mittler zwischen einem Webbrowser wie Internet-Explorer und dem Internet fungiert. Solche Server steigern die Leistung im Web, indem sie Kopien häufig verwendeter Websites speichern. Wenn ein Anwender eine Seite anfordert, die im Server zwischengespeichert ist, wird diese Seite schneller aufgerufen. Proxy-Server erhöhen auch die Sicherheit, indem sie unerwünschte Webinhalte und schädliche Software herausfiltern. Solche Server werden vor allem in Netzwerken von Organisationen, Firmen und Verwaltungen verwendet. Aber auch Hacker greifen gerne auf fremde Proxy-Server zurück, um die Identität ihres eigenen Computers und damit Spuren zu verschleiern.

Ganz Syrien war offline

Gemäss IT-Experten ist der in der Luzerner Kantonsverwaltung verwendete Proxy-Server des kalifornischen Herstellers Bluecoat weltweit verbreitet und hat einen guten Ruf. Der Hersteller geriet 2012 in die Schlagzeilen, als in ganz Syrien während zweier Tage das Internet ausfiel, weil ein Bluecoat-Server lahmgelegt wurde. Dokumente des Whistleblowers Edward Snowden zeigten später, dass der US-Geheimdienst den Server unbeabsichtigt lahmgelegt hatte.

Privat Surfen während der Arbeitszeit? Diskutieren Sie mit!

Ist es in Ordnung, während der Arbeitszeit ab und an zu eigenen Zwecken im Internet zu surfen? Falls dem so ist, wo sind die Grenzen? Wie sieht es bei Ihnen im Geschäft aus?

Sagen Sie uns Ihre Meinung und teilen Sie uns Ihre Erfahrungen mit in unserem Forum auf www.luzernerzeitung.ch/forum