Wegen Bagatellen in den Notfall: Das könnte künftig teuer werden

Wer den Spitalnotfall nutzt, soll künftig 50 Franken bezahlen. In Luzern kommt diese Idee nicht sehr gut an.

Yasmin Kunz
Merken
Drucken
Teilen

Drei authentische Fälle aus einem Spitalnotfall in der Region:

– Eine Patientin stolpert über einen Gegenstand und stösst sich das Bein. Eine Woche später geht sie auf den Notfall, weil sie noch immer eine Beule hat. Sie wird gleichentags mit dem Befund einer leichten Prellung wieder entlassen.

– Ein Patient hat sich an der Sonne verbrannt. In der Nacht juckt ihn die Rötung. Er wird deswegen auf den Spitalnotfall vorstellig.

– Ein anderer Patient begibt sich auf die Notfallstation, weil er den Blutdruck gemessen haben will.

Fakt ist: In den Notfallstationen der Spitäler treffen die Ärztinnen und Ärzte auf alles. Von der Bagatelle wie Schnupfen bis hin zu wirklich prekären Verletzungen und Erkrankungen.

Kein Geheimnis ist, dass die Notfallstationen gut ausgelastet, teils gar überlastet sind. Damit künftig die Zahl von Bagatellen auf dem Notfall reduziert werden können, will die Gesundheitskommission des Nationalrates eine Notfallpauschale einführen (Ausgabe vom 16. November). Künftig sollen Patienten, die den Notfall aufsuchen, 50 Franken bezahlen – es sei denn, sie müssen hinterher stationär behandelt werden. Eine entsprechende parlamentarische Initiative von GLP-Nationalrat Thomas Weibel (ZH) wurde von der Kommission mit 16 zu 6 Stimmen angenommen.

Guido Graf will Praxen statt Pauschale

Beim Luzerner Gesundheitsdirektor Guido Graf (CVP) stösst die Idee, Notfälle besser zu kanalisieren, auf offene Ohren: «Es ist eine Realität, dass die Notfallaufnahmen zeitweise überlastet sind.» Graf ortet das Problem insbesondere auch im Mangel an Hausärzten. «Diese könnten vieles abfangen. Aber wenn Personen keinen Hausarzt mehr finden, dann gehen sie bei einem medizinischen Problem – ob akut oder nicht – in den Notfall.» Der Ansatz der Gesundheitskommission sei im Grunde gut. Graf kritisiert jedoch einen Punkt:

«Dass ein Notfall nur dann als Notfall taxiert werden soll, wenn nachher eine stationäre Behandlung erfolgt, ist ein falsches Kriterium.»

Er macht ein Beispiel: «Eine tiefe Schnittverletzung, die sich an einem Samstagabend ereignet, muss innerhalb von Stunden genäht werden. Deswegen muss die Person aber nicht stationär aufgenommen werden: Das ist unnötig und wäre zugleich teuer.» Für Graf würde es mehr Sinn machen, «vorgelegte Hausarztpraxen in Spitälern zu integrieren – unter anderem für jene Personen ohne offiziellen Hausarzt.» Heisst: Hausarztpraxen in Spitälern, die zu Hausarzttarifen abrechnen.

Thomas Weibel, Zürcher GLP-Nationalrat und Initiant, sieht dies nicht komplett anders. Er sagt: «In vielen Regionen organisieren Hausärzte untereinander einen Wochenend-Notfalldienst oder es besteht wie beispielsweise im Kanton Zürich ein Notfalltelefon, über welches ein diensthabender (Nicht-Spital-)Arzt in der Region gefunden wird. Somit ist das Aufsuchen des Spitalsnotfalls bei einer Schnittwunde nicht notwendig.» Wer genau von der Pauschale betroffen sein könnte, sei noch nicht abschliessend geklärt, so Weibel (siehe Kasten am Ende des Artikels).

Geld darf bei der Soforthilfe keine Rolle spielen

Der Neuenkircher FDP-Kantonsrat Jim Wolanin präsidiert die kantonsrätlichen Kommission für Gesundheit, Arbeit und Soziales (Gask) und ist ein Kenner der Gesundheitsbranche. Für ihn ist die Idee zu einer Pauschale eine Überlegung wert. Er betont allerdings, dass sich die Gask mit dieser Thematik nicht befasst, weil eine Regelung auf Bundesebene erfolgen muss. Dennoch sagt er: «Wer für eine Leistung zusätzlich zur Kasse gebeten wird, überlegt sich diesen Schritt eher.» Er macht ein Beispiel: «Seit die Plastiksäcke bei Grossverteilern fünf Rappen kosten, werden diese deutlich weniger gebraucht.» Wolanin rät allerdings, die 50-Franken-Pauschale gut zu regeln. Er sagt:

«Die Notfallstation muss grundsätzlich allen zugänglich sein, unabhängig von den finanziellen Mitteln.»

Eine Pauschale dürfe nicht zur Folge haben, dass jemandem Soforthilfe verwehrt werde, weil ihm oder ihr das Geld fehle.

Im Notfallzentrum der Klinik St. Anna ist man wenig und fast ausschliesslich am Wochenende mit sogenannten Bagatellfällen konfrontiert, wie es auf Anfrage heisst. «Die grosse Mehrheit unserer Patienten hat von Hausärzten, Belegärzten, der Sanität oder per Telefonberatung bereits eine erste medizinische Einschätzung erhalten, bevor sie zu uns in die Notaufnahme kommt», sagt Anna Meyer, Projektleiterin bei der Klinik St. Anna. Deshalb sieht sie in dieser Frage derzeit keinen Handlungsbedarf.

Zu beachten sei, dass neben der medizinischen Einschätzung, immer auch die subjektive Empfindung des Patienten eine Rolle spielen würde, so Meyer. «Je nach Person gibt es unterschiedliche Sicherheitsbedürfnisse und Wahrnehmungen bezüglich des eigenen Körpers.» Dem pflichtet Barbara Callisaya, Leiterin der Patientenstelle Zentralschweiz, bei. Sie rät daher eher zu Sensibilisierungsarbeit; in etwa so, wie es die Bobo-Kampagne des Kantons beabsichtigt. Diese appelliert an die Eigenverantwortung, nicht wegen jedem «Bobo» zum Arzt zu gehen.

Wann ist ein Notfall ein Notfall?

Der 50-Franken-Pauschale dagegen kann sie wenig abgewinnen. «Ich bin der Ansicht, dass das Problem mit überfüllten Spitalnotfällen nicht mit Geld gelöst werden kann.» Zudem weist sie darauf hin, dass ein Notfall auch immer subjektiv ist. «Würde eine solche Pauschale eingeführt, müsste ‹Notfall› definiert werden. Das ist schlicht unmöglich.»

Das Luzerner Kantonsspital äussert sich nicht konkret zur möglichen Pauschale und zu einer allfälligen Notwendigkeit einer Regulierung auf dem Spitalnotfall. Man wolle dem politischen Prozess auf nationaler Ebene nicht vorgreifen, heisst es auf Anfrage.

Notfallpraxen von Pauschale ausgenommen

(kuy) Thomas Weibel, GLP-Nationalrat aus Zürich, hat die parlamentarische Initiative lanciert. Laut Weibel wären Permanencen und Arztpraxen in Spitälern – etwa die von Hausärzten betriebenen Notfallpraxen beim Zuger und beim Luzerner Kantonsspital – von der 50-Franken-Pauschale ausgenommen. Er erklärt: «Permanencen und Notfallpraxen stellen ihre Rechnung zu den gleichen Tarifen wie Hausärzte. Deshalb sind sie für Leute ohne Hausarzt eine förderungswürdige Alternative zu den überlasteten Spitalnotfallabteilungen.» Der Politiker räumt aber ein, dass Abgrenzungsfragen noch Teil der Ausarbeitung der Vorlage sein werden. Mit der Initiative habe er Vorschläge gemacht, wo etwa Abgrenzung von Bagatellfällen denkbar seien.

Dass aufgrund der Pauschale Soforthilfe vorenthalten werde, ist gemäss Weibel falsch: «Die Hilfe bei einem Notfall ist über Arztpraxen und Notfalltelefone, welche nicht belastet werden, gewährleistet und ist allgemein zugänglich.» Vielmehr berge die teilweise Überlastung der Spitalnotfallstationen durch Bagatellfälle die Gefahr, «dass echte Notfälle keine Soforthilfe oder zu späte Betreuung erhalten, weil nicht genügend personelle Ressourcen zur Verfügung stehen». Die Initiative wird voraussichtlich in der Dezembersession im Nationalrat behandelt. Falls der Rat gleich entscheidet wie die Kommission, geht das Geschäft in die Schwesterkommission des Ständerats und wird dort wohl im ersten Quartal 2020 traktandiert.