Wegen gescheiterter Liebe: Ägypter muss von Luzern zurück in die fremde Heimat

Mahmoud Elkilliny (39) muss nach vier Jahren in Luzern wieder nach Ägypten. Dabei ist er hier gut integriert und hat sich schon für eine neue Ausbildung angemeldet.

Yasmin Kunz
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Mahmoud Elkilliny (39) vor der Kanti Reussbühl, wo er eine Ausbildung absolvieren wollte. Bild: Manuela Jans-Koch (Luzern, 23. November 2018)

Mahmoud Elkilliny (39) vor der Kanti Reussbühl, wo er eine Ausbildung absolvieren wollte. Bild: Manuela Jans-Koch (Luzern, 23. November 2018)

Es ist ein Datum, welches er nie vergessen wird. Der 10. Dezember 2018. Nicht etwa, weil er dann etwas zu feiern hätte – im Gegenteil. Es ist der Termin seiner Ausschaffung nach Ägypten. Die Rede ist von Mahmoud Elkilliny (39). Er lebt seit 2014 in der Schweiz, genauer im Kanton Luzern. Mahmoud – er möchte lieber beim Vornamen genannt werden – ist eingeschrieben für die Maturitätsschule für Erwachsene in Reussbühl, damit er seinen Traum verwirklichen kann: Er will Wirtschaft studieren.

Doch der Traum ist mit dem Eintreffen des gelb-orangen Zettels, dem Ausweiseformular, geplatzt. Das Staatssekretariat für Migration sagt zur Situation: Ausreisen nach Ägypten sind grundsätzlich zulässig, zumutbar und möglich. Das heisst, ägyptische Staatsbürger, die die Schweiz verlassen und nach Ägypten zurückkehren müssen, können entweder freiwillig ausreisen, begleitet oder zwangsweise rückgeführt werden.

Kritik von Menschenrechtsorganisationen

Das ist kein Einzelfall. Im laufenden und im vergangenen Jahr wurden gemäss Amt für Migration des Kantons Luzern insgesamt sechs Ägypter zurückgewiesen. Vier nach Ägypten und zwei in ein Dublin-Land. Schweizweit sind im gleichen Zeitraum 148 Ägypter aus dem Asylsystem ausgeschieden. Insgesamt haben in den Jahren 2017 und bis Ende Oktober des laufenden Jahres 30'701 Asylsuchende die Schweiz verlassen. Knapp die Hälfte, also rund 15'000, mit einer afrikanischen Staatszugehörigkeit. Per Ende September lebten 60 Personen aus Ägypten mit einem ständigen Aufenthalt im Kanton Luzern. Ausserdem haben sich zwei Personen im Rahmen eines Asylverfahrens oder als vorläufig Aufgenomme aufgehalten.

Anders als das Staatssekretariat für Migration sehen es Menschenrechtsorganisationen wie die Schweizerische Flüchtlingshilfe oder Amnesty International Schweiz. Sie betonen immer wieder, wie heikel Ausschaffungen in Staaten mit prekärer Sicherheitssituation und repressiver Regierung seien. Dazu gehörten etwa Staaten wie Afghanistan, Ägypten, Sri Lanka und die Türkei.

Nicht als Flüchtling gekommen

Zurück zu Mahmoud, für den die Rückreise alles andere als zumutbar sei. Er habe sich hier ein Leben aufgebaut und könne sich nicht vorstellen, wieder in Ägypten zu leben. Nicht, weil er vor vier Jahren geflüchtet ist – im Gegenteil. Mahmoud hat, als Ägypten als Feriendestination florierte, für Hotelplan Suisse über den lokalen Anbieter Master Travel Services als Chefreiseleiter gearbeitet. Mit einem eigenen Auto, sehr gutem Salär und Verantwortung. Während seiner Tätigkeit war er auch zweimal in der Schweiz für geschäftliche Termine. Zurück in Ägypten, lernte er im Jahr 2014 in einem Ferienressort eine Schweizerin kennen. Sie verliebten sich, heirateten und zogen in den Kanton Luzern. Die Liebe währte allerdings nicht lange. Seine Frau verliebte sich nach nicht einmal einem Jahr in einen anderen. Es kaum zur Trennung, später zur Scheidung. Und genau das ist der Ausreisegrund: Der Mann ist nicht mehr verheiratet, sein Aufenthaltsrecht in der Schweiz damit passé.

Mahmouds Lebenstraum ist wie eine Seifenblase zerplatzt. Er kann den Entscheid nicht verstehen. «Was habe ich getan, dass mich die Schweiz nicht will?», fragt er rhetorisch. Denn er weiss: Er hat grundsätzlich nichts falsch gemacht, ausser vielleicht die Scheidungspapiere zu unterzeichnen. Er sieht die Scheidung aber nicht als Fehler: «Eine Frau muss man ziehen lassen, wenn sie gehen will.» Man habe sich im Guten getrennt, sagt Mahmoud, der in einer Luzerner Agglomerationsgemeinde wohnt. Seine Ex-Frau bestätigt auf Anfrage unserer Zeitung die Trennung im Guten.

Eine erneute Einreise könnte möglich sein

Der Ägypter wollte den Entscheid der Behörden nicht akzeptieren. Er nahm sich einen Anwalt und versuchte, den Entscheid anzufechten. Mit Beschwerden beim Justiz- und Sicherheitsdepartement, beim Kantonsgericht und beim Bundesgericht. Vergeblich. Letzte Chance: ein Gesuch für eine Aufenthaltsbewilligung zu Studienzwecken. Doch auch damit scheiterte er. Man sei gerne bereit, das Gesuch zu prüfen, sobald die Ausreise aus der Schweiz erfolgt sei, heisst es seitens des Amts für Migration. Vorerst müsse der Entscheid aus dem Ausland abgewartet werden. Will heissen: Das Einreisegesuch muss Mahmoud bei der Schweizer Auslandvertretung in seinem Heimatland einreichen. Werden die Zulassungsvoraussetzungen erfüllt, kann die zuständige kantonale Behörde den Aufenthalt zu Studienzwecken gestatten.

Doch es werden mehr als 6000 Franken Verfahrenskosten fällig. Viel, für einen, dessen Einkommen pro Monat bei rund 4000 Franken liegt. Nur einmal, im aktuellen Jahr, bezog Mahmoud Arbeitslosengeld, weil er nur in einem 40-Prozent-Pensum angestellt war. Sonst hat er in der Gastrobranche im Service Fuss gefasst. Er arbeitete unter anderem in den Hotels Schweizerhof und Palace Luzern.

In Ägypten lebt er wieder bei der Mutter

Mahmoud sucht in seiner Aktentasche, deren Reissverschluss kaum mehr zu geht, nach weiteren Beweisunterlagen. Belege dafür, dass er einen makellosen Leumund hat. Dazu zeigt der unter anderem den Auszug aus dem Strafregister. Mit jedem Tag näher zum Rückreisedatum werde er etwas nervöser und unruhiger. Doch mittlerweile sehe er auch ein, dass sich das Blatt wohl nicht mehr wenden lässt. Was der 39-Jährige, der in Ägypten wahrscheinlich bei seiner Mutter leben wird, machen wird, weiss er nicht. «Mein Leben ist in der Schweiz, nicht in Ägypten.»