Wegen Lücke im Tarifsystem: Auf diesen Zugstrecken zahlen Reisende zu viel

Wer ein Zug- oder Busbillett am Automaten oder am Schalter löst, bekommt nicht immer das günstigste Ticket. Auch mit der App Fairtiq bezahlt man manchmal zu viel – trotz gegenteiligem Versprechen.

Jonas von Flüe
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Die Fahrt mit den öffentlichen Verkehrsmitteln von Luzern nach Schwyz dauert 52 Minuten: Zunächst mit der S3 dem Vierwaldstätter-, Zuger- und dem Lauerzersee entlang. Dann mit dem Bus vom Bahnhof ins Zentrum des Kantonshauptorts. Kostenpunkt für ein Retour-Ticket (ohne Halbtax): 36.40 Franken. Oder besser gesagt: So viel bezahlt man, wenn man das entsprechende Billett am Automaten, online, in der App oder am Schalter löst.

Doch es geht auch günstiger. Wer für die gleiche Strecke zwei Tickets löst, nämlich eines von Luzern nach Immensee und eines von Immensee nach Schwyz, bezahlt nur 29.20 Franken – satte 7.20 Franken weniger. Wie ist das möglich?

Zwei Zonentickets sind günstiger als ein Streckenticket

Immensee ist sowohl Teil des Tarifverbunds «Passepartout», der die Kantone Luzern, Ob- und Nidwalden abdeckt, wie auch des Tarifverbunds Schwyz. Und zwei Zonentickets sind in diesem Fall günstiger als ein Streckenticket.

Das beschriebene Beispiel ist kein Einzelfall. Eine Recherche zeigt, dass es in der Zentralschweiz etliche Verbindungen gibt, auf denen es sich lohnt, zwei Tickets statt nur ein Ticket zu lösen. Voraussetzung dafür ist ein Bahnhof auf der Strecke, der in zwei Tarifverbünden liegt. Neben Immensee trifft das auch auf Hüswil (LU/BE) und Schindellegi-Feusisberg (SZ/ZH) zu (siehe Tabelle).

Auf diesen Strecken können Sie mit kombinierten Tickets günstiger reisen (Retour-Ticket ohne Halbtax in Franken):

Einige Beispiele

Strecke Regulärer Preis Günstigerer Preis Anmerkung zum günstigsten Preis
Luzern – Schwyz, Post 36,4 29.20 (15.60 + 13.60) Nur gültig mit S3 (Halt in Immensee).
Sachseln – Einsiedeln 64 51.40 (26.00 + 25.40) Nur gültig mit S3 (Halt in Immensee). Reisedauer verlängert sich um 3 Minuten (1x mehr umsteigen).
Hitzkirch – Morschach 60,4 44.40 (26.00 + 18.40) Nur gültig mit S3 (Halt in Immensee).
Wolhusen – Langenthal 38,8 34.00 (15.60 + 18.40) Nur gültig mit S6 (Halt in Hüswil).
Küssnacht – Rapperswil 54 39.00 (25.40 + 13.60) Nur gültig mit S40 (Halt in Schindellegi-Feusisberg). Reisedauer verlängert sich um 22 Minuten (1x mehr umsteigen).

Lücke im Tarifsystem ist bekannt

Um solche Fälle kümmert sich seit Anfang Jahr die «Alliance SwissPass». Sie ist die neugegründete Dachorganisation des öffentlichen Verkehrs, in der sich rund 250 Transportunternehmen und 17 Tarifverbünde zusammen geschlossen haben. Die Ziele sind ambitioniert: Die «Alliance SwissPass» will unter anderem die Tarifbestimmungen schweizweit harmonisieren sowie Preisunterschiede und Kundenfallen abbauen.

Thomas Ammann ist Mediensprecher der Dachorganisation. Auf das erwähnte Beispiel angesprochen, sagt er: «Es ist uns bekannt, dass es in der Schweiz ganz wenige Strecken gibt, auf denen ein ‹gebrochen› gelöstes Ticket günstiger sein kann.» Genau da wolle die «Alliance SwissPass» ansetzen: «Wir sind daran, diese Probleme zu eliminieren, damit unsere Kunden garantiert den fairsten Preis berechnet bekommen.»

Ammann erklärt auch, warum an Ticketautomaten oder Bahnschaltern nur ein Preis angezeigt werde, auch wenn es günstigere Optionen gäbe: «Es ist ein weltweit einmaliger Komfort, dass das Schweizer ÖV-System als eine Einheit genutzt werden kann. Ein Streckenbillett muss für jede Verbindung gültig sein, unabhängig vom gewählten Zug.» Auf unser Beispiel bezogen: Ein Ticket von Luzern nach Schwyz muss auch im Voralpen-Express gültig sein, der nicht in Immensee hält. «Wir wollen den Kunden nicht zumuten, dass sie beim Ticketverkauf noch die Art des Zuges wählen müssen, wie das in anderen Ländern der Fall ist», erklärt Ammann. Während in der Schweiz bei den Ticketpreisen nicht zwischen Schnellzügen und S-Bahnen unterschieden wird, bezahlt man etwa in Deutschland, Frankreich oder Italien einen Aufpreis für schnellere Züge.  

Fairtiq berechnet auch den höheren Preis

Die Tendenz geht auch in der Schweiz Richtung automatisches Ticketing. Seit bald zwei Jahren ist «Fairtiq» schweizweit gültig, seit Mitte November ist «EasyRide» in der SBB-App integriert (siehe Box). Doch trotz des Versprechens den «günstigsten verfügbaren Preis» abzurechnen, berechnet auch «Fairtiq» den regulären Preis von Luzern nach Schwyz. Auch wenn man die S3 benutzt. Das hat zwei Gründe: Erstens erkennt die App zwar, wo man sich befindet, aber nicht in welchem Zug. Zweitens müsse sich «Fairtiq» an die Preisregeln des automatischen Ticketings halten, wie ein Sprecher auf Anfrage schreibt. «Wenn Reisen über die Grenzen eines Tarifverbunds hinaus gemacht werden, kommen immer Tickets des direkten Verkehrs und nicht Verbund-Tickets zur Anwendung», erklärt er weiter.

So funktioniert das automatische Ticketing

«Fairtiq» und das in der SBB-Mobile-App integrierte «EasyRide» basieren auf der gleichen Technologie. Mit ein Wisch auf dem Smartphone wird vor dem Antritt einer Fahrt ein Ticket aktiviert, mit der selben Bewegung wird die Fahrt beendet, sobald das Ziel erreicht ist. Bei der Ticketkontrolle kann in der App ein Barcode vorgezeigt werden. Die App berechnet den günstigsten Preis, was vor allem im Nahverkehr praktisch ist, weil beispielsweise eine Tageskarte, statt drei einfache Fahrten berechnet wird. Der Preis wird automatisch vom hinterlegten Zahlungsmittel abgezogen.

Bei all diesen Bestimmungen verliert man den Überblick tatsächlich schnell. Deshalb fordert Karin Blättler, Präsidentin des Fahrgastverbandes Pro Bahn, schon lange, dass das Tarifsystem von Grund auf erneuert werden muss: «Es ist völlig undurchsichtig.» Die erwähnten Ticketing-Apps bezeichnet sie als Kundenfalle. Die Bereinigung dieser dauere viel zu lang.

Kombination von zwei Tickets ist zulässig

Die Preisstruktur des öffentlichen Verkehrs beschäftigt auch Preisüberwacher Stefan Meierhans. Er habe seit dem Fahrplanwechsel und dem damit verbundenen Tarifwechsel im Dezember bereits einige Beschwerden erhalten, berichtet «SRF». An den Grenzen der Tarifverbünde sei die Situation nicht mehr überschaubar.

«Unser Ziel ist es, dass die Kunden sich nicht mit der Komplexität des ÖV-Systems befassen müssen», sagt Thomas Ammann von der «Alliance SwissPass». Er räumt aber auch ein, dass es im geschilderten Fall zulässig sei, zwei Tickets zu kombinieren. Für Zugreisende heisst das: Man ist zwar an die entsprechende S-Bahn gebunden, spart aber bei regelmässiger Reise viel Geld.

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