WEGGIS: Er weiss, wieso die «Flora» sank

1899 ging das Schiff MS «Flora» unter. Ein Nachfahre des damaligen Schiffsmeisters steuert noch heute Nauen über den See – und klärt das Unglück auf.

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Hugo Baumgartner (76), Grossneffe von Josef Baumgartner, dem ehemaligen Besitzer des MS «Flora», auf der Naue «Unterwalden» im Hafen von Ennetbürgen. (Bild: Nadia Schärli / Neue LZ)

Hugo Baumgartner (76), Grossneffe von Josef Baumgartner, dem ehemaligen Besitzer des MS «Flora», auf der Naue «Unterwalden» im Hafen von Ennetbürgen. (Bild: Nadia Schärli / Neue LZ)

Der Motor erreicht nach 116 Jahren wieder die Wasseroberfläche. (Bild: Corinne Glanzmann / Neue LZ)
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Ein Schiffsmotor fliegt durch die Luft. (Bild: Keystone / Alexandra Wey)
Das damalige Technikwunder sieht heute alt aus, … (Bild: Corinne Glanzmann / Neue LZ)
Der Taucher gibt dem Kranführer das entscheidende Handzeichen. (Bild: Corinne Glanzmann / Neue LZ)
… verkrustet, verrostet – bewohnt. (Bild: Keystone / Alexandra Wey)
Daniel Geissmann vom Verkehrshaus wagt einen prüfenden Blick. (Bild: Corinne Glanzmann / Neue LZ)
Der Petrolmotor hängt unter Wasser in den Gurten. (Bild: pd)

Der Motor erreicht nach 116 Jahren wieder die Wasseroberfläche. (Bild: Corinne Glanzmann / Neue LZ)

Niels Jost

Vor fast 116 Jahren geschah es, an einem stürmischen Dezembermorgen im Küssnachter Becken bei Weggis: Die hölzerne Transportnaue MS «Flora» sank auf den 66 Meter tiefen Grund des Sees. Die fünfköpfige Mannschaft kam ums Leben. In einer aufwendigen Bergungsaktion holte das Verkehrshaus den für die Technikgeschichte interessanten Schiffsmotor kürzlich aus dem Wasser (Ausgabe vom 15. Oktober).

Bisher ungeklärt blieb die Unglücksursache. War es wegen eines starken Sturmes, wegen einer Überladung oder gar einer Explosion? Glück im Unglück hatte der damalige Buochser Schiffsmeister Josef Baumgartner: Wegen einer Handverletzung befand er sich just an jenem Tag nicht auf der Naue. Recherchen unserer Zeitung machten nun dessen Verwandten ausfindig: Hugo Baumgartner. «Josef war der Bruder meines Grossvaters», sagt der 76-jährige Buochser, der schon seit jeher hinter dem Ruder von Nauen steht. «Josef starb Anfang der 1940er, weshalb ich ihn nicht mehr kannte.»

«Die ‹Flora› hatte stark Schlagseite»

Für Hugo Baumgartner ist «völlig klar», wieso das MS «Flora» seines Grossonkels damals, anno 1899, gesunken ist. Es fegte ein heftiger Sturm über den Vierwaldstättersee, die sogenannte Küssnachter Brise. Um vier Uhr in der Früh legte das MS «Flora» in Buochs Richtung Luzern ab. Für die Bauarbeiten am Hotel Seeburg war es mit 40 Tonnen Sand beladen. «Es ist eher unwahrscheinlich, dass die Naue überladen war – das hätte die damalige hölzerne Bauweise nicht zugelassen», sagt Hugo Baumgartner. «Wegen des hohen Zeitdrucks fuhr man bei jedem Wetter – auch bei hohem Wellengang.» Dieser wurde dem MS «Flora» wohl zum Verhängnis. «In der Dunkelheit sah die Schiffsmannschaft nicht, von welcher Seite die Wellen auf die Naue trafen», erklärt Baumgartner. Im Windschatten fuhr die hölzerne Naue nahe an Zinnen vorbei ins Küssnachter Becken. «Die ‹Flora› bekam wohl stark Schlagseite. Als sie quer zu den Wellen stand, spülte es wohl immer mehr Sand vom Deck, wobei Wasser ins Schiff schwappte – bis die ‹Flora› sank.» Entscheidend könne ebenso gewesen sein, dass nur eine leistungsschwache Hand- und keine Motorpumpe an Bord war.

Zeitungsbericht von 1899

Beim Besuch zeigt Hugo Baumgartner seine säuberlich sortierten Dokumente aus vergangenen Jahren. Auch den Zeitungsartikel vom 11. Dezember 1899, der über das Unglück berichtete, hat er vorliegen. Darin steht: «Da das Schiff an seinem Bestimmungsorte nicht anlangte und telephonische Umfragen nach verschiedenen Richtungen ohne Resultat blieben, ging man gestern, Sonntag, auf die Suche und fand in der Nähe von Kehrsiten Trümmer des Schiffes, d. h. Bestandteile der sogenannten ‹Diele› des Maschinenhäuschens.»

Zahlreiche Unglücke auf dem See

Hugo Baumgartner scheint sich seiner Sache absolut sicher zu sein – schliesslich hat er dieselbe Situation selber erleben müssen. Er arbeitete 47 Jahre lang für die Wabag Kies AG in Beckenried, zunächst als Schiffsführer, später bediente er den grossen Schwimmbagger. «Auf einer Fahrt nach Meggen schaffte ich es gerade noch so, am Ufer bei Hertenstein anzulegen – mit 30 Zentimeter Wasser im Nauen.» Sofort musste er den Sand über das Schrapperband – eine Art Förderband mit grossen Schaufeln daran – von der Naue ausladen, sonst wäre sie gesunken. Seine Frau sagt: «Manchmal wusste ich nicht, ob er am Abend nach Hause kommen wird.»

Holzbalken: Wasser dringt ein

Was heute kaum mehr vorstellbar ist, war früher harte Realität: Der Untergang des MS «Flora» war nicht das einzige Schiffsunglück auf dem Vierwaldstättersee. Bereits weit zurück in der Geschichte liegt das Unglück der Naue «Palmsonntag» im Jahr 1766, bei dem 48 Personen aus Obwalden ertranken. Im zweiten Viertel des 19. Jahrhunderts sank ebenso eine Naue im Gebiet Untermatt, unter dem Bürgenstock. Nicht weit davon entfernt ging im dritten Viertel des 19. Jahrhunderts ein Lastsegelschiff unter. Im Jahr 1929 verunglückte die Naue «Schwalmis» aus Beckenried, wobei die fünfköpfige Schiffsmannschaft ums Leben kam. Auch modernere Schiffe konnten dem See nicht standhalten: 1953 ging die Naue «Portland» unter. Ein Grund für die vielen Schiffsunglücke ist die hölzerne Konstruktion. «Wegen des Temperaturunterschiedes im Winter und Sommer bildeten sich Schlitze zwischen dem Gebälk, wo das Wasser eindringen konnte», sagt Hugo Baumgartner. Dem Wasser konnte meist nur mit einer leistungsschwachen Handpumpe entgegengewirkt werden. Für die heutigen Nauen, die komplett geschlossen und aus Eisen gebaut sind, sei das kaum noch ein Problem.

Noch heute am Nauen-Steuer

Schon als kleiner Junge lernte Hugo Baumgartner von seinem Vater den Umgang mit Nauen und lernte auch deren Gefahren kennen. Nicht selten durfte er schon als 10-Jähriger mit Pressluft den Sulzer-Dieselmotor auf der Naue starten. Und selbst heute, mit 76 Jahren, ist Hugo Baumgartner immer noch mit der Naue «Unterwalden» unterwegs, meist um das Restaurant Obermatt bei der Ennetbürger Nas mit Lebensmitteln und Getränken zu beliefern. «Diesen Sommer war ich beinahe täglich auf dem See.»