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WEGGIS: Tochter der Spionin verteidigt ihre Mutter

Das Schicksal einer Schweizer Spionin ist Grundlage des Romans von Alex Capus. Ihre Tochter würde die Geschichte etwas anders erzählen.
Ismail Osman
Anna Keller mit einem alten Familienfoto ihrer Mutter. Unten die Mutter Laura D’Oriano auf einem undatierten Bild. (Bild: Nadia Schärli)

Anna Keller mit einem alten Familienfoto ihrer Mutter. Unten die Mutter Laura D’Oriano auf einem undatierten Bild. (Bild: Nadia Schärli)

In einem kleinen Album hat Anna Keller drei getrocknete Blümchen eingeklebt – zwei für ihre Mutter und eines für alle anderen, die am selben Ort hingerichtet worden sind.

Die Blümchen hat die heute 80-jährige vor rund drei Jahren in der Nähe von Rom gepflückt, im Innenhof der ehemaligen italienischen Militärfestung Forte Bravetta. Diese wurde während des Zweiten Weltkriegs benutzt, um politische Häftlinge zu verhören und hinzurichten. Am Morgen des 16. Januar 1943 fand Annas Mutter, die überführte Spionin Laura D’Oriano, dort den Tod durch Erschiessung. Sie war 31 Jahre alt – ihre Tochter Anna, die heute in Weggis lebt, gerade mal 10.

Kampf um Ansehen der Mutter

Auf den ersten Blick scheint der Lebensweg der Laura D’Oriano geradezu filmreif: Die bildschöne Laura verlässt Mann und Kinder im Thurgauer Dorf Bottighofen und führt stattdessen in Südfrankreich und Italien ein Doppelleben als Sängerin und Spionin für die französische Widerstandsbewegung Résistance und die Alliierten.

Solange sie denken kann, kämpft Anna Keller nun schon darum, dass man bei der Geschichte ihrer Mutter genauer hinschaut, bevor man schnelle Schlüsse über deren Motive und Charakter zieht. «Diese Frau musste so viel durchmachen, und wurde dafür aufs Übelste verleumdet», sagt Anna und ringt dabei auch heute, 70 Jahre später, noch mit den Tränen. Die Wut, die bei diesem Thema in ihr aufkocht, ist nur schwer zu unterdrücken. «Sie war vieles, aber sie war keine leichtfertige Person.» Man mache es sich zu leicht, wenn man sie in die Schablone der intelligenten, aber unsteten Verführerin zwängen will.

Sechs Sprachen

Tatsache ist, dass sie als Tochter zweier Musiker in Kindheit und Jugend durch ganz Europa reiste und dabei fünf Sprachen erlernte. Laura ist das älteste von fünf Kindern der Familie. Diese lässt sich 1924 in Südfrankreich nieder.

1931 lernte Laura D’Oriano, mittlerweile 20 Jahre alt, in Nizza den Schweizer Emil Frauholz kennen und lieben. Geheiratet wird noch im selben Jahr. 1933 kommt Anna als zweite Tochter auf zur Welt. Die Familie zieht von Nizza nach Grasse, wo sie laut Keller einen Kleinwarenladen übernehmen. «Doch die Wirtschaftslage war zu dieser Zeit brutal», sagt Anna Keller. So wird entschieden, auf den elterlichen Hof von Emil Frauholz in Bottighofen am Bodensee zu ziehen. «Dort wurde sie allerdings nie heimisch», weiss Keller. «Die Sprachbarriere war zu gross, und die Dorfbewohner der Fremden gegenüber eher abweisend.» Darüber hinaus plagen die Familie weiterhin grosse Geldsorgen.

Was in der Folge geschah, wird, in den wenigen Erzählungen, die um Laura D’Oriano bestehen, gerne vereinfacht oder mit Klischees und Mutmassungen versehen, sagt die Tochter. Angesichts dessen, was über ihre Mutter in der Vergangenheit gesagt wurde, ist es verständlich, dass Tochter Anna sich schützend vor das Andenken ihrer Mutter stellt. Dass die italienische Justiz, unter der faschistischen Führung, die in Rom enttarnte Spionin, als unstete Person mit lieder­lichem Lebenswandel darstellte und ihr auch Prostitution unterstellte, ist fast schon selbstredend – der eintägige Prozess eine Farce. Der Schweiz ist der Fall mitten in den Kriegsjahren unangenehm. Man unternimmt nichts, um die Schweizerin vor dem Todesurteil zu retten, und wischt den Fall danach unter den Tisch: In einem Untersuchungsbericht wird sie posthum als «verschwenderisch veranlagt» und «unschweizerisch» beschrieben.

«Es tut mir einfach weh»

Nun wird ihre Mutter wieder zu einem öffentlichen Thema: Anlass dazu gibt das jüngst erschienene Buch des Schweizer Autors Alex Capus. In seinem Roman «Der Fälscher, die Spionin und der Bombenbauer» ist eine fiktive Version von Laura D’Oriano eine der Haupt­figuren. Anna Keller gesteht dem Autor zwar die künstlerische Freiheit zu, im Rahmen einer fiktiven Geschichte die Fantasie walten zu lassen. Da allerdings Fiktion und reale Begebenheiten fliessend ineinanderübergehen, wünschte sich Keller mehr Rücksicht: «Der echte Name meiner Mutter wird benutzt, und in der Presse wird selbstredend das Bild meiner Mutter verwendet – wer die Geschichte sonst nicht kennt, wird womöglich davon ausgehen, dass sich die Dinge alle so zugetragen haben, wie im Roman beschrieben.»

Anna Keller ist vom Autor nie kontaktiert worden. Um so schmerzvoller ist es für sie, wenn sie etwa lesen muss, dass ihre Mutter nach dem ersten Streit in Bottighofen sofort ihre Koffer packte und die Familie verliess, ohne diese je wiederzusehen. «Das stimmt einfach nicht, und das tut mir sehr weh.» Tatsächlich sei die Rückkehr der Mutter nach Frankreich mit der Zustimmung des Vaters erfolgt. «Wir brauchten Geld. In Bottighofen Arbeit für sie zu finden, war unmöglich. In Frankreich als Sängerin dagegen schon», sagt Keller. Drei Jahre lang pendelt die Mutter zwischen Südfrankreich und der Schweiz, um die Familie zu versorgen. Das Angebot, für viel Geld mehr über die in Frankreich stationierten Truppen in Erfahrung zu bringen, kann sie nicht ausschlagen. «Mein Vater wusste über ihre Spionagetätigkeit Bescheid – er wusste, woher das Geld kam.»

Mehr aber stört Keller die Darstellung des Charakters der Laura D’Oriano im Roman. Dort wird sie schon als Kind, verdorben durch das Showbusiness, in dem die Eltern tätig sind, zur manipulativen Unruhestifterin. Später wird der fiktiven D’Oriano klar, dass sie nie ein folgsames Kind, eine begehrenswerte Braut, eine zuverlässige Gattin, eine umsichtige Hausfrau und eine treu­sorgende Mutter habe werden wollen. «Nur deshalb hatte sie sich immer aufs Treppchen gesetzt und gesungen», heisst es da etwa. Alles ist klar fiktiv – und dennoch trifft es die real existierende Tochter mitten ins Herz.

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