WEGGIS/BOSTON: Amerikaner mit Ländlerherz

Anthony H. Oberdorfer reiste extra fürs Heirassa-Festival von Boston nach Weggis. Im Gepäck für die Heimreise hat er einen ganz besonderen Schatz.

Luzia Mattmann
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Anthony H. Oberdorfer geniesst einen Kaffee in Luzern.

Anthony H. Oberdorfer geniesst einen Kaffee in Luzern.

Anthony H. Oberdorfer (73) steht nicht gern im Mittelpunkt. «Ich bin doch kein Promi», sagt der Amerikaner aus Boston, als ihn unsere Fotografin vor der Kulisse der Vierwaldstättersee-Schiffe ablichtet. Kein Promi vielleicht, aber doch reichlich exotisch. Besucht der Amerikaner mit Flair für die Schweizer Volksmusik doch schon seit neun Jahren fast jedes Jahr das Heirassa-Festival in Weggis – so auch am vergangenen Wochenende. «Am Heirassa schätze ich auch, dass vor allem Einheimische da sind. Ich habe kaum je einen Amerikaner gesehen», sagt der ehemalige Marineoffizier mit bayerischen Wurzeln. In den 1930er-Jahren sind seine Eltern nach Amerika ausgewandert, er selbst wurde in Boston geboren. Mittlerweile fühle er sich aber fast wie ein Schweizer. «In Weggis bin ich schon beinahe eingebürgert», lacht Oberdorfer, der auch Mitglied der Swiss Society in Boston ist.

Schweizerdeutsch aus der Konserve

Über die Musik habe er einen besonderen Zugang zur Schweiz, sagt Oberdorfer. Mit 10 Jahren war er mit seinen Eltern zum ersten Mal in Luzern und kam mit der hiesigen Musik in Kontakt. Via Radio Beromünster vertiefte er seine Kenntnisse über die Schweizer Volksmusik und entfachte sein Interesse für das Land. «Deutsch habe ich in der Schule gelernt, dann habe ich ein Jahr an der Uni Innsbruck studiert und via Tonkassetten etwas Schweizerdeutsch aufgeschnappt», sagt der Junggeselle, der in Harvard Geschichte studiert hat. «Manchmal bedauere ich es, dass ich nicht meine eigene Familie gegründet habe, aber dann bin ich auch wieder froh um die Freiheit, zu reisen.»

Diese Freiheit hat er genutzt: Als junger Mann war er Marineoffizier und mit einem Eisbrecher in der Arktis und in der Antarktis unterwegs. «Das würde ich gerne wiederholen», meint er. Daher kommt auch die Faszination für die Dampfschiffe auf dem Vierwaldstättersee. Später hat er vieles ausprobiert: Banker in New York etwa, und geschrieben habe er auch, für Zeitungen. «Ich habe mich aber immer mehr für Aussen- als für Innenpolitik interessiert», sagt er – und erkundigt sich flugs nach den aktuellsten Abstimmungsresultaten des letzten Wochenendes.

Generell mag es Anthony H. Oberdorfer gern unkompliziert. Nach Weggis ist er nur mit einem kleinen Rucksack gereist. Mitnehmen müsse er ja nicht viel. Im Gepäck sind frische Kleider und ein Buch über den Nidwaldner Volksmusiker Chaschbi Gander, handsigniert – ein besonderer Schatz. Auch Carlo Brunner kenne er gut und diverse andere Musiker des Heirassa. Viel besser als manche amerikanischen Showgrössen, wie sich unlängst zeigte. «Ich flog von Zürich nach Los Angeles, als eine ältere Dame mit Begleitung zustieg. Ich fragte die Stewardess, ob das eine spezielle Person sei. Worauf diese erstaunt fragte: Was, Sie kennen die berühmte Sängerin Diana Ross nicht?»

Akkordeon liegt bereit

Als Zuhörer möge er die Volksmusik sehr gut, aber selbst spielt er nicht – noch nicht, vielleicht. «Als Marineoffizier konnte ich mir zollfrei Waren liefern lassen und bestellte einmal ein Akkordeon der Marke Hohner», erzählt Oberdorfer. «Allerdings war das Instrument so schwer, dass ich es kaum heben konnte.» Seit rund 50 Jahren warte es darauf, in Betrieb genommen zu werden. «Vielleicht bräuchte ich dazu zuerst etwas Instruktion», sagt er schmunzelnd.

Vielleicht spielt Oberdorfer in Boston noch keinen Ländler, aber zumindest verköstigt er sich traditionell schweizerisch: dank einer Bäckerei, welche zwei Luzerner vor wenigen Jahren in Boston eröffnet haben, wie der Amerikaner begeistert erzählt. «In Amerika lässt das Brot sonst eher zu wünschen übrig», meint er trocken. Schweizerisch gehe es aber beispielsweise auch in Wisconsin zu und her, mit seiner grossen Schweizer Auswanderer-Gemeinschaft, die sogar den Wilhelm Tell aufführe. «Allerdings haben sie das Theater mit einem bayerischen Marsch unterlegt – ich musste lachen, als ich das gehört habe.»

Die Fotografin ist immer noch am Knipsen, als gegen Ende des Interviews die Sonne zwischen den Wolken hervorblitzt. Oberdorfer macht sich bereit, heute geht sein Flug nach Boston. «Nachem Räge schint d Sunne», meint Oberdorfer heiter und packt seinen Rucksack. «Geschwister Pfister. Kennen Sie, oder?»