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Weil Sterbehilfe im Spital verboten ist – todkranker Patient musste extra nach Hause transportiert werden

Im Luzerner Kantonsspital ist Beihilfe zum Suizid nicht erlaubt. Das stösst bei einem Arzt, der solche Patienten begleitet, auf Unverständnis. Der Luzerner Gesundheitsdirektor Guido Graf will nun für alle Spitäler einheitliche Richtlinien prüfen.
Yasmin Kunz
Blick in ein Zimmer der Palliativabteilung am Luzerner Kantonsspital. (Bild: Dominik Wunderli (Luzern, 27. April 2018))

Blick in ein Zimmer der Palliativabteilung am Luzerner Kantonsspital. (Bild: Dominik Wunderli (Luzern, 27. April 2018))

Ein Mann liegt im Spital. Der Krebs breitet sich in seinem Körper aus. Unaufhaltsam. Er kann deswegen kaum mehr sprechen. Das Lebensende naht. Für den Patienten ist klar: Er will mittels Sterbehilfe aus dem Leben scheiden. Palliativpflege lehnte der Betroffene ab. Alle Bedingungen, um Beihilfe zum Freitod in Anspruch zu nehmen, sind erfüllt (siehe Box rechts). Doch das Spital – in diesem Fall das Luzerner Kantonsspital (Luks) – lässt das nicht zu.

«Das Luzerner Kantonsspital ist ein Ort, an dem die Heilung und Genesung der Patienten im Zentrum steht», betont Andreas Meyerhans, Leiter der Unternehmenskommunikation. «Bei Menschen in der letzten Lebensphase legen wir grossen Wert auf ein würdiges Sterben und eine gute Sterbebegleitung.» Man verfüge über entsprechende Unterstützungs- und Behandlungsmöglichkeiten wie etwa Palliativpflege. «Es ist aber nicht möglich, Suizidbeihilfe in Anspruch zu nehmen, weder durch Ärztinnen und Ärzte des Spitals noch durch eine Sterbehilfeorganisation». Die Weisung sei durch das interne Ethik-Forum erarbeitet, von der Spitalführung verabschiedet worden und sei für alle Mitarbeiter des Luks verbindlich, hält Meyerhans fest.

Frank Achermann ist Konsiliararzt für eine Sterbehilfeorganisation. Im oben genannten Fall handelt es sich um einen seiner Patienten. Für die Haltung des Spitals hat Achermann wenig Verständnis: «Ein Spital steht diesbezüglich nicht in der Pflicht, hat auch keinen entsprechenden Leistungsauftrag, das ist richtig. Dafür sind ja eben die Sterbehilfeorganisationen zuständig.» Er weist ferner darauf hin, dass solche Organisationen auch die Betreuung von Angehörigen und Spitalangestellten übernehmen.

Wunsch nach Sterbehilfe im Spital ist sehr selten

Der Wunsch nach Freitodbegleitung ist im Spital selten, wie das Luzerner Kantonsspital sowie die Hirslanden Klinik St. Anna auf Anfrage sagen. Nur ein- bis zweimal pro Jahr würde es vorgekommen, dass ein Patient im Spital Sterbehilfe in Betracht ziehe. Auch in der Klinik St. Anna ist es bis dato noch nie zu einem begleiteten Freitod gekommen.

Die meisten Personen, die einen assistierten Suizid – das ist der rechtliche Terminus für Sterbehilfe – vollziehen, tun dies zu Hause. Und in rund einem Drittel der Luzerner Alters- und Pflegeheime ist der begleitete Freitod ebenfalls möglich. Die restlichen Heime wollen entweder von Freitodbegleitung nichts wissen oder sind aktuell daran, Regelung zu erarbeiten (Ausgabe vom 29. Januar 2018).

«Das Luzerner Kantonsspital ist ein Ort, an dem die Heilung und Genesung im Zentrum steht.»

Während das Kantonsspital Luzern wie etwa auch das Spital Schwyz oder das Universitätsspital Zürich eine klar ablehnende Haltung gegenüber der Sterbehilfe in den eigenen Räumlichkeiten hat, sieht es in der Hirslanden Klinik St. Anna etwas anders aus. Zwar bietet sie «assistierten Suizid nicht an, schliesst es aber auch nicht kategorisch aus», wie Kliniksprecher Lukas Hadorn auf Anfrage sagt. Man habe schon die Situation erlebt, dass Patienten den Wunsch nach Sterbehilfe geäussert haben. «In einem solchen raren Szenario hat die Klinik den Wunsch insofern mitgetragen, dass entsprechende Vorgespräche unter dem Einbezug klinikexterner Fachpersonen ermöglicht wurden.» Der Suizid fand dann aber nicht in der Klinik statt. Gäbe es aber keine andere Möglichkeit für den Patienten als den «assistierten Suizid im Spital auszuführen, wäre die Situation unter Berücksichtigung aller Aspekte individuell und situativ zu beurteilen», hält Hadorn fest. Mit Aspekten sind nicht nur die Voraussetzungen gemeint, sondern auch die psychische Belastung von Angehörigen und jene des medizinischen Personals. Hadorn: «Ein solcher Prozess ist extrem anspruchsvoll.»

Das ist auch der Schweizerischen Akademie der Medizinischen Wissenschaften, kurz SAMW, klar. In einem Positionspapier hält sie den Clinch für das Spitalpersonal so fest: «Das betreuende Team kann bei einem Suizidwunsch in Gewissensnöte kommen. Die Aussicht, dass jemand, den man mit grossem Aufwand betreut und gepflegt hat, mit Suizid aus dem Leben scheiden möchte, ist grundsätzlich schwierig zu akzeptieren.» Andersherum – wenn der Patient anderswo Sterbehilfe in Anspruch nimmt – «könnte das Gefühl aufkommen, ‹seinen› Patienten gerade am Ende des Lebens im Stich zu lassen».

Westschweiz ist punkto Sterbehilfe liberaler

Anfang 2006 hat das Universitätsspital Lausanne als erstes Akutspital der Schweiz beschlossen, Sterbehilfeorganisationen den Zutritt zu erlauben.

Als Reaktion darauf hat der Vorstand der SAMW eine Stellungnahme veröffentlicht. Darin legt er dar, dass er aus ethischer Sicht keine überzeugenden Argumente sieht, Suizidbeihilfe in Akutspitälern grundsätzlich auszuschliessen, allerdings sei den besonderen Umständen in einem Spital als Ort, an welchem primär geheilt wird, und in dem sich die Patienten in der Regel nur kurze Zeit aufhalten, Rechnung zu tragen. Die Zentrale Ethikkommission der SAMW kam 2007 zum Schluss, dass sich die Spitäler mit der Grundfrage, ob Suizidbeihilfe erlaubt sein soll, befassen und eine eigene Haltung definieren, die den lokalen Gegebenheiten Rechnung trägt.

Im Kanton Waadt wurde 2012 an der Urne ein Gesetz angenommen, das den Zutritt für Sterbehilfeorganisationen zu Heimen und Spitälern regelt. Neuenburg kennt ebenfalls solche Bestimmungen. Einheitliche Regelungen waren auch in anderen Kantonen bereits ein Thema. So etwa im Kanton Basel-Stadt, wo der Grosse Rat 2015 eine entsprechende Motion wegen einer Stimme bachab geschickt hatte.

Nun denkt auch der Kanton Luzern über eine allfällige Regelung nach, wie Gesundheitsdirektor Guido Graf auf Anfrage sagt: «Nachdem verschiedene Westschweizer Kantone eine Regelung für Sterbehilfe in den Akutspitälern geschaffen haben, ist es sicher angezeigt, dass wir ebenfalls prüfen, ob wir Richtlinien erarbeiten wollen.» Der CVP-Regierungsrat würde allerdings vorerst «eingehend mit den Verantwortlichen der Spitäler» diskutieren wollen. Das umfasse eine Bedürfnisabklärung. Zudem weist Graf darauf hin, dass die Spitäler über ein breites Angebot in der Palliativpflege verfügen. «Der Patientenwille muss indes in allen Spitälern respektiert werden. Das heisst aber nicht, dass der assistierte Freitod auch in den Räumen des Spitals angeboten werden muss.»

Im vorliegenden Fall wären die Angehörigen des Patienten bereit gewesen, im Spital von ihm Abschied zu nehmen. Der Mann wurde dann – «obwohl ihm der Transport unsägliche Schmerzen verursacht haben muss» -, in seine Altbauwohnung in der obersten Etage transportiert, wo ihm das tödliche Mittel Natriumpentobarbital verabreicht wurde.

Mehr begleitete Suizide

724 Menschen sind 2014 in der Schweiz mittels assistiertem Suizid aus dem Leben geschieden. Das sind die aktuellsten Zahlen des Bundesamtes für Statistik(BfS). Die Zahl assistierter Suizide würden hierzulande jährlich zunehmen. Auch die Organisation Exit, welche Freitodbegleitungen anbietet, macht diese Beo-bachtung. Machten 2010 rund 260 Personen davon Gebrauch gemacht, waren es 2016 bereits 722.

In der Schweiz ist Freitodhilfe legal, sofern sie nicht aus selbstsüchtigen Gründen erfolgt und weitere Bedingungen erfüllt sind. Konkret darf Freitodhilfe gewährt werden, wenn die sterbewillige Person versteht was sie tut, nicht aus dem Affekt handelt und sämtliche Alternativen zum Freitod erwogen hat, einen dauerhaften Sterbewunsch hegt und nicht von Dritten beeinflusst wird. Zudem muss die Person das tödliche Mittel Natriumpentobarbital selber einnehmen. Wenige Minuten nach der Einnahme verfällt der Patient in einen Tiefschlaf. Der Tod tritt in tiefem, komatösen Schlaf durch das Aussetzen der Atemimpulse und Herzstillstand ein. Jeder Freitod, auch begleitete, ist ein «aussergewöhnlicher Todesfall». Deshalb muss nach Feststellung des Todes durch einen Arzt die Polizei benachrichtigt werden. (kuy)

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