Weniger Bauern halten im Kanton Luzern mehr Tiere

Die Zahl der Hühner, Schweine und Kühe ist im Kanton Luzern im Gegensatz zu jener der Halter massiv gestiegen. Der Präsident des Luzerner Bauernverbands kennt die Gründe – und wagt eine Zukunftsprognose.

Lukas Nussbaumer
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Laut den neusten Zahlen von Lustat Statistik Luzern führen im Kanton derzeit 4561 Bauern einen Hof. Das sind im Vergleich zu 1946 weniger als die Hälfte. Eine eindrückliche Entwicklung zwar – aber im Vergleich zum seither registrierten Wachstum des Hühner- und Schweinebestands ein Klacks. So hat sich die Zahl der Schweine seit Ende des Zweiten Weltkriegs versiebenfacht, und jene der Hühner ist um den Faktor vier gestiegen. In der gleichen Zeitspanne ist die Zahl der Halter stark gesunken: Hielt ein Landwirt 1946 noch 7 Schweine, sind es aktuell mehr als 240.

Ebenfalls markant entwickelt hat sich die Rindviehdichte pro Bauer – von 12,5 Mitte der 1940er Jahre auf mehr als 40. Es kümmern sich also immer weniger Landwirte um laufend mehr Nutztiere.

Jakob Lütolf, aufgrund der Amtszeitbeschränkung von acht Jahren demnächst abtretender Präsident des Luzerner Bäuerinnen- und Bauernverbands (LBV) und selber Landwirt in Wauwil, analysiert für unsere Zeitung diese Entwicklung – und blickt voraus (siehe Text am Ende).

Früher hielt fast jeder Bauer Hühner und Schweine

Am markantesten ist die Zunahme der Tiere pro Halter bei den Hühnern und Schweinen – sie ist seit 1946 um mehr als das Dreissigfache gestiegen. Das dürfte damit zu tun haben, dass früher auf fast jedem Hof Hühner oder Schweine zur Selbstversorgung gehalten wurden, vermutet Jakob Lütolf. Heute spezialisieren sich die Landwirte viel stärker, was sich in der klar gesunkenen Zahl der Halter von Hühnern und Schweinen widerspiegelt.

Grösser geworden sind auch die Rindviehbetriebe – jedoch nur um den Faktor 3. Und in den letzten zehn Jahren ist das Grössenwachstum beim wichtigsten Betriebszweig der Luzerner Bauern abgeflacht, die Gesamtzahl der Tiere ist sogar leicht gesunken. Für Lütolf, der sich zusammen mit einem Nachbarn auf Milchwirtschaft und Ackerbau spezialisiert hat, sind dafür vorab drei Gründe verantwortlich.

Erstens ist der Milchpreis tief. Er liegt aktuell bei etwa 60 Rappen pro Kilo. In den 1980er Jahren betrug er zeitweise über einen Franken. Biobetriebe erhalten zwar mit rund 80 Rappen mehr Geld. Doch das könnte sich ändern, weil das Angebot die Nachfrage bald übersteigen könnte. Erschwerend für Milchbauern ist, dass die Milchwirtschaft ein sehr arbeitsintensiver Betriebszweig ist.

Zweitens ist die Milchleistung pro Kuh gestiegen. Sie liegt beim Braunvieh, der im Kanton Luzern am stärksten verbreiteten Rasse, aktuell bei etwas mehr als 7300 Kilogramm pro Jahr. Zum Vergleich: Vor 30 Jahren lag sie noch bei rund 5000 Kilogramm. Die Steigerung ist auf den Zuchtfortschritt und bessere Fütterung zurückzuführen. Die produzierte Milchmenge in der Schweiz ist mit rund 3,4 Milliarden Kilo pro Jahr seit Jahrzehnten stabil.

Drittens werden Höfe bei Übergaben oder anstehenden Investitionen oft neu ausgerichtet – auf Schweinezucht oder -mast, auf Mutterkuhhaltung oder Geflügelproduktion, oft verbunden mit einem Nebenerwerb. «Das ist aus betriebswirtschaftlicher Sicht richtig und nachvollziehbar», sagt der verheiratete Vater von zwei Kindern, der seit 2013 im Vorstand des Schweizerischen Bauernverbands und in mehreren Kommissionen des Dachverbands der Landwirte mitwirkt.

Höhepunkt bei Gesamtzahl der Tiere ist wohl erreicht

Doch wie entwickelt sich die Luzerner Landwirtschaft? Werden die seit 70 Jahren massiv gestiegenen Bestände an Hühnern, Schweinen und Kühen weiter zunehmen? Hält der Trend zu immer grösseren Bauernhöfen an? Schliesslich ist nicht nur die Zahl der Tiere pro Halter stark angestiegen, sondern auch die Nutzfläche pro Betrieb. Sie ist allein in den letzten 20 Jahren um etwa einen Drittel auf knapp 20 Hektaren pro Hof gewachsen.

Lütolf, der mit 39 Hektaren rund die doppelte Fläche eines durchschnittlichen Luzerner Betriebs bewirtschaftet, geht davon aus, dass der Höhepunkt bei der Gesamtzahl der Tiere erreicht ist. Dies wegen strengen Auflagen beim Ammoniakausstoss und aufgrund des gesättigten Markts. Bezogen auf den Einzelbetrieb, könne es aber weitere Zunahmen von Tierzahlen geben, sagt der designierte Präsident des Zentralschweizer Bauernbunds: «Ich denke aber, das Wachstum wird abflachen.»

Wo liegt das Heil?

Der 52-jährige Jakob Lütolf tritt nach acht Jahren als Präsident des Luzerner Bäuerinnen- und Bauernverbands ab. Der frühere CVP-Kantonsrat und Gemeindepräsident von Wauwil führt in einer Betriebsgemeinschaft einen auf Milchwirtschaft und Ackerbau spezialisierten Hof.

Was hat Sie in Ihrer Amtszeit am meisten beschäftigt?

Jakob Lütolf: Die Entfremdung der Gesellschaft gegenüber der Landwirtschaft. Vor zwei Generationen hatte noch fast jeder Konsument einen direkten Bezug zur Landwirtschaft, heute höchstens noch über die Werbung, die ein irreales Bild der Landwirtschaft wiedergibt.

Realität ist beispielsweise, dass Seen wie der Baldeggersee wegen zu viel Gülle stark mit Phosphor belastet sind.

Sie waren zu stark belastet. Doch den Schwarzen Peter nur der Landwirtschaft zuzuschieben, ist nicht ganz fair. Es gibt Altlasten, die nicht allein von den Bauern stammen, sondern von der Gesellschaft aus der Zeit, als es noch keine Kläranlagen gab, und aus Phosphat von Waschmitteln.

Empfehlen Sie Berufskollegen den Umstieg auf Bio?

Ich habe grosse Freude an Bio, weil die Konsumenten bereit sind, einen angemessenen Preis zu zahlen. Wir müssen aber aufpassen, dass der Markt weiter von der Nachfrage und nicht vom Angebot gesteuert wird. Sonst droht ein grosser Preiszerfall. So gesehen, sind die Trinkwasser- und die Pestizid-Initiative sehr gefährlich für einen weiter funktionierenden Biomarkt.