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Leserdebatte

Wenn das Du zum Standard wird – und was es damit auf sich hat

Immer öfters begegnet uns im Alltag das Duzen. Über die Vor- und Nachteile herrscht Uneinigkeit, doch einige finden sich mit ungewohnten Situationen konfrontiert.
Sasa Rasic

Deutlich häufiger treffen wir – Du und ich, liebe Leserin, lieber Leser – im täglichen Leben das Du an. Auch an eher ungewohnten Orten. So werden etwa bei der Gemeinde Emmen Stelleninserate seit Neuestem mit Duzis formuliert. Auch beim Bewerbungsgespräch und ganz generell in der Verwaltung herrscht nun über alle Hierarchiestufen untereinander das Du. Auch bei der Gemeinde Kriens wird offiziell die Duz-Kultur gelebt.

Die Arbeitswelt wird kollegialer und das Duzen in Unternehmen immer präsenter. Symbolbild: Martin Ruetschi/Keystone

Die Arbeitswelt wird kollegialer und das Duzen in Unternehmen immer präsenter. Symbolbild: Martin Ruetschi/Keystone

Dies ist keine Eigenheit der öffentlichen Verwaltung: Auch in der Privatwirtschaft ist das Du auf dem Vormarsch. Diese zunehmende Veränderung der öffentlichen Gepflogenheiten kann zu einigen Unklarheiten und Fragen führen.

Wie weit verbreitet ist das Duzen in der Arbeitswelt?

Diverse grosse öffentliche und private Unternehmen haben sich intern das Du auf die Fahne geschrieben. Bei seinem Antritt im Frühling dieses Jahres hat der neue Post-CEO Roberto Cirillo per E-Mail allen Mitarbeitern das Du angeboten. Seit Längerem ist bekannt, dass der abtretende SBB-Chef Andreas Meyer auf das Duzen setzt. Zu den weiteren Unternehmen, welche offiziell intern per Duzis sind, gehören unter anderem: Hotelplan, Swisscom, Postfinance, Raiffeisen, Lidl, Swiss, Bank Cler, Aldi. Je nach Branche und Lokalität ist das Duzen in Unternehmen bereits länger Standard. So wird etwa in einem Start-Up inmitten eines urbanen Zentrums untereinander kaum ein Sie zu hören sein. Insbesondere, aber nicht nur im Technologie-Sektor herrscht je nach Nähe zu internationalen Märkten und dem Englischem als am Weitesten verbreiteten Handelssprache das Du vor. Falls die Unternehmenssprache nicht bereits Englisch ist, wo das Problem des Siezen oder Duzens auf diese Weise nicht besteht.

Welche Vorteile werden aufgeführt?

Die Präsidentin der Personalkommission der Gemeinde Emmen Ingeborg Dannecker sagte gegenüber unserer Zeitung: «Die Gemeindeverwaltung wächst zu einer Einheit zusammen. Es fällt einem leichter, Mitarbeitende und Vorgesetzte aus anderen Departementen zu kontaktieren.» Daneben könne man sich so als moderne Gemeinde und attraktiver Arbeitgeber für junge Leute positionieren. Diese Punkte decken sich auch mit Erkenntnissen in der Unternehmensberater-Branche. Oft werden als Argumente die Stärkung des Wir-Gefühls und Vereinfachung genannt. Zudem wird häufig eine Verflachung der Hierarchie angestrebt.

Welche Nachteile gibt es dabei?

Diese betreffen natürlich vor allem Personen, welche das Sie gewohnt sind. Sie könnten sich in der allgemeinen Du-Kultur unwohl fühlen. Zudem blühen Vorgesetzten auch neue Herausforderungen. Schlechte Nachrichten etwa bezüglich Kündigungen, können zu emotionaleren Situationen führen. Häufig wird auch die Befürchtung laut, dass der Umgang untereinander salopper und respektloser werden könnte. Oft wird der Umstand angeführt, dass etwa ein «Du Dubel!» leichter ausgesprochen ist, als ein «Sie Dubel!». Doch auch dazu gibt es Gegenstimmen, so zum Beispiel vom promovierten Organisationspsychologen und Unternehmensberater Felix Frei. Dieser sagt gegenüber unserer Zeitung:

«Respekt beruht nicht auf Formalitäten, sondern ist eine substanzielle Angelegenheit zwischen Personen.»

Welche Auswirkungen hat das Duzen auf die Unternehmen?

Wissenschaftlich erhärtete Daten zum Duzen in der Arbeitswelt sind eher selten, aber es gibt sie vereinzelt. Eine Studie des Wirtschaftspsychologen Uwe Kanning von der Hochschule Osnabrück hat gezeigt, dass bei Bewerbern Stelleninserate per Du eine Firma moderner und mitarbeiterorientierter wirken lässt. Die Kollegen wurden als freundlicher und die Arbeitsaufgaben als vielfältig eingestuft. Beim Siezen wurde das Unternehmen als fordernd und die Kollegen als aufgabenorientiert und leistungsfähig wahrgenommen. Trotz der Unterschiede zeigte jedoch keine der Varianten ein negativeres Bild bei der Bewertung des Inserats oder Unternehmens.

Wie sehr haben sich die Gepflogenheiten in den letzten Jahren verändert?

«Viele Firmen haben in den letzten Jahren das Du eingeführt. Darunter auch althergebrachte wie die SBB oder Kantonalbanken», sagt Irène Wüest, Skill-Coach, Organisations- und Kommunikationsberaterin aus Eich. Für sie ist klar ein Wertewandel im Gang, den wir nicht aufhalten können. «Du» ist der Trend unserer Zeit, strahle Modernität aus und erleichtere in vielen Situationen das Miteinander. Verursacht wurde der Einzug des Dus unter anderem durch die Internationalisierung, insbesondere der englischen Sprache, dem amerikanischen Kultureinfluss: Unkompliziert, spontan, einfach soll es sein. Irène Wüest:

«Zudem rücken wir durch die Digitalisierung und Social Media näher zueinander; die Welt wird zu einem Dorf. Das Du ist Teil der digitalen Welt.»

Die Jungen würden damit aufwachsen. Sie kennen nichts anderes. Wüest: «In der älteren Generation hingegen sorgt die universelle Duz-Kultur für Diskussionen.» In unserer traditionellen Sie-Kultur habe bis anhin das Du etwas Besonderes ausgedrückt – eine Wertschätzung, die auf Vertrauen und Zuneigung basiert und etwas besiegelt, das gewachsen ist. «Das moderne Du suggeriert hingegen eine Nähe, die nicht wirklich da ist», sagt sie. Und diese Nähe will auch nicht jeder haben, insbesondere derjenige nicht, der ein grosses Distanzbedürfnis hat. Mit dem universellen Du, der Uniformität werde uns das Persönliche und insbesondere auch die Wahlfreiheit genommen, selber zu entscheiden, ob man Nähe oder Distanz wolle. Wüest: «Dies ist das Opfer, das der aktuelle Kulturwandel wohl oder übel mit sich bringt.»

Wie verhält man sich am Besten bei ungewolltem Duzen? Kann man sich am Arbeitsplatz dagegen wehren?

«Falls es beschlossene Sache ist, kann ich mich nicht wehren», sagt Irène Wüest. Falls jemand mit dem Du nicht klar kommt, «muss sie oder er für sich schauen: entweder ich passe mich an oder verlasse in letzter Konsequenz das Unternehmen, da ich nicht mehr dazugehöre.»

In welchen Alltagssituationen ist das Du neu anzutreffen?

«In Vereinen ist es ja schon seit je präsent, aber was auffällt, ist, dass bei gesellschaftlichen Netzwerken und Interessengruppen deutlich schneller zum Du gewechselt wird als früher», sagt Irène Wüest. Es greife eine allgemeine Lockerheit um sich, was oft positiv ist, zugänglicher macht und die Gespräche auf eine persönlichere Ebene bringt. Lockerheit zeige sich schliesslich auch in anderen Bereichen, wenn man etwa die Kleidung in der Öffentlichkeit betrachtet, wo viel mehr Lockerheit, etwa in Form von sportlichen Outfits, toleriert wird als früher.

Welche Regeln gelten weiterhin? Wie ist man in dieser Frage auf der sicheren Seite? Wo wird sich das Sie weiterhin halten?

Um sich in der Welt des allgemeingültigen Dus zurechtzufinden gibt es einige Hilfen. «Nicht in Situationen reinpreschen, die Körpersprache des Gegenübers beachten», sagt Irène Wüest. Dabei sollte zudem der gesellschaftliche Kontext beachtet werden: Bei geschäftlichen Treffen im KKL oder etwa im Bundeshaus sollte man nicht gleich in die Du-Offensive gehen. «Ich muss zuerst herausfinden, wie willkommen ich irgendwo bin, bevor ich, sofern es an mir ist, das Du anbiete», sagt Irène Wüest. Ganz klar nicht aus der Mode kommen wird das Sie bei asymmetrische Beziehungen und klaren Autoritäten (Arzt, Gericht/Richter, Bundesrat/Regierungsrat). Hier braucht es eine Distanz, eine Objektivität, die unter anderem mit dem Sie ausgedrückt wird. «Auch bei Kundenbeziehungen empfehle ich auf’s Erste ein Sie. Zuerst ‹Beschnuppern› und dann über die passende Anrede entscheiden», sagt Irène Wüest.

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