Wenn der Eiger ruft, ist er zur Stelle

Am Donnerstag veröffentlicht der Sörenberger Roger Schäli sein zweites Extra-Magazin «Passion Eiger». Der 40-jährige Alpinist kennt den Eiger wie seine Westentasche. Sein neustes Projekt hat er bereits begonnen: eine Alpendurchquerung.

Natalie Ehrenzweig
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Eines von vielen Bildern in Roger Schälis neuem Magazin. Hier klettert er die Route «La vida es silbar» am Eiger. (Bild: Jan Vincent Kleine/Magazin Passion Eiger)

Eines von vielen Bildern in Roger Schälis neuem Magazin. Hier klettert er die Route «La vida es silbar» am Eiger. (Bild: Jan Vincent Kleine/Magazin Passion Eiger)

Roger Schäli hat selbst immer lieber Magazine gelesen als Bücher. «Die Texte sind kürzer und man kann mit tollen Bildern Emotionen wecken», beschreibt der Sörenberger seinen Entscheid, statt wie andere Alpinisten Bücher herauszugeben, am Donnerstag mit dem Entlebucher Medienhaus sein zweites Extra-Magazin «Passion Eiger» zu lancieren. Der Aufwand für so ein Magazin sei allerdings mit dem für ein Buch zu vergleichen, meint er lachend.

Mit 13 Jahren hat Roger Schäli zusammen mit seinem Vater angefangen zu klettern. «Als ich etwas älter war, hatten wir eine superaktive SAC-Jugendorganisation Entlebuch. Entweder wir standen auf den Ski oder waren am Klettern.» Als er sich überlegte, wie er möglichst viel klettern könnte, lag die Bergführer-Ausbildung nach der Zimmermann-Lehre nahe. «Erst danach habe ich bemerkt, dass man als Bergführer nicht mehr so viel selbst klettert», sagt er schmunzelnd.

Allein die Nordwand 43-mal durchklettert

Roger Schäli gilt als Eiger-Spezialist. Er hat 19 Routen geklettert und die Nordwand 43-mal durchklettert. Dazu kämen mindestens ebenso viele abgebrochene Routen: «Der Eiger ist grösser, mächtiger, ernster und Respekt einflössender als etwa die Wendenstöcke. Die Nordwand ist eine eigentliche ‹Big Wall›. Er hat eine ungeheure Dimension. Wenn ich dort bin, muss ich funktionieren», schwärmt er.

Im Hier und Jetzt sein, Ruhe, Fokus und Glückseligkeit, das findet der 40-Jährige dort. Dabei sei die Glückseligkeit, je älter er werde, nicht so sehr nur von der Leistung abhängig: «Ich fühle mich einfach sehr privilegiert, dass ich dort sein kann, klettern oder auch anderen helfen kann, einen Traum, wie die Heckmair-Route zu klettern, zu verwirklichen», sagt der Sörenberger, der in der Nähe von Interlaken lebt. Der Fokus ist auch nötig, denn gerade an einem Berg wie dem Eiger kann es schnell gefährlich werden.

Roger Schäli hat bereits als Jugendlicher einen 30-Meter-Sturz in ein Geröllfeld auf der Schrattenfluh schwer verletzt überlebt, was ihn zeitweise auch in den Rollstuhl brachte. Später erlebt er immer wieder, wie Freunde in den Bergen tödlich verunglücken. «Man wird mit dem Tod und dem Leben konfrontiert. Und man wird reifer, bescheidener und dankbarer. Natürlich muss ich vorsichtig sein, aber ich muss auch leben», betont er. Das Bewusstsein dafür, dass das Leben endlich ist, erde ihn, auch wenn er nicht spirituell im esoterischen Sinn sei. «Aber wenn du in den Bergen ohne Energie und Intuition unterwegs bist, wirst du nicht alt.» Er müsse sich auf Gefühl und auch Vorahnung verlassen können. «In den Bergen kannst du die Antworten nicht googeln oder per App holen, die musst du erfahren.»

Der Fokus, den der Eiger – und natürlich auch alle anderen Projekte – von Roger Schäli abverlangt, bringe auch eine Intensität des Erlebens mit sich. «Wenn ich von einem tollen, erfolgreichen Tag am Berg heimkomme, ist mir egal, wenn ich unerledigte Nachrichten und E-Mails habe.»

Der Versuch, perfekte, effiziente Tage zu haben, mit Training, gesundem Essen, Sponsorenmeetings, E-Mails beantworten und zehn Telefonate führen, endet bei den meisten damit, dass man nur die Hälfte schaffe. «Deshalb versuche ich, auch im Alltag einer Sache meine volle Aufmerksamkeit zu schenken. Wie jetzt in meiner Gleitschirm-Ausbildung.» Wenn er nicht richtig bei der Sache sein könne, sei das für ihn unbefriedigend.

Job als Bergführer als Altersvorsorge

Befriedigend ist für Roger Schäli dafür seine berufliche Situation: Zu 20 Prozent führt er Interessierte auf Berge, zu 20 Prozent hält er Vorträge – wie zum Beispiel «Passion Eiger» – und zu 60 Prozent finanziert er sich mittels Sponsoren. «Ich würde es nicht anders wollen, ich bin ein stolzer Bergführer. Es ist immer ein gutes Training, mit einem Gast unterwegs zu sein. Ausserdem hält es mich fürs Alter fit.» Das sei seine Altersvorsorge. Da er keine Familie habe, könne er es sich leisten, seinen Lebensunterhalt auch später noch als Bergführer zu verdienen.

Doch bis dahin hat Roger Schäli noch viel vor. Er durchklettert die Alpen von Ost nach West. «Diesen Sommer konnte ich bereits 30 Routen realisieren, Texte schreiben und Fotos machen», freut er sich.

Seine neuste Route am Eiger, «Airplane Mode», möchte er Rotpunkt begehen. Wobei Rotpunkt bedeutet: Freies Durchsteigen einer Kletterroute im Vorstieg in einem Zug, bei dem die Sicherungskette nicht belastet wird. «Und in Patagonien möchte ich den Cerro Torre noch ganz frei klettern. Nächstes Jahr plane ich ausserdem eine Expedition in den Himalaja.» Es sei wichtig, die Balance zwischen zu einfacher und zu schwieriger Kletterei zu finden, um immer wach zu bleiben. Aber erst gibt Roger Schäli heute sein neues Magazin heraus – gefeiert wird natürlich auf einem Berg, dem Sörenberger Hausberg Brienzer Rothorn.

Roger Schäli bei der Roten Fluh an der Eiger-Nordwand. (Bild: Frank Kretschmann)
5 Bilder
Roger Schäli, Alpinist aus Sörenberg, Bildquelle: Magazin Passion Eiger/ Frank Kretschmann
Roger Schäli auf den letzten Metern der Route «Airplane Mode». (Bild: Robert Bösch)
Nahezu 100 Nächte hat Roger Schäli schon in einem sogenannten Tschechenbiwak verbracht. Hier ist er mit den Freunden Robert Jasper (rechts) und Simon Gietl (Mitte) unterwegs. (Bild: Frank Kretschmann)
15 Meter über dem Abgrund: Roger Schäli bei der Passage «Emergency Exit». (Bild: Frank Kretschmann)

Roger Schäli bei der Roten Fluh an der Eiger-Nordwand. (Bild: Frank Kretschmann)

Bilder: Noch mehr Eindrücke mit App

Roger Schäli (40) ist Profialpinist und Bergführer. Der Sörenberger gibt in Zusammenarbeit mit dem Entlebucher Medienhaus am Donnerstag, 17. Oktober sein zweites Magazin heraus. Neu an diesem Magazin ist, dass die Leser, wenn sie die entsprechende App herunterladen, mittels Augmented Reality, dem Magazin hinterlegte Bilder und Videos schauen können. Dies war vor allem möglich durch die Beteiligung des Medienhauses am Start-up XTEND interactive GmbH. Das Magazin ist ab Freitag erhältlich für Fr. 18.50 unter www.entlebucher-medienhaus.ch/passion-eiger. (nez)